Und der 25-Jährige lächelt immerzu...
Beckenbauer adelt den neuen Star

Sogar in München sind sie überrascht, dass der Neue so schnell so treffsicher und noch dazu so pflegeleicht ist. Michael Ballack erfüllt bislang alle Erwartungen und noch einige mehr.

MÜNCHEN. Bislang hatte Franz Beckenbauer seiner sportlichen Nachkommenschaft ein solches Lob verweigert, nun schien die Zeit offenbar reif. "Er ist einer wie ich", adelte der Urvater bayerischer Fußballkunst dieser Tage Michael Ballack. Und es war, als zurrte sein Bekenntnis die Neuordnung der ewigen deutschen Fußball-Rangliste endgültig fest: Michael Ballack - der neue Weltstar.

Doch wieso ausgerechnet jetzt? Trotz ausgezeichneter Referenzen aus Leverkusen und der erfolgreichen Weltmeisterschaft hatte es Zweifel gegeben, ob sich der 25-Jährige problemlos in den Erfolgsapparat der Bayern München AG einfügen könne, ob er schon das Format für die ihm zugedachte dominante Position habe und den Ersatz-Effenberg geben könne. Erst zu einem späteren Zeitpunkt, so die einhellige Meinung, werde man sehen, ob Ballacks unbestrittene Ausnahmefähigkeiten ausreichten für das Prädikat Superstar.

Ein erstes Fazit knapp zwei Monate nach seinem ersten Erscheinen an der Säbener Straße wischt alle Bedenken weg. "Er hat die Erwartungen voll erfüllt", sagt Manager Uli Hoeneß. "Er ist schon jetzt Führungsspieler", sagt Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der sich manchmal mit seinen Lobpreisungen auf den neuen Spielmacher zügeln muss. Selbst die Bayern-Granden wirken zuweilen verblüfft, mit welcher Geschmeidigkeit sich Ballack in den Betrieb einfügte und mit welcher Rasanz er dessen neue Frontfigur wurde, mit drei Toren und einer Vorlage in den ersten fünf Spielen.

Ballack ist auch im Luxuskader des FC Bayern nicht zu ersetzen

Obwohl er leicht angeschlagen ist, tritt er am Mittwoch erstmals in der Champions League für die Bayern gegen La Coruna an. Daran zweifelte am Dienstag kaum jemand, auch wenn die Bayern zunächst verkündeten, dass der Einsatz noch nicht endgültig sei. Da es aber selbst im Münchner Luxuskader keinen Ersatz für den Hochgelobten gibt, wird man - wenn es eben geht - nicht auf ihn verzichten. "Den gleichen Typ haben wir nicht in der Mannschaft", sagt Trainer Ottmar Hitzfeld.

"Wir müssen versuchen, in dieser Hammergruppe sofort mit einem Hammersieg zu starten", fordert Rummenigge so oder so gleich im ersten Gruppenspiel ein Signal der wieder gewonnenen Stärke. Die wiederum ist nicht zuletzt dem sechs Millionen Euro teuren Ballack zu verdanken, der für Beckenbauer sogar wertvoller als der teuerste Spieler der Welt ist. "Ich möchte ihn nicht einmal gegen Zinedine Zidane eintauschen", schrieb der Bayern-Präsident am Dienstag in seiner "Bild"-Kolumne. Ballack sei jünger und torgefährlicher als der "elegantere und geschmeidigere" Franzose, für den Real Madrid vor einem Jahr die Rekord-Ablöse von 71,6 Millionen Euro bezahlt hatte.

Da ist es kein Zufall, dass Ballack schon jetzt die Selbstgewissheit ausatmet, die wie eine bleischwere Wolke um das Vereinsgelände in Harlaching wabert. Bei seinen prominenten Vorgängern war das nicht immer so. Lothar Matthäus, Mehmet Scholl und auch Stefan Effenberg bei seinem ersten München-Abenteuer - sie alle brauchten eine gewisse Anlaufphase in der neuen bayrischen Umgebung, die wenig mit der Atmosphäre bei anderen Erstligisten zu tun hat. Was Ballack ihnen voraus hat, sind Tiefen.

Die Metamorphose scheint abgeschlossen

Gerade zehn Monate ist es her, dass sich Ballack mit drei Toren bei den WM-Qualifikationsspielen gegen die Ukraine mühsam ersten bundesweiten Respekt erarbeitete. Bis dahin haftete ihm das Etikett des schnöseligen und verwöhnten Schönwetterspielers an, nach der verkorksten EM 2000 geißelte ihn die Presse als Paradebild des versagenden Jung-Millionärs. "Möchtegern-Beckenbauer" war noch einer der netteren Kosenamen. Ein arroganter Fußball-Beau eben, kam ja ganz plausibel rüber. Die erfolgsentwöhnte Öffentlichkeit nahm dankend an.

Nun endlich scheinen sich die unangenehmen Erfahrungen des jungen Michael Ballack auszuzahlen, die Metamorphose abgeschlossen. Er hat zu einer Gelassenheit gefunden, die Quelle seiner Selbstsicherheit ist und ihm gleichzeitig eine Gleichgültigkeit demgegenüber gibt, was aktuell über ihn berichtet wird; im Positiven wie im Negativen. Nach dem Sieg der Nationalmannschaft in Litauen war bereits von der "Bundesrepublik Ballack" die Rede. Als ihm dann nach seinen beiden Toren beim 2:1 der Münchner in Nürnberg jemand die Schlagzeile "FC Ballack" vor die Nase hielt, sagte er milde lächelnd: "Ich kann mit solchen Bezeichnungen nichts anfangen."

Auch privat läuft es rund

Dank des Realitätssinns fiel die Eingewöhnungsphase in München für den bald 26-Jährigen überraschend kurz aus. "Michael ist schon voll integriert", sagt Nationalmannschaftskollege Thomas Linke, "weil er ein lockerer und offener Typ ist. Er hat mit keinem Probleme." Bisher hat Ballack sein Dauerlächeln so selten abgelegt, dass es bisweilen aussieht, als sei es eingemeißelt.

Doch irgendwann, so weiß der Spieler, könnte auch ihm das Lächeln bei den Bayern wieder vergehen. "Spätestens in der Champions League werden wir auch mal ein Spiel verlieren und dann sieht es gleich ganz anders aus." Doch es deutet einiges daraufhin, dass kurzfristige Rückschläge seinen zuletzt ungebremsten Aufwärtstrend nicht nachhaltig gefährden können.

Zumal es auch privat rund läuft. Feste Freundin, ein Sohn: Es ist augenscheinlich der einzige Bereich, wo bei Ballack derzeit die Bezeichnung "solide" zutrifft. Man muss ja nicht gleich auf allen Ebenen mit Franz Beckenbauer mithalten können.

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