Umsatzzahlen für März enttäuschen
Aufschwung im Einzelhandel bleibt aus

Nach einem kurzen Hoffnungsschimmer zum Jahresbeginn haben sich die Aussichten für den deutschen Einzelhandel wieder verfinstert: Kalender- und saisonbereinigt haben die Händler im März 2,6 Prozent weniger verkauft als im Vormonat. 30 000 Arbeitsplätze sind in Gefahr.

DÜSSELDORF. Seit 1884 verkaufen die Läden von Eduard Kettner Jagdartikel, Anglerbedarf und Trachtenmode, zuletzt mit immerhin 750 Mitarbeitern. Doch Tradition und guter Ruf haben Kettner, der gleichzeitig zu den ältesten Versandhändlern Europas zählt, vor der Krise nicht bewahren können. Ende vergangener Woche sprach Geschäftsführer Thomas Vogel beim Kölner Amtsgericht vor, um das Insolvenzverfahren zu beantragen.

Derzeit nur ein Fall von vielen. Nach einem viel versprechenden Januar und einem mäßigen Februar ist Deutschlands Einzelhandel im März wieder dort angekommen, wo er sich schon 2002 befunden hat: tief in der Flaute. Wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Ergebnisse aus sechs Bundesländern errechnete, setzte der Handel im vorvergangenen Monat nominal (in jeweiligen Preisen) 3,8 % weniger um als im März 2002. Kalender- und saisonbereinigt verkauften die Händler 2,6 % weniger als noch im Februar 2003. Damit fielen die Quartalsumsätze im deutschen Einzelhandel gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum um 1,1 %. Die Talfahrt geht weiter.

Ganz so dramatisch, wie es die Zahlen aus Wiesbaden vermuten lassen, ist die Lage allerdings nicht. Die Bundesbank hat für März sogar ein nominales Plus von 0,8 % errechnet. Dass sich in diesem Jahr zudem das Ostergeschäft komplett in den April verlagerte, hat das Statistische Bundesamt nach Einschätzung der Commerzbank "nur unzureichend herausgefiltert".

Gewöhnlich trage das Geschäft vor Ostern zu einer Umsatzverbesserung im jeweiligen Monat von 1,5 bis 2,5 % bei, berichtet Metro-Chef Hans-Joachim Körber. Auch die Karstadt-Quelle AG, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres 1 % Umsatz verloren hat, glaubt, das Ergebnis der ersten vier Monate durch den April-Umsatz wieder auf Vorjahresniveau bringen zu können.

Dennoch: Die Stimmung bleibt trüb. Seit vergangenem Jahr seien die Rahmenbedingungen keinesfalls besser geworden, urteilt Deka- Analyst Andreas Scheuerle. Die Haushalte seien seit dem Jahreswechsel durch höhere Steuern und Abgaben belastet, die Arbeitslosenquote weitaus schneller gestiegen als erwartet. Zudem sorgten höhere Energiekosten und der weiterhin unsichere Aktienmarkt für Kaufzurückhaltung.

Kommt das Einzelhandelsgeschäft nicht wieder in Fahrt, sind nach Berechnungen des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE) bis zu 30 000 Jobs gefährdet. Schon im vergangenen Jahr sank die Zahl der Stellen im Einzelhandel laut Angaben des Statistischen Bundesamtes um 20 000. Allein bei Karstadt-Quelle arbeiteten noch 2001 im Durchschnitt 7 500 Mitarbeiter mehr als im vergangenen Jahr. Rewe kam 2002 mit 3 000, die Metro AG mit 2 000 Beschäftigten weniger aus als im Vorjahr.

Die angekündigten Streiks im Einzelhandel, mit denen die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di höhere Zuschläge für die verlängerten Samstags-Öffnungszeiten durchsetzen will, könnten die Lage zusätzlich verschärfen. Landesverbände inzwischen Zuschläge von bis zu 100 %. Bis zum Inkrafttreten der neuen Ladenöffnungszeiten Anfang Juni müssten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer geeinigt haben, um auch an Sonnabenden bis 20 Uhr zu öffnen.

Doch danach sieht es derzeit kaum aus. "Bremen und Niedersachsen haben uns jetzt ein 67 Seiten starkes Paket für einen völlig neuen Manteltarifvertrag vorgelegt", klagt HDE-Tarifexperte Heribert Jöris. "Wir haben das Gefühl, die wollen lieber streiken, um neue Mitglieder zu werben", sagt er.

Nirgendwo zeigt sich der Niedergang des Einzelhandels deutlicher als an den Leerständen deutscher Einkaufsmeilen. "Es wird immer schwieriger, Läden neu zu vermieten", berichtet ein Sprecher der Düsseldorfer Maklerfirma Kemper?s. Im ersten Quartal dieses Jahres sanken die Mieten in Deutschlands Toplagen um durchschnittlich 1,9 %, hat das auf Einzelhandels-Immobilien spezialisierte Maklerhaus errechnet. Nur in Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern habe es dank expansionsfreudiger Filialisten wie Hennes & Mauritz, Zara, Snipes oder Strauss Innovation mit 0,4 % noch ein leichtes Plus gegeben.

Eine Untersuchung des Maklerverbundes Deutsche Immobilien- Partner (DIP) bestätigt dieses Ergebnis. Konstante Mietpreise seien allein in den Toplagen der Großstädte zu erwarten, prognostizieren die DIP. Schon für 1B-Lagen geht der Daumen der Experten fast überall nach unten. Der Grund: Trotz des verhaltenen Konsumklimas wird die gesamte Verkaufsfläche in Deutschland nach Einschätzung des HDE 2003 um 1 % auf 111 Mill. Quadratmeter zulegen.

Quelle: Handelsblatt

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