Umstrittene US-Werbekampagne
Jüdische Einrichtungen kritisieren Daimler

Eine neue Werbekampagne von Daimler-Chrysler sorgt in den USA für Zoff - jüdische Organisationen werfen dem Konzern vor, leichtfertig Parallelen zum Nazi-Regime herzustellen.

HB NEW YORK. Was ergeben Albert Einsteins Genialität und der amerikanische Pioniergeist zusammen genommen? Jede Menge Ärger, wie der Auto-Riese Chrysler zurzeit in den USA feststellen muss. Denn eine Reihe jüdischer Organisationen protestiert gegen die neue Anzeigenkampagne der Daimler-Tochter, weil sie ihrer Ansicht nach den Holocaust beschönigt.

Im Vordergrund der neuen Kampagne stehen die Vorteile der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit bei Daimler-Chrysler: "Amerikanische Phantasie und deutsche Präzision waren immer schon eine starke Kombination", heißt es etwa in einer Anzeige. Zum ersten Mal seit der Übernahme durch die Stuttgarter Autobauer vor rund vier Jahren bekennt sich Chrysler damit ausdrücklich in der Öffentlichkeit zu seiner deutschen Mutter. Doch die Vergleiche, die die Anzeigen heraufbeschwören - Albert Einstein und Thomas Edison, deutscher Raketenbau und erste Mondlandung, Autobahnen und US-Highways - stoßen in den USA auf Unmut vor allem von einigen jüdischen Organisationen.

Für sie sind die Parallelen zum Nazi-Regime überdeutlich und voll bitterer Ironie: "Die Autobahnen hat Hitler bauen lassen, und wenn Einstein in Deutschland geblieben und nicht in die USA geflohen wäre, hätte man ihn ermordet", sagt etwa Rabbi Abraham Cooper, Vizevorsitzender des Simon-Wiesenthal-Centers in Los Angeles. Als verheerend empfindet er vor allem die Anzeige zum Raketenbau: "Dieses Fachwissen haben die Deutschen in der Hitlerzeit beim Bau der V-Raketen mit dem Blut von unschuldigen Zwangarbeitern aufgebaut." Cooper und die Sprecher weiterer jüdische Einrichtungen wie vom Holocaust Memorial Center in Michigan und dem American Jewish Committee befürchten, dass durch die Werbekampagne diese Fakten im öffentlichen Bewusstsein der Amerikaner in Vergessenheit geraten. Statt dessen werde "Geschichte und Kriminalität des Naziregimes schöngefärbt". In einem Brief an Chrysler-Chef Dieter Zetsche forderte Cooper die Autobauer daher auf, die Anzeigen entweder zu überarbeiten oder die Kampagne einzustampfen.

Das ist bisher nicht geplant. Nach Auskunft von James Kenyon, Verkaufs- und Marketingmanager bei Chrysler, werden die Printanzeigen und Rundfunkspots unverändert auf Sendung gehen. Kenyon hält die Proteste für überbewertet: "Die Leute interpretieren Dinge in die Kampagne hinein, die nicht wirklich da sind." Allerdings sei eine solche Diskussion möglicherweise unvermeidbar gewesen. "Wir wollen vermitteln, dass wir in unserem Unternehmen zwei Kulturen zusammenführen, die deutsche und die amerikanische. Und für einige Leute in den USA ist ?Deutschland' eben noch immer ein heikles Wort."

Die Sensibilisierung der Konsumenten sieht auch Ron Lane, Professor für Werbegestaltung an der Universität von Georgia, als eine Ursache der aktuellen Diskussion. "Das ist eines der Probleme der heutigen Reklame: die Leute reagieren auf alles sehr feinfühlig. Die Agentur ist höchstwahrscheinlich selbst davon überrascht worden, dass ihre Kampagne auf einmal einen solchen politischen Stellenwert erlangt."

Nicht alle Vertreter jüdischer Organisationen reagieren negativ auf die Anzeigen: Anwalt Roger Richman etwa, der über den Nachlass Albert Einsteins wacht, hält die Kampagne für unproblematisch: "Einstein wurde in Deutschland geboren, brachte seine Brillanz dann in die USA und bereicherte uns. Diese Verbindung gibt es also unbedingt."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%