Umbau der Landesbank als Novum in der deutschen Bankengeschichte: WestLB-Chef Sengera dirigiert schwere Partitur

Umbau der Landesbank als Novum in der deutschen Bankengeschichte
WestLB-Chef Sengera dirigiert schwere Partitur

Einen Generationswechsel hat die WestLB bereits hinter sich. Seit September sitzt der 58-jährige Jürgen Sengera im Chefsessel der größten deutsche Landesbank. Seine Mission: Die Bank soll aus den Klauen der Politik befreit und in eine wettbewerbsfähige Großbank ohne Staatsgarantien verwandelt werden.

DÜSSELDORF. Entspannt lehnt sich Jürgen Sengera auf dem Podium zurück. Gelassen beobachtet er, wie seine Kollegen, die Chefs von Deutscher Bank und Hypo-Vereinsbank, mit Mühe den drängenden Fragen zu Kirch ausweichen. "Ich bin froh hier keine Pirouetten drehen zu müssen", sagt der WestLB-Chef an der Uni Bochum bei einem seiner raren öffentlichen Auftritte.

Sengera konzentriert sich ganz auf das "Projekt WestLB". Unter Sengeras Führung soll die Landesbank im Herbst gespalten und der größere Teil als WestLB AG in eine wettbewerbsfähige Großbank ohne Staatsgarantien umgebaut werden - ein Novum in der deutschen Bankengeschichte. Der Sprung in die Zukunft erfolgt auf Druck der EU-Kommission. Mitte 2005 laufen die Staatsgarantien für Landesbanken und Sparkassen aus. Bis dahin muss Sengera das neue Institut formen.

Im vergangenen September wechselte der begeistere Skiwanderer und frühere Spieler der Feldhandball-Nationalmannschaft auf den Chefsessel. Energisch und offensiv nimmt er seither sein Ziel ins Visier. "Verstärken, Prüfen, Verkaufen" - in drei Körbe sortierte er die Aktivitäten der viertgrößten deutschen Bank. Geschäftsfelder wie LBS, Wertpapierabwicklungsbank WPS, Provinzial-Beteiligung setzte er auf die Verkaufsliste. "Konzentration auf das Kerngeschäft", lautet seine Taktik, mit der er vor allem die Kosten drücken will. Noch gibt die Bank für jeden Euro Verdienst 77 Cent aus, Ende 2005 sollen es 65 Cent sein.

Seine Vision verbindet der Stratege mit drastischen Maßnahmen: Einer Milliarden-Kapitalspritze der Eigentümer und Stellenstreichungen.

Auf seinem Weg muss Sengera einen Spagat zwischen den Interessen seines Hauses und denen des Sparkassen-Finanzverbundes vollführen. Zwar setzt er auf die Zusammenarbeit mit den Sparkassen und anderen Verbundinstituten, die er zur Bündelung von Geschäftsvolumen bei vielen WestLB-Aktivitäten wie dem IPO-Geschäft braucht. Doch das Eigeninteresse der WestLB wiegt bisweilen schwerer, als die Solidarität mit dem öffentlichen Finanzverbund, wie das Beispiel Pensionsfonds und-kassen zeigt. Hier schickt die WestLB lieber einen eigenen Anbieter ins Rennen, als sich bei dem neuen Verbundanbieter einzureihen. Tempo ist gefragt, und die Entwicklung gibt Sengera Recht. Schließlich ist sein Institut bei dem neuen Versorgungswerk der IG Metall bereits an Bord.

Mit seinem Führungsstil - vor allem seinem offenen Ohr - hat sich Sengera bei Beschäftigten schnell Sympathien erworben. Sicher ein Grund dafür, dass es trotz des Stellenabbaus "erstaunlich ruhig unter den Mitarbeitern ist", wie ein Arbeitnehmervertreter betont. Immerhin sollen 1 500 der 11 390 Stellen wegfallen. Standorte wie in Bielefeld und Essen werden ganz Dicht gemacht. Weitere Schließungen könnten laut Sengera nach der Verwaltungsratssitzung am 13. März folgen.

Sengeras Kür zum Chef überraschte. Zwar war er früh als Nachfolger von Friedel Neuber im Gespräch. Doch schied Sengera zwischenzeitlich aus dem monatelangen zähen Rennen um den Posten aus, als die Eigentümer sich auf ein Anforderungsprofil verständigten: Ein höchstens 55-jähriger Vollblutbanker von einer privaten Geschäftsbank sollte es richten. Am Ende hatte der 58-jährige eingefleischte Landesbänker dann doch die Nase vorne.

Als sicher gilt, dass Sengera künftig die private WestLB AG dirigiert. Dennoch betont er ständig seine Option, nach der Banktteilung an die Spitze der Landesbank NRW wechseln zu können. Von seinen Vorstandskollegen scheint sich keiner für einen Wechsel zur neuen Förderbank zu interessieren. Wichtiger Personalentscheidungen im achtköpfigen Vorstand wird es trotzdem geben. Da Sengeras Stellvertreter Wolf A. Prautzsch (61) und Hans Hennig Offen (62) bald aufhören, sucht der Vorstandschef neue Gesichter. Für die Herausforderung, "die Bank zu drehen, seien Leute mit Herzblut gefragt," sagt Sengera. Entscheidungen erwartet er erst im Sommer, wenn die Spaltung der Bank vollzogen werde. Gleichwohl schaue er sich um.

Den Einfluss der Politik kann Sengera nicht über Nacht abschütteln, , zumal die Staatsbank jahrzehntelang zentrales Instrument für die Industriepolitik an Rhein und Ruhr war. Doch Sengera distanziert sich von den Wünschen vieler Politiker, wie jüngst das Beispiel des angeschlagenen Ferienfliegers LTU zeigt. Bei der Sanierung engagiert sich die WestLB gerade einmal im gleichen Umfang wie die Stadtsparkasse Düsseldorf. Rückendeckung erhält Sengera vom nordrhein-westfälischen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), der meist die Interessen des Haupteigentümers NRW (43 %) wahrnimmt.

Wie schwierig der politische Abnabelungsprozess der Bank ist, zeigt das Projekt "Ölpipeline in Ecuador", bei dem die WestLB Hauptgeldgeber ist. Einige Politiker fordern, das Land müsse sich in seiner Rolle als wichtigster Eigentümer für die Einhaltung von Umweltstandards einsetzen. Die Bank sieht sich zu Unrecht in der Schusslinie, pocht auf Umweltgutachten. WestLB - Bänker schütteln den Kopf: Ein Scheitern des Geschäfts wäre ein herber Rückschlag beim Umbau der Bank.

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