Überzeugter Europäer und Transatlantiker
Antritt mit Fehlstart: José Manuel Barroso

Zweite Wahl" und "kleinster gemeinsamer Nenner" wurde José Manuel Barroso im Juni nach seiner Ernennung zum neuen Präsidenten der EU-Kommission genannt. Der überzeugte Europäer und Transatlantiker Barroso wurde erst im zweiten Durchgang des monatelangen Findungsprozesses gekürt. Wohlstand durch Wachstum hat er sein Programm umschrieben, wie einst der unvergessene Franzose Jacques Delors.

Gleich bei seinen ersten Auftritten überraschte Barroso Diplomaten, Beamte und Journalisten. Der 48-Jährige bestach mit seinen entspannten Auftritten, eloquenten Reden und spontanen Wechseln ins Englische oder Französische. Unerwartet stellte er Noch-Kommissionspräsident Romano Prodi in den Schatten.

Der frische Glanz währte indes nicht lange. Seine Amtsübernahme war ein glatter Fehlstart. Das Europäische Parlament lehnte sein erstes Team ab. "Mit dem Wissen, das ich damals hatte, traf ich die absolut richtigen Entscheidungen", rechtfertigt er heute sein Handeln. "Ich bin ein Institutionalist. Ich setze auf die Zusammenarbeit mit dem Parlament, dessen Mehrheit ich brauche."

Dies sehen nicht alle so. Er habe Mahnungen überhört, sagen kritische Parlamentarier. Barroso müsse die Abläufe der Europapolitik kennen lernen.

In seiner Heimat hatte der Ex-Maoist aus den Zeiten der Nelken-Revolution, mit der Portugal 1974 zur Demokratie zurückfand, derartige Niederlagen nie erlebt. Der in Lissabon und Genf studierte Jurist wurde bereits mit 36 Jahren Außenminister. 2002 löste seine Partei die abgewirtschafteten Sozialisten ab. Barroso übernahm inmitten einer Wirtschaftskrise das Amt des Regierungschefs. Die Entschlossenheit und das Tempo, mit denen er die maroden Staatsfinanzen sanierte, imponierte den strengen Währungshütern in Brüssel - seine Landsleute stöhnten indes unter dem eingeschlagenen radikalen Sparkurs.

Aufgestiegen auf die europäische Bühne, will er nun seine Lehren aus den portugiesischen Erfahrungen ziehen. Der Kommissionspräsident unterstützt die geplante Reform des Stabilitätspakts der Währungsunion. Bei seiner Auslegung soll der Entfaltung von Wachstumsimpulsen mehr Raum gegeben werden.

Damit bewegt er sich auf Frankreichs Staatschef Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder zu - ein strategisch wichtiger Schritt, war Barroso doch nicht Chiracs und Schröders Wunschkandidat. Der Konservative aus Paris und der Sozialdemokrat aus Berlin hatten zunächst Belgiens Premier Guy Verhofstadt favorisiert, fanden dafür aber keine Mehrheit.

Barroso, der Schröder und Chirac gegen sich aufbrachte, als er 2003 während des Irak-Kriegs US-Präsident Bush zum Azoren-Gipfel einlud, ist auf die Unterstützung der beiden mächtigen Politiker angewiesen. Gelingt es ihm nicht, Paris und Berlin für seine Sache zu gewinnen, wird seine auf fünf Jahre angelegte Mission in Brüssel scheitern.

Barroso führt die Geschäfte einer Union, die seit Mai 25 Mitglieder zählt. Die Konstellationen denkbarer Koalitionen haben sich seither vervielfacht. Aussicht auf Erfolg haben wichtige Vorhaben wie die Verbesserung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit oder eine faire Finanzierung der Union auch trotz der neuen Mehrheitsverhältnisse nicht ohne Chirac und Schröder. Seit seinem Fehlstart dürfte Barroso gewarnt sein.

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