Umstellung der argentinischen Telefon- und Energietarife trifft vor allem Investoren
Duhalde bittet Auslandsfirmen zur Kasse

Das argentinische Notprogramm bürdet die Hauptlasten ausländischen Investoren auf. Spanische Firmen sehen sich über die Maßen belastet. Deutsche Firmen hielten sich dagegen zurück.

HB BUENOS AIRES. Präsident Eduardo Duhalde stellte am Wochenende sein Handy ab: Noch nie habe er so viele Anrufe von Lobbyisten bekommen wie in diesen Stunden, sagte der neue Präsident. Vor allem die "Privatisierten" versuchten Duhalde auf ihre Nöte aufmerksam zu machen - damit sind die vorwiegend ausländischen Inhaber der in den neunziger Jahren privatisierten Staatskonzerne gemeint: Banken, Telekom -, Öl- und Stromkonzerne. Denn diese Branchen sollen einen Großteil der Kosten der Abwertung tragen, so sieht es der erste Entwurf der begleitenden Gesetze zur Abwertung vor. Betroffen sind davon vor allem spanische und nordamerikanische Unternehmen, die jeweils für ein Drittel der Auslandsinvestitionen in Argentinien verantwortlich sind. Rund 90 Mrd. $ haben die Multis zwischen 1994 und 2000 in Argentinien investiert. Vergeblich drängte der spanische Präsident Aznar die argentinische Regierung zur Vertragseinhaltung.

Derzeit sieht die Kostenverteilung so aus: Der protestierenden Mittelschicht sagte Duhalde zu, dass Schulden bis zu 100 000 $ in Peso umgewandelt werden. Dadurch entsteht bei den Banken - als Vermittler der Kredite - ein Wertverlust von rund 8 Mrd. $, so schätzen Banker derzeit. Das würde das Finanzsystem jedoch zusammen brechen lassen. Deshalb sollen die Ölkonzerne auf ihre Ausfuhren über fünf Jahre einen Zoll bezahlen, der sich nach der Höhe der Pesoabwertung richtet und in einen Hilfsfond für die Banken einbezahlt wird. Schätzungsweise 0,7 Mrd. bis 1 Mrd. $ könnten so jährlich von den Ölausfuhren abgezweigt werden, schätzen die Banker.

Auch die Versorger - vor allem Telefon und Strom - werden geschröpft: Ihre Tarif werden in Peso umgewandelt, dürfen nicht erhöht werden über einen bestimmten Zeitraum und werden nicht mehr an die Inflationsrate in den USA gekoppelt, wie das den Konzernen noch bei der Privatisierung zugesagt worden war. Inländische Branchen werden dagegen geschont: Die vorwiegend nationale Landwirtschaft, neben Öl die stärkste Exportbranche des Landes, soll - so heißt es bisher - nicht mit Exportzöllen belegt werden.

Das Notprogramm belasten vor allem spanische Unternehmen. Sie sind mit Investitionen zwischen 30 Mrd. und 35 Mrd. $ in den vergangenen zehn Jahren die größte europäische Investorengruppe. Besonders engagiert sind die beiden Großbanken Santander Central Hispano (SCH) und Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), Telefónica, der Mineralölkonzern Repsol-YPF und der Energieversorger Endesa.

In Spanien herrscht große Sorge, über die Maßen beansprucht zu werden. Im Bankensektor werteten Analysten vor allem die Umstellung von Dollar-Schulden auf Peso als schlechte Nachricht. Nach Angaben von WestLB Panmure sind zwei Drittel der Kredite der Töchter Banco Río (SCH) und Banco Francés (BBVA) Dollar-Schulden. Im privaten Sektor ergäben sich durch die Umstellung Verluste von 650 Mill. $ für BBVA und 1 Mrd. $ für SCH. Auf der Verliererseite steht wegen der geplanten Exportsteuer auch Repsol. Analysten schätzen, dass der Gewinn 2002 allein aufgrund dieser Steuer um bis zu 10 % niedriger ausfallen könnte.

Italiens Großkonzerne, seit Jahrzehnten in Argentinien vertreten, haben schon früher drastische Konsequenzen aus der Krise gezogen. So hat der Autokonzern Fiat vor vier Wochen beschlossen, das argentinische LKW-Werk der Tochter Iveco zu schließen. Außerdem wird die Produktion der PKW-Fabrik in Cordoba stark zurückgefahren. Die Fertigung wird im Wesentlichen nach Brasilien verlagert. Auch die größte Bank Italiens, Intesa-Bci, hat zum Jahresende beschlossen, sich von der Tochtergesellschaft Sudameris zu trennen.

Betroffenheit herrscht im exportierenden Mittelstand. Die Exportkreditversicherung Sace geht bis auf weiteres keine Engagements mehr in Argentinien ein. Insgesamt hat sie Geschäfte von 742,8 Mill. Euro abgesichert, von denen rund 250 Mill. gefährdet sind.

Die deutschen Banken haben im Gegensatz zu ihren Wettbewerbern in Spanien und Italien wenig zu befürchten. Die Aufregung bei den großen Instituten halte sich in Grenzen, hieß es in Frankfurter Bankkreisen. Auch die Commerzbank sieht für sich keine Auswirkungen der Abwertung. "Wir haben unser Engagement in Lateinamerika schon vor Jahren zurückgefahren, so dass wir dort faktisch nicht mehr engagiert sind", sagt ein Sprecher.

Deutsche Unternehmen planen vorerst keinen Rückzug aus dem Krisenland, sehen die Krise in dem vergleichsweise kleinen Markt überwiegend gelassen. "Wir wollen den Anteil unseres Dienstleistungsgeschäfts erhöhen - aufgrund der höheren Margen und setzen unsere Umstrukturierung samt Stellenabbau fort," kündigt Peter Gottal an, Sprecher des Siemens Konzerns, der mit rund 3000 Mitarbeitern zu den größten deutschen Arbeitgebern in Argentinien zählt. DaimlerChrysler, die in Argentinien den Transporter "Sprinter" montieren, sehen auch Vorteile der Abwertung. Der Autokonzern hofft, mögliche Verluste aus dem Inlandsverkauf durch bessere Exportmöglichkeiten wett zu machen.

"Deutsche Unternehmen haben nicht nur die Chancen in Argentinien verpasst, sondern jetzt auch die Krise", fasst Reiner Perau, Lateinamerika-Experte des DIHT, die deutschen Zurückhaltung zusammen. Das Desinteresse kann sich rächen, meint Helga Krämer vom Ibero-Amerika-Verein. Ob Telekommunikation oder U-Bahn-Wagen, die Argentinier seien weiterhin auf Importe aus Europa angewiesen.

Mitarbeit: Marcello Berni, Alexander Busch, Sabine Haupt, Silke Kersting, Michaela Kiener-Stuck

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