Unappetitliches Wahl-Menü
Le Pen stilisiert sich zum Opfer

Kurz vor der Stichwahl am kommenden Sonntag lässt Jean-Marie Le Pen alle Hemmungen fallen. Im Duell gegen Präsident Jacques Chirac schreckt er nicht einmal vor Nazi-Parolen zurück. Die am 1. Mai geplanten Massenkundgebungen könnten dem französischen Nationalistenführer in die Hände spielen.

cn PARIS. Das gefiel Jean-Marie Le Pen. Die stämmigen, kurz geschorenen Mitglieder seines parteieigenen Sicherheitsdienstes bugsierten den Tontechniker des TV-Teams von "Canal plus" kurzerhand vor die Tür. Als sie sich anschickten, auch noch einen Reporter des beliebten Fernsehsenders aus dem Hauptquartier des "Front National" (FN) zu werfen, gebot Le Pen seinen "Gorillas" jedoch Einhalt. Der Nationalistenführer flirtet zwar gern mit Skandalen. Doch er hütet sich davor, sie offen ausbrechen zu lassen. Ein bisschen Respektabilität muss schließlich sein, wenn man vorhat, Frankreichs Staatschef zu werden.

Sich als Opfer stilisieren und mit kalkulierten Provokationen Aufmerksamkeit erregen: Das ist die Strategie, mit der Le Pen hofft, bei der Stichwahl gegen Präsident Jacques Chirac am kommenden Sonntag "zwischen 40 und 51 % der Stimmen" zu ergattern. Umfragen geben ihm zwar nur 20 bis 22 %. Doch der Rechtsextreme setzt auf eine Überraschung wie beim ersten Wahlgang am 21. April. Da warf er mit fast 17 % Premierminister Lionel Jospin aus dem Rennen.

Um das Unmögliche möglich zu machen, streut Le Pen Verschwörungstheorien: Jean-Marie allein gegen alle. Für das Enfant terrible der französischen Politik haben die Bürger am Sonntag die Wahl zwischen "dem Guten und dem Fiesen". Auf der Seite seines Gegners stünden "Mafia, Lobbys, Politiker, Wirtschafts- und Kulturverbände aller Sorten" sowie "sowjetisierte Bischöfe", befand Le Pen. "Ich aber habe nur einen, aber mächtigen Alliierten: das französische Volk."

Die "kleinen Ärsche", die zum Protest gegen die FN durch die Straßen ziehen, seien natürlich von Chirac geschickt, um diesem als "menschliche Schutzschilde zu dienen."

Ein weiteres Element seiner Strategie sind gezielte Provokationen. Aus "Maastricht-Europa" will Le Pen aussteigen, um Frankreichs "Unabhängigkeit" wieder herzustellen. Auch den Franc will er wieder einführen. Le Pen beruft sich auf Republikgründer Charles De Gaulle: "Ein Land, das ist ein Rechtsstaat, eine Armee und eine Währung." Natürlich will Le Pen mit den anderen Europäern über alles verhandeln, aber das Ergebnis steht schon fest. Nicht rütteln möchte er hingegen an der Gemeinsamen Agrarpolitik. Dass Frankreichs Bauern pro Jahr 9 Mrd. Euro an Beihilfen aus Brüssel erhalten, erfreut auch den FN-Chef.

Getragen von seiner Erfolgswelle, schreckt Le Pen nicht mehr vor Anleihen aus dem nationalsozialistischen Wortschatz zurück. "Übergangslager" will er einrichten für alle Ausländer, die zur Abschiebung vorgesehen sind. Auf seinem unappetitlichen Menü steht auch das Motto "Arbeit, Familie, Vaterland". Es stammt aus dem Vichy-Regime unter Marschall Philippe Pétain, der ab 1940 mit den Nazis kollaborierte. Macht nichts: Der Vichy-Leitspruch sei immer noch besser als die republikanische Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", tönt Le Pen.

Bei der Umsetzung seiner Strategie setzt der FN-Führer fast ausschließlich auf die Medien. Er eilt von Sender zu Sender, der französischen Presse genehmigt er - anders als sein Rivale Chirac - ausgiebig Interviews. Das Kalkül des 73-Jährigen lautet: "Eine Minute im ersten Fernsehprogramm wiegt mehr als tausend Wahlkampfauftritte." Zu Gute kommt ihm das französische Wahlgesetz, das die Sender zwingt, beide Kandidaten gleichmäßig zu Wort kommen zu lassen.

Mit den Hunderttausenden von Demonstranten, die seit einer Woche täglich auf den Straßen Frankreichs demonstrieren, kommt Le Pen dagegen nicht in Kontakt. Während Chirac beinahe täglich Wahlkampfauftritte absolviert, sieht sein Zeitplan nur zwei Kundgebungen vor: Am Mittwoch auf der Pariser Place des Pyramides - und tags darauf in seiner Hochburg Marseille.

Unverhohlen spekuliert der Le Pen darauf, dass sich die "linken Milizen" am 1. Mai zu Attacken auf seine Fans hinreißen lassen. Wieder wäre der FN das Opfer: "Wir haben noch nie eine Veranstaltung unserer Gegner attackiert. Ich werde alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen", kündigt Le Pen an. Der parteieigene Sicherheitsdienst wird am Mittwoch 400 Mann aufbieten, um die Manifestation des FN-Chefs "vor Provokationen" zu schützen.

Le Pen hat keinen Zweifel daran, dass seine Leibgarde effektiv sein wird: Schließlich bekommt sie bei den Pressekonferenzen ihres Chefs reichlich Gelegenheit, ihre oft rabiaten Zugriffe zu üben.

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