Und was tranken die Deutschen in Berlin, als die Mauer fiel? Den Schaumwein mit der roten Kapsel natürlich.: Der Schampus der Einheit

Und was tranken die Deutschen in Berlin, als die Mauer fiel? Den Schaumwein mit der roten Kapsel natürlich.
Der Schampus der Einheit

DÜSSELDORF. Jürgen Kotschi hat eine innige Beziehung zu "seiner" Marke. Der heutige Vertriebsdirektor der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH ist erstens in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und hat zweitens schon vor der Wende für den damaligen VEB Sektkellerei Rotkäppchen in Freyburg an der Unstrut gearbeitet.

Und darauf ist der 43jährige Diplom- Betriebswirt immer noch stolz. "Die Sektkellerei war ein Vorzeigebetrieb, der keineswegs minderwertige Weine osteuropäischer Herkunft verarbeitet hat," berichtet Kotschi. Und weil Rotkäppchen sozusagen offizielles Festgetränk der DDR und bei allen offiziellen Anlässen der Partei- und Staatsführung getrunken wurde, bekam das Unternehmen auch von Zeit zu Zeit "Valutamittel" - sprich Devisen.

Damit wurden dann italienische oder gar französische Weine zugekauft, um die Qualität des Getränks zu verbessern. Doch nicht nur auf den Diplomatenempfängen und den Herrenjagden von Staats- und Parteichef Erich Honecker war der Schaumwein von der Unstrut das DDR-Getränk. Auch auf vielen privaten Feiern wurde der Sekt eingeschenkt. So war die ein oder andere Flasche Rotkäppchen bei der Jugendweihe ein "Muss".

Insofern kann es kaum verwundern, dass das moussierende Getränk in den HO- und Konsumläden fast immer Mangelware blieb. Trotz des für ostdeutsche Verhältnisse überaus stolzen Preises von 17 bis 20 Ost-Mark pro Flasche war der Sekt eigentlich immer ausverkauft. "Eine begehrliche Ware", sagt Jürgen Kotschi, der den Begriff "Bückware" immer noch nicht mag. Als "Bückware" wurden in der DDR ironisch knappe Güter bezeichnet, die die Verkäuferin für vorgemerkte Kunden unter dem Ladentisch verbarg und sich bei der Herausgabe danach bücken musste. Kurz vor der Wende produzierte die Freyburger Sektkellerei die für damalige Verhältnisse rekordverdächtige Zahl von 15 Mill. Sektflaschen jährlich.

Und was tranken die Deutschen in Berlin, als die Mauer fiel? Den Schaumwein mit der roten Kapsel natürlich. "Es sind die Erinnerungen an viele positive Ereignisse, die mit der Sektmarke verbunden bleiben", nennt Peter O. Claußen, Marketingchef bei Rotkäppchen-Mumm, einen Grund für den Erfolg, den die Sektmarke auch nach der Wende in Ostdeutschland hatte. Mit einer Jahresproduktion von deutlich mehr als 51 Mill. Flaschen geraten die heutigen Rotkäppchen Mumm - Sektkellereien am Standort Freyburg allerdings langsam an ihre Kapazitätsgrenzen. Mit einem Marktanteil von knapp 15 % liegt das Unternehmen, das vor wenigen Tagen die Premium-Marke Geldermann übernahm, auf dem gesamtdeutschen Sektmarkt eindeutig vor dem langjährigen Marktführer Freixenet, dem katalanischen Sekt, den hier zu Lande die Nieder-Olmer Eckes AG verkauft.

Sie kommt mit der Cava auf einen Anteil von 12,6 %. Dabei liegt der Schwerpunkt des Verbreitungsgebiets von Rotkäppchen immer noch im Osten. Dort kommt inzwischen jede zweite Flasche Sekt, die getrunken wird, aus der Freyburger Sektkellerei. Mit den im vergangenen Jahr erworbenen Sektmarken Mumm und MM verzeichnet das Unternehmen einen Gesamtumsatz von 334 Mill. Euro und beschäftigt 260 Mitarbeiter. Potenzial sehen die Kellermeister aus Sachsen-Anhalt vor allem in Westdeutschland. Seitdem das Unternehmen den Werbeetat in den letzten fünf Jahren mehrfach erhöht hat und in diesem Zeitraum mehr als 15 Mill. Euro für ganzjährige TV-Spots, TV-Sponsoring und Kooperationen beispielsweise mit dem Circus Roncalli ausgegeben hat, stieg der Marktanteil im Westen auf 3 %. Claußen schwört auf die Eingängigkeit des Slogans "Phantasie aus tausend Perlen" und vieler flankierender Maßnahmen wie Probieraktionen oder Schwerpunktpromotions.

Der Marketing- Chef sieht die Chance, den Marktanteil im Westen innerhalb der nächsten drei Jahre auf 5 % auszubauen. Dies hält auch Branchenexperte Reiner Mihr, Chefredakteur der Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis, für "realistisch". Das Unternehmen nutze die Dynamik der Marke geschickt aus, um sich gegen den insgesamt rückläufigen Sektmarkt zu entwickeln. Marktführer in Rot. Einst als "Kommunisten-Champagner" verspottet, schreibt die ostdeutsche Marke Rotkäppchen als deutscher Marktführer eine fast ununterbrochene Erfolgsstory. Zwar brach der Absatz nach der Wende um 90% ein. Doch Gunter Heise, schon zu DDR-Zeiten technischer Leiter des VEBSektkellerei Rotkäppchen, glaubte an die Marke. Mit Unterstützung der westdeutschen Spirituosen-Dynastie Eckes-Chantré übernahm der Verfahrenstechniker gemeinsam mit weiteren Rotkäppchen-Managern das Unternehmen von der Treuhand. Stetig baute Heise die Position der Marke im Osten aus. 2001 folgt der große Sprung, die Übernahme der Westmarken Mumm und Matthäus Müller aus dem Besitz des kanadischen Seagrams- Konzerns.

Auf einen Schlag ist Rotkäppchen größter deutscher Sekthersteller. Die Brüder Moritz und Julius Kloss hatten die Kellerei 1856 im nördlichsten deutschen Weinanbau-Gebiet, in Freyburg/Unstrut, gegründet. Nach einem Namensstreit mit einem französischen Champagnerhaus erhielt die Freyburger Sektmarke "Monopol" 1894 den Namen "Rotkäppchen". Namensgeber war die rote Flaschenkapsel. Seit dem 100. Gründungsjubiläum geht es mit dem Unternehmen aufwärts. Gunter Heise vertraut dabei auf eine zentrale Stärke:"Markenkraft schafft stabile Umsätze." Inzwischen habe Rotkäppchen noch vor Mumm das höchste Markenvertrauen beim Verbraucher.

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