Umfrage des ZEW
Experten erwarten Zinserhöhung im Herbst

Die Mehrheit der Analysten erwartet, dass die Europäische Zentralbank im Herbst die Zinsen erhöhen wird. Auch Bundesbankpräsident Welteke sieht Anlass für die Geldpolitik, wachsam zu bleiben.

HB/mak/rab FRANKFURT/M. Auch der starke Euro kann es nicht verhindern: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss nach Ansicht von Analysten "Farbe für die Stabilität bekennen" und bereits im Herbst die Zinsen erhöhen.

Dafür sprachen sich mehr als 56 Prozent von 325 Analysten aus, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Anfang Juli befragt hat. Die deutliche Mehrheit ist angesichts des starken Euros erstaunlich. Denn dieser dämpft über niedrigere Importpreise die Inflation in der Euro-Zone. Deshalb bestand nach Ansicht führender Volkswirte noch Ende Juni für eine Anhebung der Euro-Leitzinsen von derzeit 3,25 % vorerst kein Anlass. "Wenn der Euro stark bleibt oder weiter steigt, gibt es in diesem Jahr vielleicht gar keine Zinserhöhung", sagte David Walton, Chefvolkswirt Europa bei Goldman Sachs, London, damals dem Handelsblatt.

Die Euro-Stärke "dürfte den EZB-Rat veranlasst haben, die durch Äußerungen von Wim Duisenberg bereits bestens vorbereitete Zinserhöhung noch einmal aufzuschieben", sagt auch Friedrich Heinemann vom ZEW. Doch nach Ansicht der befragten Analysten ist die EZB mit vielen unerfreulichen Entwicklungen konfrontiert: So dürften die hohen deutschen Tarifabschlüsse mitten in der Stagnation einen deutlichen Inflationsaufschlag bringen. Zudem werde die Inflationsrate in diesem Jahr im Schnitt erneut über zwei Prozent liegen. "Hinzu kommt die Geldmengenexpansion, die mit zuletzt 7,8 Prozent weit oberhalb der Zielmarke von 4,5 Prozent verläuft", sagt der Mannheimer Wirtschaftsforscher. Und schließlich präsentierten die europäischen Finanzminister Defizitzahlen, die wie im Fall Portugal eindeutig einen Bruch des Stabilitätspakts darstellten.

Auch Bundesbank-Präsident Ernst Welteke schloss im Internationalen Club Frankfurter Journalisten am späten Dienstagabend eine Zinserhöhung noch in diesem Jahr nicht aus. Zwar sei derzeit davon auszugehen, dass die Verbraucherpreisinflation 2003 unter 2 % liegen werde. Entwicklungen bei den Löhnen, beim Geldmengenwachstum und in der Haushaltspolitik seien für die Währungshüter aber Anlass, "wachsam zu sein". "Keiner weiß, ob die Wechselkursentwicklung von Dauer ist und wie weit sie geht", sagte Welteke.

Zu der Erwartung, dass die EZB noch im Herbst die Zinsen erhöhen wird, passen auch die immer noch sehr optimistischen Konjunkturerwartungen der Analysten. Fast drei Viertel der Befragten rechnen damit, dass sich die Konjunktur in der Euro-Zone im Herbst verbessern wird. Ernst Welteke erwartet, dass die Bundesregierung mit ihrer Wachstumsprognose von rund 0,75 % für 2003 "nicht ganz falsch liegt". Insgesamt sei es derzeit aber schwierig einzuschätzen, wie es weiter gehe.

Auf Basis der Analysten-Befragung errechnetete das ZEW eine Prognose für den Dreimonats-Euribor, der für Oktober bei 3,6 Prozent liegt. Das entspricht in etwa einer erwarteten Zinserhöhung von 0,25 %. Allerdings rechnen 39 Prozent der befragten Analysten mit gleich bleibenden Zinsen. In der Juni-Umfrage erwarteten dies noch mehr als 42 Prozent. Nur eine verschwindend geringe Minderheit von 2,8 Prozent erwartet, dass die EZB in diesem Jahr die Zinsen noch senken wird.

Quelle: Handelsblatt

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