Umfrage
Konjunkturerwartungen für Deutschland verdüstern sich

Wirtschaftsforscher bewerten die Aussichten für die Konjunktur in Deutschland immer pessimistischer. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) senkte seine Wachstumsprognosen für das laufende und das kommende Jahr am Dienstag leicht.

Reuters FRANKFURT. Analysten und institutionelle Anleger beurteilten die Konjunkturaussichten in der ZEW-Umfrage im August deutlich schlechter als im Juli. Fraglich ist Volkswirten zufolge aber, ob diese schlechte Stimmung ein verlässlicher Vorbote eines Abschwungs der Realwirtschaft ist.

Die bisherige RWI-Prognose von 0,9 Prozent für 2002 sei zu optimistisch und werde wohl nicht erreicht, sagte RWI-Präsident Paul Klemmer. Er gehe eher von 0,6 bis 0,7 Prozent aus. Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) veröffentlichte Saldo der Konjunkturerwartungen brach im August ein auf 43,4 Punkte nach 69,1 Zählern im Juli. Volkswirte hatten einen Rückgang des Indikators auf nur 62,0 Punkte prognostiziert. Das Stimmungsbarometer für die Euro-Zone sank den ZEW-Angaben zufolge auf 47,6 Punkte von 70,9 Zählern im Juli. Sehr pessimistisch fiel dazu die Einschätzung des ZEW aus. Der Präsident des Instituts, Wolfgang Franz, warnte: "Der Konjunkturaufschwung bleibt stecken."

Die Finanzmärkte reagierten kaum auf die Daten. Die europäischen Rentenfutures weiteten ihre Gewinne kurzzeitig aus.

Das Essener RWI senkte erneut seine Wachstumsprognose für 2003. Im kommenden Jahr müssten 1,8 bis 2,2 Prozent drin sein, sagte RWI-Präsident Klemmer. Erst vor rund vier Wochen hatte das RWI die Vorhersage für 2003 auf 2,3 von zuvor 2,6 Prozent gesenkt. Für das laufende Jahr hatte das Institut hingegen die Vorhersage für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes leicht auf 0,9 von 0,8 Prozent angehoben. Klemmer sagte, das RWI erwarte für den Herbst einen leichten Aufschwung.

ZEW: Aktienverluste fordern ihren Tribut

Dem ZEW zufolge forderten die Verluste am Aktienmarkt nun ihren Tribut. Mittelfristig rechneten die rund 300 befragten Analysten und institutionellen Anleger mit Auswirkungen auf die reale Wirtschaft, etwa durch schlechtere Finanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen und eine Zurückhaltung der Konsumenten. "Die Risiken für die Konjunkturentwicklung zu Beginn des nächsten Jahres sind damit deutlich gestiegen."

Volkswirt Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin wies angesichts des starken Rückgangs des ZEW-Indikators darauf hin, dass sich das Erwartungsbarometer in den vergangenen Monaten nahe bei seinen Höchstständen bewegt habe. In den vergangenen Monaten seien die Befragten nur von Irritationen ausgegangen und hätten nicht am Aufschwung selbst gezweifelt. "Jetzt ist die Stimmung etwas gekippt und die Zweifel sind größer." Die Interpretation des ZEW-Präsidenten hielt Nitsch dennoch für überraschend. Die Mehrheit der Befragten habe nach wie vor angegeben, mit einem Aufschwung zu rechnen. Der Saldo der Konjunkturerwartungen gibt die Differenz der positiven und negativen Einschätzungen für die Wirtschaftsentwicklung auf Sicht von sechs Monaten wieder.

Nitsch: Konjunkturelle Wegscheide

Nitsch sieht eine konjunkturelle Erholung noch nicht in Frage gestellt. "Wir sind an einer Wegscheide, die nächsten Indikatoren könnten die Richtung anzeigen." Einer davon sei der Ifo-Geschäftsklimaindex. Dabei sei aber auch ein eventueller dritter Rückgang in Folge nicht dramatisch. Entscheidend sei, ob es eine Stabilisierung gebe.

Mehrere Banken hatten in den vergangenen Wochen vor allem wegen der anhaltenden weltweiten Börsenschwäche und den trüberen Aussichten für die US-Konjunktur ihre Wachstumsprognosen deutlich gesenkt, die HypoVereinsbank zum Beispiel von 1,0 auf nur noch 0,25 Prozent. Analyst Andreas Rees von der HypoVereinsbank sagte: "Viele Bankvolkswirte sind Schritt für Schritt vom Bild eines Aufschwungs im zweiten Halbjahr abgewichen."Der Einbruch des ZEW-Indikators erinnere an Rückgänge in den Jahren 1992/93, als Deutschland in eine Rezession gerutscht sei. Er rechnet nicht damit, dass der Indikator weiter sinken wird, sondern geht von einer Stabilisierung aus. Der ZEW-Indikator korreliere sehr stark mit Aktienkursen und diese hätten sich inzwischen etwas gefangen. Die Frage sei: "Ist das nur eine Übertreibung der Analysten oder ein Wendepunkt? Unserer Meinung nach deutet das auf einen Wendepunkt hin."

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