Umbau soll Märkte beeindrucken – Russlands größter Ölkonzern will auch die USA beliefern und plant Hafenbau in Murmansk
Lukoil macht sich schön für die Londoner Börse

Der Kurs des einstigen Börsenlieblings Lukoil dümpelt vor sich hin. Das soll sich ändern, denn Russlands Nummer eins hat sich ein tief greifendes Reformprogramm verordnet und will weiter zukaufen.

MOSKAU. Russlands größter Ölkonzern, Lukoil, bläst zur Jagd auf die an der Börse weit enteilten Konkurrenten. Das Programm, das Vorstandschef Wagit Alekperow verfolgt, klingt wie aus dem Lehrbuch der Kurs-Pflege: Sparen, sanieren, expandieren. Im Gespräch mit dem Handelsblatt nennt Alekperow Details. Er will Bau- und Bohrdienstleistungen outsourcen, jeden siebten Arbeitsplatz kürzen und Tochterunternehmen fusionieren, um damit die Kosten um 500 Mill. $ zu senken. "Wir werden bald sowohl auf dem Öl- als auch dem Gasmarkt einer der großen Mitspieler sein", sagte Alekperow selbstbewusst. Denn die Milliarden-Investitionen in neue Ölfelder sowie den Tanker- und Terminal-Bau machten sich mit schon stark bemerkbar, Lukoil werde den Gewinn kräftig steigern. Derart gestärkt, kündigte der Konzernchef weitere Zukäufe in Europa und möglicherweise USA an.

Hier ist Lukoil bereits aktiv. Nach der Übernahme des US-Tankstellennetzes Getty prüfe er zusammen mit dem staatlichen russischen Pipeline-Monopol Transneft den Bau eines Tiefwasserhafens in Murmansk am Polarkreis. Von dort aus könnten Großtanker die USA mit Erdöl beliefern. Dieses Konzept passt nicht nur zur politischen Großwetterlage und den "special relationships" mit Washington, sondern auch zur Firmenstrategie. Denn Lukoil hat sich inzwischen eine eigene Tankerflotte aufgebaut. Nach den USA und Aufkäufen in Osteuropa haben die Russen nun auch Griechenland entdeckt: Lukoil will zusammen mit der Latsis Group 23% der größten griechischen Ölfirma Hellenic Petroleum übernehmen. Auch erwäge man den Kauf einer Raffinerie in Polen.

Lukoil hat es freilich auch dringend nötig, unter Dampf gesetzt zu werden. Denn für die russische Regierung und ihre Politik der Offenheit ist Lukoil ein prestigeträchtiger Testfall. Denn Moskau will erstmals ein Aktienpaket über eine westliche Börse privatisieren. Bis August sollen 5,9% der noch 16% in Staatsbesitz befindlichen Lukoil-Aktien an der Londoner Börse verkauft werden. Dafür muss der Kurs stimmen.

Einst fehlte die Aktie der ersten teilprivatisierten Erdölgesellschaft im Riesenreich in keinem Russland-Depot. Inzwischen wurde Alekperows Konzern von Verfolger Yukos abgehängt. Mit 15 Mrd. $ Marktkapitalisierung liegt Lukoil nur knapp vor der spanischen Repsol (14 Mrd. $). Yukos dagegen hat auf mehr als 22 Mrd. $ angezogen. Nun will Lukoil laut Alekperow wieder an die Spitze. Das Aufhol-Potenzial ist gewaltig, die Börse bewertet Lukoils Öl-Reserven, die Alekperow für die weltweit größten eines privaten Unternehmens hält, mit nur 1,1 $ pro Barrel (156 Liter). Zum Vergleich: Die Bestände der Ölmultis werden derzeit im Schnitt mit 12,2 $ je Barrel taxiert. Allerdings sind nach einer Untersuchung des Moskauer Brokerhauses United Financial Group (UFG) die Förderkosten Lukoils pro Barrel Öl mit rund 4 $ fast doppelt so hoch wie die der Konkurrenten Yukos und Sibneft.

Die Moskauer Aktienexperten sehen die Ölindustrie nach den gewaltigen Kursgewinne inzwischen als teilweise überbewertet an. Lukoil bildet die Ausnahme und steht als einziger Ölkonzern bei UFG auf "kaufen". Langfristig aber würden russische Ölpapiere deutlich über den westlichen Konkurrenten abschneiden, meint die Moskauer Investmentbank Troika-Dialog.

Die eigene bescheidene Börsenleistung begründet Alekperow so: Er sei, anders als die russische Konkurrenz, eben "konservativ" und setze auf langfristiges Wachstum, dauerhafte Dividenden: "Wer die Ölförderung in alten Feldern zu schnell hochfährt, der wird schnell spüren, wie die Produktion sinkt", sagt der frühere sowjetische Energie-Vizeminister, der nach eigener Aussage selbst 3 % am Ölkonzern hält. Die Erschließung neuer Felder sei zwar sehr teuer, aber langfristig lohnend. Der Wendepunkt sei jetzt erreicht. Simon Kukes, Chef des Ölkonzerns TNK, widerspricht: Alekperow verhalte sich "ein wenig antiquiert".

Der Lukoil-Chef nimmt den Widerspruch gelassen. Im Kaspischen Meer, wo Lukoil als einziger russischer Konzern engagiert ist, sei man Partner der Ölmultis. Hinzu komme jetzt der Gasmarkt, auf den Lukoil groß einsteige. Als erster russischer Ölbaron fordert Alekperow den Zugang aller Konzerne zum Gasexportnetz. Das sei letztlich auch im Interesse des Staates an steigender Erdgasförderung. In spätestens drei Jahren sei man so weit, meint Alekperow. Die Experten raten indessen zur Vorsicht, fürchten sie doch bei einer Öffnung der Gaspipelines für den Wettbewerb den Zusammenbruch des Gasgiganten Gazprom.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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