Umstrittene Filmkünstlerin wird bald 100
Leni Riefenstahl spaltet die Gemüter

Leni Riefenstahl ist mit ihren nunmehr 100 Jahren (22. August) die älteste aktive Filmemacherin der Welt. Längst aber hat die eigenwillige Frau hinter der Kamera, die mit ihrem Regiedebut 1932 die erste deutsche Filmregisseurin wurde, Filmgeschichte geschrieben.

HB BERLIN. Auf jeden Fall ist Leni Riefenstahl mit ihrem an Superlativen so reichen Leben eine der wohl widersprüchlichsten Künstlerpersönlichkeiten der letzten hundert Jahre. Welchen Titel würde sie einem Film über 100 Jahre Leni Riefenstahl selbst geben, wurde sie kürzlich gefragt. "Geliebt, verfolgt und unvergessen", antwortet sie in der Zeitschrift "Vogue".

In der Tat ist keine andere Filmregisseurin so viel beachtet, bewundert und verdammt worden. War sie in ihrer Heimat nach 1945 lange Zeit eher eine Ausgestoßene, zählte das amerikanische "Time"- Magazin Riefenstahl als einzige Frau zu den "100 einflussreichsten und beeindruckendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts". Zu den Bewunderern ihrer Filmästhetik gehören Francis Ford Coppola, George Lucas, Helmut Newton und Mick Jagger. Jean Cocteau nannte sie ein "Genie des Films". Hollywood-Schauspielerin Jodie Foster will im nächsten Jahr in Babelsberg ihr Leben verfilmen, ähnliche Pläne hegte vor ihr schon Madonna.

Zunehmend unkritische Begeisterung

Mit Interesse wird sie in ihrem Haus am Starnberger See, wo sie die Abende oft in ihrem Keller-Archiv verbringt, verfolgt haben, wie die heftige Ablehnung ihrer Person in den ersten Nachkriegsjahrzehnten zuletzt einer nüchterneren filmästhetischen Bewertung ihrer umstrittenen Filme aus der Nazizeit ("Triumph des Willens" über den NSdAP-Parteitag 1934 und "Olympia - Fest der Völker - Fest der Schönheit" 1938) wich. Und aus der Neubewertung wurde, so stellen ihre jüngsten deutschen Biografen fest, inzwischen auch in Deutschland eine zunehmend unkritische "neue Begeisterung für Riefenstahl und ihre Kunst", eine wahre "Riefenstahl-Renaissance" (Jürgen Trimborn "Eine deutsche Karriere, Aufbau-Verlag Berlin).

War sie - als oft bemühtes Musterbeispiel für die Verstrickung von "Kunst und Macht" - nun "Hitlers Auge", Regisseurin von Nazi- Propagandafilmen, eine naiv kindliche Märchenerzählerin, die "wirkungsmächtige Designerin" schöner Körper und machtvoller Massenaufmärsche - und/oder war und ist sie bei alldem eine bedeutende, wegweisende Filmkünstlerin?



Karrierebeginn in der Stummfilmzeit



Ganz am Anfang war sie Tänzerin in der Tradition des Ausdruckstanzes und trat bis 1927 mit großem Erfolg im In- und Ausland auf, bis ein Unfall sie zwang, ihre Tanzkarriere aufzugeben. Schon vorher hatte sie ihre Liebe zum Film entdeckt, die durch den ersten Bergfilm von Arnold Fanck, "Der Berg des Schicksals", geweckt wurde. Sie lernte Skilaufen und Bergsteigen und wurde populäre und attraktive Hauptdarstellerin mehrerer Bergfilme noch in der Stummfilmzeit. Ihr Regiedebüt gab sie 1932 mit der mystisch- romantischen Berglegende "Das blaue Licht", in dem sie als Naturkind Junta selbst die Hauptrolle übernahm und Triumphe feierte - und die Aufmerksamkeit von Hitler erregte, der sie daraufhin mit dem Film zum Nürnberger Parteitag beauftragte. "Das empfand ich als großes Unglück", sagt sie.

Tatsache ist, dass sie sich schon 1932, als sie Hitler zum ersten Mal bei einer Rede im Berliner Sportpalast erlebte, schriftlich an den "Führer" wandte mit der Bitte, ihn "persönlich kennen zu lernen". Sie hat auch nie geleugnet, dass Hitler sie beeindruckt hat. Riefenstahl wurde eine der wenigen unverheirateten Frauen, die häufiger mit Hitler gesehen wurden und zu Gast bei ihm waren. Und nach einem längeren Abend an ihrem Kamin fühlte sie, wie sie später notierte, "daß Hitler mich als Frau begehrte". Dennoch sei zwischen den beiden immer eine gewisse Distanz geblieben, schreibt Biograf Trimborn. "Eine Duz-Freundin Hitlers, wie dies etwa Winifred Wagner war, ist Riefenstahl nie geworden." Aber es war eben, wie auch im Fall des Architekten Albert Speer, eine besondere Beziehung für Hitler, der sich immer als verhinderter Künstler fühlte.

"Wo liegt denn meine Schuld?"

Ihr letzter Spielfilm war "Tiefland", den sie in den Kriegsjahren 1940 bis 1942 mit Bernhard Minetti und Aribert Wäscher drehte und 1954 mit mäßigem Erfolg herausbrachte. Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit bekämpfte sie nach dem Krieg sowohl öffentliche Ablehnung als auch Unfälle und Krankheiten mit neuen Aktivitäten, die in einer zweiten, späten Karriere als Fotografin gipfelten, vor allem in ihren Abenteuern mit der Kamera unter Wasser und bei den Nuba- Volksstämmen im afrikanischen Sudan, was sich in immer neuen Foto- und Filmaufnahmen und Bildbänden niederschlug. Sie erhielt bis ins hohe Alter zahlreiche Einladungen und reiste mit ihren neuen Arbeiten =um die Welt oder nahm an Eröffnungen von Ausstellungen über ihr Leben und Werk teil.

"Es ist so, dass ich fast alles in meinem Leben aus Leidenschaft getan habe", sagte sie in dem "Vogue"-Interview. Ihre 1987 erschienenen Memoiren enden jedoch mit dem Satz: "Es wurde kein fröhliches Buch." Und ein Filmporträt endet mit der von ihr selbst gestellten Frage: "Wo liegt denn meine Schuld?"

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