„Und wir haben seine beste Zeit noch nicht gesehen!“
Die Phelps-Spiele

Die 24. Olympischen Spiele sollen seine Spiele werden. Mit acht angestrebten Goldmedaillen will der US-Schwimmer Michael Phelps in Peking den Rekord seines Landsmannes Mark Spitz (sieben Medaillen) knacken. Dafür muss er inklusive aller Vorläufe ganze 17 Mal ins Wasser des "Water-Cube".

PEKING. Jetzt hat er die Bahn für sich allein. Er steht auf dem Startblock. Die Beine leicht gespreizt, den Körper vornüber gebeugt. Sein Trainer Bob Bowman steht am Beckenrand und ruft ihm ein scharfes "Go" zu. Michael Phelps katapultiert sich in sein Element, taucht nach 20 Metern wieder auf und schwimmt los. Wie Trommelschläge peitschen seine Beine im Rhythmus einer Nähmaschine auf das Wasser des National Aquatic Center. Auf diese Weise erzeugen sie eine Welle, auf der er gleitet, so schnell, dass Bowman am Rand joggen muss, um ihm folgen zu können.

Michael Phelps ist angekommen im "Water-Cube", jener futuristischen Schwimmhalle, in deren Wasser der US-Amerikaner bei diesen Spielen acht Goldmedaillen gewinnen soll. Eine mehr als sein Landsmann Mark Spitz vor 36 Jahren bei den Olympischen Spielen in München. So erwartet es die Welt von ihm. Die 24. Olympischen Sommerspiele sollen Michael-Phelps-Spiele werden. Wegen ihm hat der US-Fernsehsender NBC, der für die Übertragungsrechte 893 Millionen Dollar an das IOC überwiesen hatte, die Schwimmfinals auf den Vormittag verlegen lassen, damit möglichst viele Amerikaner zur besten Sendezeit daheim vor dem Fernseher sitzen und live mitverfolgen können, wie Michael Phelps vielleicht Geschichte schreibt.

Acht Goldmedaillen. Dafür schwimmt er beide Lagen-Strecken, beide Delfin-Strecken, 200 Meter Freistil sowie die drei Staffeln. Inklusive aller Vorläufe muss Phelps in Peking 17 Mal ins Wasser.

An diesem Vormittag trainiert er auf Bahn neun. Den Rest des Beckens teilen sich Schwimmer aus Kuwait, Samoa und den Fiji Inseln - Sie schauen nur auf ihn. Ein Freistil-Schwimmer ändert die Richtung seines Atmung, damit er ihn besser sehen kann. Ein Rückenschwimmer wechselt aus dem gleichen Grund in den Brust-Stil, und ein Brustschwimmer klettert gleich ganz aus dem Becken, um von draußen besser staunen zu können. Phelps Beine peitschen unbeirrt weiter auf das Wasser ein, nach dem seine Arme greifen, als könne er es festhalten.

Seine Konkurrenten aus Australien, Europa und aus der eigenen Mannschaft wissen nicht genau, was er anders macht als sie, warum er mit 23 schon 17 Mal Weltmeister geworden und 22 Weltrekorde geschwommen ist. Sie argwöhnen, dass es nicht nur am Talent und Training liegt.

Jede Frage zum Thema Doping lässt Phelps jedoch an sich abtropfen, als wäre seine Haut aus Gore-Tex. Er sei sauber, behauptet er. 59 Mal sei er seit 2001 von der Nationalen Anti-Doping-Agentur kontrolliert worden, die Tests bei Internationalen Wettkämpfen nicht mitgezählt - alle Proben waren negativ. Trainer Bowman wird nicht müde, über sein hartes Training zu reden. Für Phelps gebe es Sonntage ebenso wenig wie Feiertage. Und eine Erkältung sei für ihn noch lange kein Grund, zu Hause zu bleiben, so sein Trainer. "Michael trainiert härter als jeder andere Athlet auf der Welt und härter als vor Athen."

Genau genommen sind es in Peking nicht die ersten Phelps-Spiele. Auch vor vier Jahren ging er achtmal an den Start: Sechsmal war er der Schnellste, zweimal gewann er Bronze. "Physisch ist er noch besser als 2004", sagt Bowman. Bei der WM 2007 in Melbourne schwamm er fünf Weltrekorde und gewann sieben Titel. Den achten verpasste er nur, weil die US-Staffel nach einem Fehlstart disqualifiziert wurde. Und in diesem Jahr hält er in allen fünf Einzeldisziplinen, in denen er in Peking startet, die Jahresweltbestzeit.

Vielleicht auch deshalb glaubt Mark Spitz, dass "wir seine beste Zeit noch nicht gesehen haben". Sein Ausrüster, die australische Firma Speedo, hat keine Versicherung gefunden, die bereit wäre zu zahlen, falls Phelps tatsächlich achtmal Gold gewinnt und der Badeanzug-Hersteller ihm wie angekündigt eine Million Dollar Prämie überweist.

Die Einzigen, die diesen "Schadensfall" verhindern könnten, sind Phelps` amerikanische Kollegen Ryan Lochte (200 Meter Lagen) und Ian Crocker (100 Meter Delfin). Zwar gewann Phelps bei den US-Trials gegen beide, "aber in Peking werde es härter für ihn", sagt US-Cheftrainer Mark Schubert.

Michael Phelps muss aus dem Wasser. Mehr als 100 Minuten lässt der enge Zeitplan der Organisatoren nicht zu. Gleich wird er Audienz halten im Hotel Intercontinental. Zum ersten Mal in diesen Tagen ist der größte Saal des Main Press Centers überfüllt.

In Trainingsjacke und Basketballshorts betritt Phelps das Podium, immer wieder schüttelt er seinen Kopf, stochert mit dem kleinen Finger im rechten Ohr, als suche er nach Restwasser. Und als er nichts findet, redet er über das Wasser im "Würfel". Dass es sehr geschmeidig sei und gut abfließe, sagt er. "Dieser Pool ist fantastisch."

Über achtmal Gold redet er übrigens nicht. Er wolle nur raus und schwimmen. Am Samstag darf er, beim Vorlauf über 400 Meter Lagen.

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