Umsatz- und Renditezuwächse
Geschäft mit Groschenheften boomt

Die Verlage von Kitschromanen profitieren von der Sehnsucht der Leser nach der heilen Welt - und verdienen gut mit "Geschichten, die Mut machen".

DÜSSELDORF/KÖLN. Das Geschäft mit der heilen Welt läuft gut. Die Sehnsucht nach dem Leseglück mit "Dr. Norden", "Baccara" , "Julia" und all den anderen Groschenromanen beschert den Verlagen trotz schwieriger Konjunktur Umsatz- und Renditezuwächse. "Die Heile-Welt-Verlage liegen im Umsatz glänzend", beschreibt Gerhard Melchert, Geschäftsführer und Gesellschafter des Martin-Kelter-Verlages in Hamburg, die Situation.

Während der Umsatz mit Büchern nach Einschätzung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in diesem Jahr weiter zurückgeht, herrscht bei den Verlegern von Arzt-, Adels- und Liebesromanen wie Lübbe, Keller oder Cora Optimismus. "Wir haben im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzplus", sagt Cora-Geschäftsführer Thomas Beckmann. "Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind Groschenromane und Taschenbücher gefragt", bestätigt auch Karlheinz Jungbeck, Sprecher der Geschäftsführung beim Lübbe-Verlag ("Perry Rhodan") im nordrhein-westfälischen Bergisch-Gladbach.

Doch nicht nur die Geiz-ist-geil-Welle nützt den Verlegern der Kitsch-Literatur. Auch die Sehnsucht vieler Leser nach einer leichten Lektüre mit Happy End, lässt das Geschäft mit den Heftchen ab 1,35 Euro boomen. "Seit dem 11. September gibt es einen spürbaren Ruck im Käufermarkt. Wir verlegen positive Geschichten, die Mut machen", sagt Keller-Chef Melchert. Der 60-Jährige leitet bereits in der dritten Generation den Familienbetrieb, der jährlich 140 Millionen Roman- und Rätselhefte verlegt und damit nach eigenen Angaben 50 Mill. Euro umsetzt. "Wir lagen im letzten Jahr bei einer Umsatzrendite von fast 10 % und im ersten Halbjahr war sie nicht viel schlechter", bekennt Melchert.

Auch beim Konkurrenten Lübbe laufen die Geschäfte gut. "Wir profitieren von der Tendenz, dass Geld für unterhaltsame Lektüre in Deutschland knapp ist", sagt Lübbe- Chef Jungbeck. Der Verlag, der nicht nur Groschenromane, sondern auch Taschenbücher und Hardcover verlegt, steuert in diesem Jahr rund 85 Mill. Euro Umsatz an. "Die Groschenromane und Rätselhefte sind nach wie vor renditestark. Wir erzielen die Hälfte unseres Umsatzes mit diesen preiswerten Unterhaltungsangeboten", berichtet Jungbeck.

Auch Europas größter Printkonzern, die Axel Springer AG, verdient am Boom kräftig mit. Der "Bild"-Konzern ist zur Hälfte an dem Hamburger Verlag Cora beteiligt. "Wir erwirtschaften eine zweistellige Umsatzrendite, die deutlich über dem Marktdurchschnitt liegt", berichtet Verlagschef Beckmann. Und eine Springer-Sprecherin bestätigt: "Damit verdienen wir richtig Geld." Im letzten Jahr setzte der Verlag Cora rund 25 Mill. Euro um.

Cora hat sich auch durch Übersetzungen aus dem Englischen einen Namen gemacht. Schließlich ist der weltgrößte Liebesroman-Verleger Harlequin - Buchtochter des kanadischen Zeitungskonzerns Torstar Corp. ("Toronto Star") - an Cora beteiligt. Und im Gegensatz zu Lübbe und Kelter lässt Cora in seinen Romanen auch die Hüllen fallen. "Mit Erotik erreichen wir eine jüngere Zielgruppe", weiß Beckmann. Für die Cora-Konkurrenten ist das kein Erfolgsrezept. "Unser Leser wollen keinen Sex", sagt Kelter-Chef Melchert. Er setzt wie Lübbe auf das bewährte Konzept des Leserglücks.

Die in ihrer Handlung überschaubaren Romane interessieren jedoch nicht nur die Leser, sondern mittlerweile auch die Fernsehsender. Die einfach erzählten Geschichten von "Dr. Stefan Frank" verfilmte Deutschlands größter Privatsender RTL. Auch der Bestseller "Der Bergdoktor" flimmerte über die Bildschirme. Weitere Stoffe sollen verfilmt werden, berichtet Jungbeck, der früher einmal unter Leo Kirch, Chef des Spielfilmkanals Kabel 1 war.

Der Martin Kelter-Verlag hält sich hingegen bisher zurück. Doch auch bei ihm sind private und öffentlich-rechtliche Sender auf der Suche nach preiswerten Rechten für TV-Seifenopern bereits vorstellig geworden. Doch eine Entscheidung über die Vergabe einer Lizenz ist noch nicht gefallen. Auch Cora trägt sich mit Gedanken einer Filmverwertung. Positive Beispiele gibt es bereits. So ist der Heftroman "Blind Date" - ein Beispiel für freche Frauenliteratur - in Hollywood mit Erfolg verfilmt worden.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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