Umsatz der Markt- und Meinungsforscher legt zu
Kassen der Meinungsforscher klingeln

Zwischen Sympathie, Sonntagsfrage und Sockenfarbe steht ein Wahlsieger schon jetzt fest: Die Wahlforscher. Noch nie waren Umfragen in den Medien so präsent wie in diesem Jahr.

HB DÜSSELDORF. "Eine Meinungsumfrage unter Löwen ergab: Die Mehrheit lehnt den Käfig ab, wünscht jedoch eine geregelte Verpflegung", spottete einst der deutsche Philosoph Ernst R. Hauschka. Den Wahlforschern kann das egal sein, denn noch nie waren ihre Dienstleistungen so gefragt wie jetzt. Ob Blitzumfragen Minuten nach TV-Duellen oder Sympathiewerte während einer Rede: "Die Medien fragen immer mehr nach und die Demoskopen liefern", sagt Menno Smid, Geschäftsführer des Bonner Meinungsforschungsinstitutes Infas. Schon für 1 000 Euro pro Frage kann jeder beliebige Auftraggeber mitforschen lassen. Innerhalb eines Tages erhält er das Ergebnis - exklusiv und repräsentativ.

In der Politikforschung zählen in Deutschland Emnid, Forsa, Infratest-Dimap, die Forschungsgruppe Wahlen und Allensbach zu den größten Instituten. Jedes von ihnen hat einen Exklusivvertrag mit einem Fernsehsender oder einer Zeitung. "Besonders die Verträge mit Fernsehsendern für den Wahlabend sind hochlukrativ", so Smid. So lukrativ, dass weder die ARD noch das ZDF Auskunft darüber geben wollen, wie viele Euro sie an Infratest-Dimap (ARD) oder an die Forschungsgruppe Wahlen (ZDF) überweisen. Der Geschäftsführer von Infas muss es wissen, denn nachdem die ARD 1996 dem Infas-Institut den Auftrag für Wahlberichterstattung entzog, schloss das Institut kurzerhand den gesamten Unternehmensteil für Politikforschung und konzentrierte sich fortan auf Markt- und Sozialforschung.

Von einer Rezession ist in der Branche dennoch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die im Branchenverband "Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute" (ADM) zusammengefassten Unternehmen steigerten im vergangenen Jahr ihre Umsätze um fünf Prozent auf über eine Milliarde Euro. Für dieses Jahr erwartet der ADM eine Umsatzsteigerung von vier Prozent. Der Löwenanteil dieser Umsätze (2001: 53 %) entfällt traditionell auf die Markt- und Konsumforschung. Aber schon auf Platz zwei der Auftraggeber liegen Verlage und Medien (12 %).

Mit Wahlforschung nur Bruchteil der Umsätze

Tatsächlich macht die Wahlforschung bei den Meinungsforschern nur einen Bruchteil der Umsätze aus. Das Institut für Demoskopie in Allensbach (Jahresumsatz: 9 Mill. Euro) erzielt etwa acht Prozent seiner Umsätze mit der Wahl- und Politikforschung. Bei Emnid (Umsatz 2000: 37 Mill. Euro) in Bielefeld sind es sogar nur zwei Prozent. Dennoch profitieren die Institute mit Wahlbefragungen gleich doppelt, denn sie verdienen die Honorare der Medien und gewinnen obendrein an Prestige. Die starke Präsenz weniger Institute in den Medien sorgt für Wettbewerbsvorteile - und damit für eine größere Akzeptanz bei Befragten und für neue Aufträge. "Für ein Meinungsfoschungsinstitut ist es sehr wichtig, mit einem seriösen Medium zusammenzuarbeiten.", sagt Torsten Schneider-Haase, Leiter der Abteilung Politikforschung bei Emnid.

Zu verlieren haben die Institute hingegen wenig, denn die Genauigkeit der Prognosen spielt kaum eine Rolle. Sie ist mit Ausnahme der Vorhersage am Wahlabend um 18 Uhr schlicht nicht messbar. Schneider-Haase sieht keinen Zusammenhang zwischen Prognosegenauigkeit und Erfolg des Instituts: "Man muss schon schwer daneben liegen, um sich Probleme für zukünftige Aufträge einzuhandeln".

Damit Generalsekretäre, Parteivorsitzende, Kanzler und Kandidat mit ihren Reden hingegen richtig liegen, erfahren sie am Sonntag schon lange vor der 18-Uhr-Prognose vom Institut ihres Vertrauens, wie es um das Abschneiden ihrer Partei bestellt ist.

Quelle: Handelsblatt

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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