Überzeugenden Nachfolge-Kandidaten fehlen
Entscheidung über Sommers Ablösung vertagt

Eine Ablösung von Telekom-Chef Ron Sommer ist nach Angaben aus dem Umfeld des Konzerns bislang am Fehlen eines überzeugenden Nachfolge-Kandidaten gescheitert. Am kommenden Dienstag soll sich nun offenbar der gesamte Aufsichtsrat mit dem Thema Sommer und den Auswirkungen auf das Unternehmen befassen.

Reuters FRANKFURT. Im Präsidium des Aufsichtsrats habe Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus am Dienstag keine überzeugende Alternative zu Sommer bieten können, hieß es in dem Unternehmen nahe stehenden Kreisen und in politischen Kreisen am Mittwoch übereinstimmend. Daher seien die Arbeitnehmervertreter nicht mit einer Ablösung des Telekom-Chefs einverstanden gewesen. Sommer ist nach Angaben aus Unternehmenskreisen nicht zu einem Rücktritt bereit. Die Telekom selbst lehnte eine Stellungnahme zu den Vorgängen ab. Die Bundesregierung vermied es erneut, Sommer den Rücken zu stärken. An der Börse schwankte der Kurs der Telekom-Aktie wegen der Spekulationen um Sommer stark.

"Winkhaus hat sich zum Fürsprecher der Ablösung von Sommer gemacht, konnte dem Präsidium jedoch weder einen Nachfolger oder ein mittelfristiges Konzept für das Unternehmen präsentieren", hieß es in den Kreisen. Daraufhin habe die Arbeitnehmerseite empört reagiert und die Ablösung abgelehnt. Sollte ein geeigneter Nachfolger präsentiert werden können, sei eine Zustimmung der Arbeitnehmervertreter aber nicht ausgeschlossen.

Sommer sieht keinen Grund für seinen Rücktritt

In Unternehmenskreisen hieß es, der im Umgang mit Rücktrittsforderungen erfahrene Sommer sei der Auffassung, dass in den vergangenen Monaten keine neuen Entwicklungen eingetreten seien, die einen Rücktritt nahe legten. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", wurde der seit Mai 1995 amtierende Chef der Deutschen Telekom zitiert.

Der Aufsichtsrat der Deutschen Telekom wird am kommenden Dienstag bei einer außerordentlichen Sitzung über die Situation des Unternehmens beraten. Der Präsidialausschuss des Aufsichtsrates habe entschieden, das Gremium am 16. Juli einzuberufen, teilte die Telekom am Mittwoch offiziell mit. Zuvor war das Treffen schon aus Aufsichtsratskreisen angekündigt worden. "Das gesamte Thema Sommer und die laufende Debatte um seine Person werden dann diskutiert", hieß in den Kreisen. Für eine Ablösung des inzwischen heftig umstrittenen Vorstandschefs Ron Sommer wäre eine Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat erforderlich.

Wahlkampfthema Ron Sommer

Wegen der hohen Verschuldung des ehemaligen Staatskonzerns und des abgestürzten Aktienkurses steht Sommer seit Monaten bei Investoren und Kleinaktionären in der Kritik. Die Telekom zählt in Deutschland rund drei Millionen Privataktionäre. Der Verbleib von Sommer an der Spitze des größten europäischen Telekom-Konzerns wird auch immer stärker zu einem Thema im Bundestagswahlkampf. Der haushaltspolitische Sprecher der Union, Dietrich Austermann (CDU), rechnet mit einer Ablösung Sommers "noch vor der Bundestagswahl". Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wolle Sommer austauschen, "um deutlich zu machen, dass gehandelt wird" und um von eigenen Versäumnissen abzulenken.

Mit 43 Prozent des Kapitals ist der Bund größter Aktionär. Im Aufsichtsrat stellt der Bund einen der zehn Vertreter der Arbeitgeber, zehn weitere Vertreter stammen aus dem Arbeitnehmerlager. Nach Telekom-Angaben kann der Aufsichtsrat Sommer mit Zwei-Drittel-Mehrheit ablösen.

Ministerium warnt vor Schäden für das Unternehmen

Das Bundesfinanzministerium warnte angesichts der Diskussionen um die berufliche Zukunft Sommers vor Schäden für das Unternehmen. "Die Entscheidung über die Besetzung des Vorstands der Deutschen Telekom, seiner Überprüfung und gegebenenfalls auch Kritik an Entscheidungen des Vorstandes obliegt einzig und allein dem Aufsichtsrat der Deutschen Telekom", hieß es. Die Regierung werde sich zurückhalten. In Kreisen der Telekom hieß es ebenfalls, dass die Auswirkungen der Personal-Debatte zunehmend Sorgen bereiteten. Sommer sei inzwischen "verärgert", da das Unternehmen Schaden nehme.

Auch andere Branchenvertreter äußerten die Befürchtung, dass ausländische Investoren den Eindruck gewinnen könnten, dass die Regierung entgegen ihrem Kapitalsanteil doch eine bestimmende Funktion bei der Telekom ausüben könne. Der Vize-Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, warnte: "Den größten Schaden, den man jetzt anrichten kann, ist der, den Politikern Einfluss auf das Unternehmen zuzubilligen.

Erneute Kurskapriolen der T-Aktie

Bei der Telekom-Aktie führten die anhaltenden Spekulationen um Sommers Zukunft erneut zu starken Kursschwankungen. Gegen Abend zog ein deutlich schwächerer Gesamtmarkt die zuvor freundlichen Aktien mit knapp zwei Prozent ins Minus auf 11,12 Euro. Seit ihren Höchstständen im Frühjahr 2000 hat die Telekom-Aktie rund 90 Prozent verloren. Händler erwarten Kurseinbußen, falls Sommer im Amt bleiben sollte. Seine Reputation sei zerstört, hieß es.

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