Umschichtungs-Theorie
Pensionsfonds gefährden Aktienkurse

Die britischen Wertpapiermärkte stehen vor großen Veränderungen. In Aktien investierende Pensionsfonds könnten in den nächsten Monaten ihre milliardenschwere Vermögen in Anleihen umschichten. In Deutschland steht ein solcher Schritt dagegen nicht zur Debatte. Hier zu Lande waren die - wenigen - Pensionsfonds vorsichtiger.

DÜSSELDORF/LONDON. Ein neuer Standard sorgt für Unsicherheit und droht die Aktienmärkte zu belasten. Beobachter spekulieren, dass einige der milliardenschweren Pensionsfonds in Großbritannien bald Millionen von Aktien in Anleihen umtauschen. Die Investment-Bank Merrill Lynch schätzt, dass in den nächsten Jahren Dividendentitel im Wert von 75 Mrd. Pfund (rund 234 Mrd. DM) zu Gunsten von Bonds verkauft werden. Die Folge: Aktienkurse gerieten wegen der großvolumigen Orderaufträge unter Druck.

Die möglicherweise radikalen Änderungen resultieren aus einer neuen Bilanzierungsvorschrift: Der Financial Reporting Standard (FRS) 17 verpflichtet Unternehmen ab dem Jahr 2003, die tatsächlichen Kosten für die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter in der Bilanz der Muttergesellschaft auszuweisen. Ab 2003 müssen die Pensionsfonds-Töchter den aktuellen Marktwert ihrer Anlagen den prognostizierten Auslagen für die Pensionen gegenüberstellen. Der Überschuss oder das Defizit kommt dann in die Bilanz der Mutter. Bei einer Anlage in Aktien, der bevorzugten Anlageform, hätte das jetzige Marktumfeld verheerende Folgen: Brechen die Kurse ein, schrumpft das Vermögen zusammen.

Untergangs-Szenarien machen die Runde

Da die Pensions-Zahlungen unverändert hoch bleiben, übernimmt die Mutter-Firma plötzlich ein dickes Minus von der Tochter. "Je kleiner die operative Einheit eines Unternehmens, desto größer ist die Volatilität und damit steigt das Risiko einer Belastung der Bilanz", sagt Theodore T. Sotir, Managing Director für die Vermögens-Verwaltung bei Goldman Sachs. Untergangs-Szenarien machen bereits die Runde: Merrill Lynch listete kürzlich in einer Studie Kandidaten für eine Schieflage auf. Neben British Airways taucht dort der Telekom-Konzern Marconi oder Invensys auf.

Bislang hat nur ein Fonds Aktien abgestoßen. Die 2,3 Mrd. Pfund schwere Fonds-Tochter von Boots, einer Drogerie-Kette, verkündete kürzlich ihren bereits seit 15 Monaten eingeleiteten Rückzug aus dem Aktienmarkt. Dass der Einstieg in Bonds mit der FRS 17 verknüpft ist, gilt am Markt als sicher.

In Deutschland steht keine Änderung der aktuellen Standards an. Das Platzen der Technologie-Blase bringt die Institutionellen jedoch auch hier zum Nachdenken. Zwar sind Pensionsfonds wie in den USA und in Großbritannien zur Sicherung der Altersvorsorge der Mitarbeiter noch die Ausnahme von Firmen wie DaimlerChrysler, Volkswagen und Siemens. Doch einige Fondsgesellschaften wie beispielsweise Allianz Dresdner Asset Management (ADAM) verwalten solche Fonds.

Unternehmen mit Pensionsfonds im Dilemma

"Momentan stecken die Unternehmen mit Pensionsfonds in einem Dilemma. Sie müssen eine bestimmte Rendite erwirtschaften, aber auch Sicherheit bieten", sagt Ernst Konrad, Leiter Europäische Aktien bei der Fondsgesellschaft Activest. In der letzten Zeit sei der Rendite-Aspekt wegen der schwachen Aktienmärkte nur schwer erreichbar gewesen.

Dennoch denkt hier zu Lande kaum jemand an große Veränderungen: Der Volkswagen Pensionsfonds etwa darf ohnehin höchstens zur Hälfte aus Aktien bestehen. "Nach unserer Erfahrung hat sich langfristig ein Portfolio bewährt, das je zur Hälfte aus Dax- und Renten-Papieren besteht", sagt Josef-Fidelis Senn, Leiter des Personalwesens im Volkswagen-Konzern. Auch bei Siemens ist zu hören, dass man den hauseigenen Pensionsfonds nicht nennenswert umschichtet. "Dieser Fonds ist langfristig angelegt. Kleine Umschichtungen kann es zwar geben. Der Aktien- oder Anleihenanteil wird aber nicht signifikant erhöht", heißt es dort.

Eine verstärkte Beimischung von Anleihen kann auch Johann Goldbrunner, Leiter des institutionellen Asset Managements von ADAM, nicht ausmachen. "Es gibt einige Kunden, die aufgrund der Schwäche des Aktienmarktes die Struktur ihrer Portfolios defensiver gestaltet haben. Von einem Trend kann man aus unserer Sicht nicht sprechen", meint er. Gleiches ist vom Deka Investment-Management zu hören.

Größtmögliche Rendite nicht im Vordergrund

Generell kommt es laut Goldbrunner darauf an, welchen Pensionsverpflichtungen das Unternehmen sowohl kurzfristig als auch langfristig nachkommen muss. Im Gegensatz zu den US-amerikanischen sichern die deutschen Pensionsfonds den Mitarbeitern Leistungen zu. Deswegen steht für sie nicht allein die größtmögliche Rendite im Vordergrund der Anlagestrategie. Wichtig ist für die Unternehmen auch, das Verlustrisiko zu minimieren, um die Betriebsrenten zu sichern.

Auch in Großbritannien gibt es Skeptiker der Umschichtungs-Theorie. Die Commerzbank etwa sagt, die Debatte sei "öfter aufgetaucht, als wir uns erinnern wollen". Die Analysten von Schroders Salomon Smith Barney weisen auf einen Hinderungsgrund hin: Der britische Bond-Markt wäre zu klein, um das gesamte Kapital aufzunehmen.

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