UMFRAGE
Quälität des Neuen Marktes bereitet Experten Sorge

Reuters FRANKFURT. Gewinnwarnungen, drohende Pleiten und Verschiebungen von Börsengangen gefährden nach Meinung vieler Finanzexperten die Qualität des Frankfurter Neuen Marktes. In einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters vertreten sie überwiegend die Meinung, dass an dem Wachstumssegment Unternehmen notiert sind, die dort nicht hin gehörten. Die Konsolidierung der vergangenen Wochen sehen sie daher als normalen Prozess an. Unterschiedliche Meinung herrschte jedoch darüber, ob Börsenkandidaten auch eine Notierungsaufnahme an einem anderen Börsensegment als den Frankfurter Neuen Markt ins Auge fassen sollten.

"Viele Unternehmen sind an den Neuen Markt gekommen, die für meinen Geschmack nicht Börsenreif sind", sagte Christian Saalfrank, Fondsmanager bei der BfG Bank. Speziell im Biotech-Sektor gebe es Unternehmen die kaum Umsätze erzielten. "Ich investiere in eine Zukunft die einfach zu unsicher ist", sagte Saalfrank. Die nachlassende Qualität der am Neuen Markt notierten Unternehmen führte der Fondsmanager überwiegend auf die mangelnde Nachbetreuung vieler Emissionsbanken zurück. Erst brächten sie die Firmen an die Börse, "eine Nachbetreuung ist dann nicht mehr existent", sagte Saalfrank.

Das sich einige Firmen bei ihrem Börsengang künftig eher einem anderen Marktsegment zuwenden würden, sieht der Analyst nicht. "So ernst ist die Situation nicht. Aber ich würde mir Wünschen, dass die Deutsche Börse AG noch mal ihre Zulassungskriterien überprüft", sagte Saafrank. Vorstellen könne er sich beispielsweise die Bildung eines Untersegments.

Nach Ansicht von Wolfgang Pflüger, Analyst der Berenberg Bank, werden sich die Anleger künftig verstärkt auf den Nemax-50 der wichtigsten Werte des Segments konzentrieren. Bei über 300 Unternehmen sei der Neue Markt einfach zu unübersichtlich, sagte der Analyst. "Es gibt nicht einmal genügend Analysten um die Marktbreite zu covern", fügte er hinzu. Auch Pflüger vertritt die Ansicht, dass am Neuen Markt Werte notiert seien, "die dort einfach nicht hingehören". Die Konsolidierungsphase sei daher nichts ungewöhnliches, sagte der Analyst und verweist auf eine vergleichbare Entwicklung des Neuen Marktes im Vorjahr.

Angesichts der jüngsten Talfahrt des Frankfurter Wachstumssegments könne er sich jedoch durchaus eine Rückbesinnung auf Nebenwerte-Segmente wie den S-Dax vorstellen. Das Kleinstwertesegment gewinne zunehmend an Attraktivität, sagte Pflüger. Auch dort seien mitlerweile ausgewiesene Wachstumswerte notiert.

Sven Peter, head of equity capital markets bei der Investmentbank Dresdner Kleinwort Benson, rechnet angesichts der jüngsten Talfahrt mit keinem langfristigen Imageschaden des deutschen Wachtsumssegments. Andere Märkte hätten in den vergangenen Wochen ebenfalls kräftig unter Druck gestanden, sagte Peter. Sorge bereite ihm jedoch Einzelfälle wie Gigabell und Infomatec. Der Internet-Anbieter Gigabell hatte vor einigen Wochen wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einen Konkursantrag gestellt. Die Softwarefirma Infomatec hatte im August eine Umsatzwarnung ausgegeben. Seiner Ansicht nach sollten die Emissionshäuser genauer überprüfen, welche Firma sie an die Börse begleiten wollen.

Manfred Jakob, Anlagestratege bei der BfG-Bank, führt die Schwächephase der Neuen Markt Titel auf die allgemeine konjunkturelle Entwicklung zurück. Einen Qualitätsverlust konnte er nicht aus machen, vielmehr seien Gewinnwarnungen normale Vorgänge. Die Zugangskriterien für eine Notierungsaufnahme am Frankfurter Wachtsumsegment hält Jakob für "sehr restriktiv". Eine Entscheidung gegen eine Notierunsgaufnahme an einem anderen Börsensegment als den Neuen Markt mache für ihn keinen Sinn. "Ein Wachstumsunternehmen muss an den Neuen Markt", sagte Jakob.

Der Chef der Gontard & MetallBank AG, Lothar Mark, hat sich in einem Interview mit dem Anlagermagazin "Telebörse" für strengere Börsenregeln bei Neuemissionen und deren Begleitung durch Banken ausgesprochen. "Es ist schon bemerkenswert, dass es einer Analystensschar nicht auffällt, wenn ein Unternehmen Schwierigkeiten bei der Bilanzierung hat. Da haben einige Institute ihre Unschuld veloren", sagte Mark in einem Mittwoch vorab veröffentlichten Bericht des Anlegermagazins "Telebörse". Unternehmens-Prognosen würden behutsamer ausfallen, wenn sie Bestandteil des Börsenprospektes wären, sagte er. Damit stehe das Unternehmen in der Haftung und die Anleger könnten bei falschen Angaben klagen.

Mark zufolge müsse die Börse die Emissionsbanken verpflichten, ihre Rolle als Betreuerbank (Designated Sponsor), die verbindliche Limits für den An- und Verkauf von Aktien zur Verfügung stelle, für mindestens drei Jahre aufrechtzuerhalten. Zudem sollten mindestens zwei emissionsbegleitende Banken verpflichtet werden, mindestens je einen Research-Bericht zu den Zwölfmonats- und den Halbjahreszahlen der Gesellschaft zu erarbeiten und zu veröffentlichen. Altaktionäre müssten verpflichtet werden, Verkaufspläne sieben Tage vor Ausführung anzukündigen, sagte Mark der "Telebörse" weiter.

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