Überzogene Forderungen gefährden Arbeitsplätze
Deutschland: Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit

Die IG Metall jubelte. Endlich, nach elf Tagen, zeigten ihre Streiks die erhoffte Wirkung. Die Arbeitgeber knickten ein - und akzeptierten eine Lohnerhöhung von 3,4 Prozent ab Mai und nochmals 3,6 Prozent ab November.

DÜSSELDORF. Das war 1995. In den beiden Jahren danach gingen in der Metallindustrie rund 200000 Jobs verloren.

Sieben Jahre später drängen sich die Parallelen geradezu auf. Wieder hat die Gewerkschaft in einer volkswirtschaftlich labilen Situation und inmitten einer Aufwertungsphase der Währung zehntausende von Arbeitnehmern in einen Arbeitskampf dirigiert. Und wieder müssen sich die Metall- und Elektrounternehmen, deren Ausfuhren über 61 Prozent des deutschen Gesamtexports ausmachen, auf stark steigende Lohnkosten einstellen, die ihre Produkte auf dem Weltmarkt verteuern. Hinzu kommt, dass in anderen Staaten die Lohnerhöhungen niedriger ausfallen: In Frankreich, Großbritannien und Schweden gibt es 2002 für Metaller nominal rund 2,5 Prozent mehr Geld, in Italien sind es zwei Prozent, in den USA wohl im Schnitt um die drei Prozent.

Besonders fatal sind überzogene Lohnerhöhungen angesichts der Einheitswährung in Euroland. Da sie sich nicht mehr durch eine Abwertung auffangen lassen, schlagen sie sich direkt in einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern der Währungsunion nieder. Außerhalb von Euroland ist der Wettbewerbsverlust sogar noch schlimmer, hält der gegenwärtige Aufwertungstrend beim Euro an.

Gleichzeitig dürfte in den Firmen ein neuer Rationalisierungsschub einsetzen. Eindringlich hatten Ökonomen in den vergangenen Monaten immer wieder gemahnt: Sollen Tarifabschlüsse nicht zu Lasten von Arbeitsplätzen gehen, dürfen sie nicht über drei Prozent liegen. Die Topfunktionäre der IG Metall müssen sich denn auch nach ihrer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung fragen lassen.

Richtig ist: Der soziale Friede war in der Vergangenheit ein deutscher Standortvorteil. Arbeitskämpfe sind in Deutschland - auch im internationalen Vergleich - eher selten. Doch hat die Streikbereitschaft auch in anderen Ländern rapide abgenommen. Deshalb ist es bedenklich, dass hier zu Lande nun auch die Großgewerkschaft Verdi dem Beispiel der IG Metall folgt: Die Große Tarifkommission in Nordrhein Westfalen will am Freitag über eine Urabstimmung im Einzelhandel entscheiden, auch im öffentlichen Dienst könnte es im Herbst zu Arbeitsniederlegungen kommen. Dem schwächlichen Aufschwung tut das nicht gut, und dem Standort Deutschland schon gar nicht. "Schon allein das Kampfgetöse der Tarifpartner verschreckt ausländische Investoren", kritisiert Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Sein Credo: "Weg mit den überkommenen Tarifritualen."

Warum etwa muss in der Metallindustrie nicht - wie etwa im Chemie- und Bausektor - einem Streik eine Schlichtung vorgeschaltet werden? Andere Länder sind da viel rigoroser: In Dänemark, Portugal und Spanien gibt es nach einem Scheitern der Verhandlungen eine staatliche Zwangsschlichtung. In Irland, Großbritannien und Schweden suchen staatliche Vermittlungskommissionen nach einem Kompromiss. Besser als staatliche Einmischung wäre es jedoch, wenn sich die Tarifparteien auf ein Modell der Verständigung einigten, um Streiks künftig zu vermeiden. Ein solches hat 1998 der damalige Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe vorgeschlagen: Wenn sich die Tarifparteien nicht einigen, hinterlegen sie ihre absolut letzte Position in einem Umschlag. Ein neutraler Schlichter entscheidet sich für eine der beiden Positionen, sein Votum ist verbindlich. Der Vorteil bei diesem Verfahren: Unrealistische Forderungen werden weniger wahrscheinlich.

Die IG Metall lehnte ab.

Quelle: Wirtschaftswoche

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