Umsatz fast verdoppelt
NTL will in Deutschland Fuß fassen

Als heimliche Telekommunikations-Großmacht in Europa bezeichnet sich die in den USA ansässige NTL Inc. Die größte Kabelgesellschaft in Großbritannien will jetzt auch den deutschen Markt aufrollen. Angesichts der dominierenden Deutschen Telekom stellt das eine außergewöhnliche Herausforderung dar.

HB LONDON. Barclay Knapp dreht ein großes Rad: Unter Führung des Chief Executive Officer ist die NTL Inc. innerhalb weniger Jahre zum Marktführer in Sachen Kabel in Großbritannien aufgestiegen. Vor allem die vor gut einem Jahr erfolgte Übernahme der Privatkundensparte der Cable & Wireless Communications Plc für satte 8,2 Mrd. £ hat dabei viel Aufsehen erregt.

Kontinentaleuropa hat NTL dabei jedoch nicht aus dem Blick verloren. Mittlerweile ist man in Schweden, der Schweiz, Frankreich, Irland und Deutschland präsent. "Um den deutschen und französischen Markt werden wir uns mit besonderer Aufmerksamkeit kümmern", sagt Aizad Hussain, Managing Director Corporate Finance & Development bei NTL im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Angesichts der Dominanz der Deutschen Telekom AG stelle das Geschäft in Deutschland eine besondere Herausforderung dar. Im Mai 2000 hat ein Konsortium unter Beteiligung von NTL von der Deutschen Telekom die hessische Kabel-Gesellschaft erworben. Sie firmiert jetzt als E Hessen GmbH. -Kabel Indirekt engagierte sich damit auch France Télécom, denn sie ist mit 25% an NTL beteiligt. Hussain kündigte Investitionen in Höhe von mehr als 1 Mrd. DM an, um das Netzwerk technologisch aufzurüsten.

Zunächst wolle man sich auf das Geschäft mit den Privatkunden konzentrieren. Dieser Klientel soll via Breitband nicht nur Kabel TV, sondern ihr sollen sämtliche Telekomdienste sowie Hochgeschwindigkeitszugänge zum Internet angeboten werden. Um den lukrativen Geschäftskundenmarkt will sich NTL dann in einem zweiten Schritt kümmern.

"Unser Engagement in Deutschland ist langfristig angelegt", unterstreicht der Mergers & Acquisitions-Chef für Europa. Es habe acht Jahre gedauert, um die führende Position in Großbritannien zu erreichen. Man wolle sich auch in Deutschland Zeit lassen, um das Vertrauen und den Respekt der Kunden zu gewinnen. "Grundsätzlich sind wir immer an Gelegenheiten interessiert, unsere Kabelaktivitäten auszubauen", antwortet Hussain auf Fragen nach weiteren Expansionsplänen in Deutschland. Doch Eile scheint ihm nicht unbedingt geboten: "In diesem Markt bieten sich stets Gelegenheiten für einen Einstieg."

Regelmäßig wiederkehrenden Gerüchten, dass NTL an einer Übernahme von Telewest, Großbritanniens zweitgrößtem Kabelunternehmen, interessiert sein könnte, gibt Hussain keine Nahrung. In der Londoner City wurde spekuliert, dass NTL die Mehrheit von Telewest erhalten könnte, wenn sie sich im Gegenzug von kontinentaleuropäischen Beteiligungen trenne. "Das macht doch keinen Sinn", sagt Hussain. Es gebe nichts, was NTL in Großbritannien nicht allein erreichen könne. Als entscheidendes Hindernis für eine mehrheitliche Übernahme gelten in der City die unterschiedlichen Strategien der Telewest-Eigner. Dabei geht es um die niederländische UPC und Microsoft. Der amerikanische Softwareriese hält auch eine geringe Beteiligung an NTL.

In Großbritannien ist NTL optimistisch, bis Ende des Jahres auf mehr als 500 000 Abonnenten für sein digitales TV zu kommen. Angesichts der starken Konkurrenz von British Sky Broadcasting (BskyB) und Ondigital wäre das zumindest ein Achtungserfolg. Derzeit kommt NTL in Europa auf 8,2 Mill. Kunden, 3,1 Mill. davon in Großbritannien und Irland. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen bislang 11 Mrd. $ in das Netzwerk investiert. In den vergangenen Monaten hat das Unternehmen mit unterschiedlichem Erfolg versucht, seine Telekombasis auszubauen und seine TV-Programme mit attraktivem Inhalt zu versorgen. In Holland und Großbritannien zog sich NTL aus der Auktion für die UMTS-Lizenzen zurück. Kein Interesse zeigt NTL mehr an den mitersteigerten Fußball-Übertragungsrechten für die Premier League in Großbritannien. Im Juni erlösten die 20 britischen Top-Vereine 1,4 Mrd. £ für den Verkauf der Übertragungsrechte. Davon sollte NTL 328 Mill. £ beisteuern. Der Löwenanteil entfiel auf BSkyB. Jetzt hat NTL festgestellt, dass die Kalkulation nicht aufgeht und trat zurück. Vor wenigen Wochen gründete NTL gemeinsam mit Universal Studio Networks ein paritätisches Joint Venture für einen Filmkanal, der NTL-Kunden mit Spielfilmen versorgen soll.

Im dritten Quartal konnte NTL den Umsatz auf knapp 600 Mill. $ fast verdoppeln. Das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen erhöhte sich auf 62 (40,5) Mill. $. Wegen hoher Investitionen stiegen die Verluste von 278 Mill. $ auf 770 Mill. $. Den gegenwärtigen Schuldenstand von rund 10 Mrd. $ hält NTL-Boss Knapp nicht für besorgniserregend, weil er sich in etwa mit der Höhe der Kapitalinvestitionen deckt. An der Börse wird das Unternehmen derzeit mit 10,6 Mrd. $ bewertet.

Gegenwärtig liebäugelt NTL mit einem Wechsel von der Nasdaq an die New York Stock Exchange. Auch in London würde das Unternehmen gern gelistet sein. Wegen der Börsenkapitalisierung würde NTL ein Platz im Edelindex FTSE-100 sicher sein. Dort werden nach den gegenwärtigen Regeln jedoch nur Unternehmen aufgenommen, die ihren Sitz in Großbritannien haben. Eine Sitzverlagerung von Delaware nach London würde jedoch Steuerverpflichtungen in beträchtlicher Höhe auslösen.

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