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"Taxiii!"

Aus zehntausenden Kehlen ertönt dieser verzweifelte Ruf jeden Tag in Athen. 15 000 Taxis gibt es in der Viermillionenstadt, umgerechnet auf die Bevölkerung weit mehr als in jeder anderen europäischen Großstadt.

Aus zehntausenden Kehlen ertönt dieser verzweifelte Ruf jeden Tag in Athen. 15 000 Taxis gibt es in der Viermillionenstadt, umgerechnet auf die Bevölkerung weit mehr als in jeder anderen europäischen Großstadt. Hinzu kommen noch einmal schätzungsweise tausend "Piratentaxis", die zwar genauso knallgelb daherkommen wie die regulären, aber mit gestohlenen Nummernschildern und gefälschten Konzessionspapieren unterwegs sind. Viele Taxis also - aber nicht genug. In den Spitzenzeiten steht man mitunter eine Viertelstunde am Straßenrand und winkt. Lässt ein näher kommender Taxifahrer die Lichthupe aufblitzen, signalisiert er damit: vielleicht nehme ich Dich mit... Den vorbeifahrenden Taxis ruft man sein Fahrtziel zu. Wenn es dem Chauffeur passt, hält er an. Nicht selten sitzen bereits Fahrgäste im Wagen, die in eine ähnliche Richtung wollen. Natürlich zahlen alle Teilnehmer solcher Sammeltransporte den vollen Fahrpreis.

Aus Sicht der Fahrer geht es gar nicht anders. "Mit den normalen Tarifen kommen wir bei den gestiegenen Dieselpreisen überhaupt nicht mehr über die Runden", sagt der Taxibesitzer Efsthatios Charalambous. Tatsächlich ist Taxifahren in Athen billig. Eine durchschnittliche Stadtfahrt schlägt mit rund drei Euro zu Buch. Für die halbstündige Fahrt vom Athener Syntamaplatz zum Hafen Piräus zahlt man rund sechs Euro - regulär jedenfalls. Ich kenne allerdings Touristen, die schon das zehnfache berappt haben. Um ihre Einnahmen aufzubessern, greifen viele Athener Taxifahrer zu rüden Tricks. Sie manipulieren die Taxameter, erfinden Phantasie-Zuschläge oder fahren tagsüber Touristen zum doppelt so teuren Nachttarif durch die Stadt. Auch Umwege sind beliebt. "Unterwegs haben wir plötzlich Schiffe gesehen", erzählte mir kürzlich ein Freund aus den USA, der vom Ath ener Flughafen ein Taxi zu seinem Hotel in Kifissia genommen hatte. Ich ahnte: der Fahren hat ihn in einem großen Dreieck über Piräus kutschiert, die vierfache Entfernung.

Die Einführung des Euro war für die Athener Taxifahrer ein schwerer Schlag. Die Einheitswährung sorgt für etwas mehr Transparenz. Als es noch die Drachme gab, konnte man die Ausländer viel leichter abzocken: welcher Japaner, welcher Amerikaner, der am Athener Flughafen ein Taxi bestieg, wusste schon, was 5 000 oder 50 000 Drachmen wert waren? Aber auch in der Euro-Ära wissen sich die Taxifahrer zu helfen. Eine deutsche Bekannte berichtete mir kürzlich, für eine fünfminütige Stadtfahrt habe ein Taxifahrer 20,25 Euro verlangt. Erst nach einer Schrecksekunde realisierte sie, dass der Fahrer ihr die digital angezeigte Uhrzeit zu berechnen versuchte.

Was hat die Regierung nicht alles unternommen, um die Athener Taxifahrer vor den Olympischen Spielen 2004 zu zähmen. Benimm- und Sprachkurse wurden ihnen angeboten, staatliche Subventionen für die Beschaffung neuer Autos. Selbst den Einbau von Navigationssystemen förderte das Finanzamt. Die Strafen für Fahrpreismanipulationen wurden drastisch erhöht, bis hin zum endgültigen Verlust der Konzession. Gefruchtet hat das alles wenig. Die meisten Athener Taxis sind altersschwach. Die Türen klappern, die schweißtreibenden Plastiksitze sind durchgesessen, funktionierende Sicherheitsgurte sucht man in vielen Taxis vergeblich. Nur wenige Wagen haben eine Klimaanlage, und die Fahrer müssen oft den Fahrgast nach dem Weg fragen. Viel Entgegenkommen darf der Kunde nicht erwarten. Nur wenige Chauffeure erheben sich von ihrem Sitz, um beim Verstauen des Gepäcks zur Hand zu gehen. Mit einem Knopfdruck lassen sie vom Steuer aus den Koffe rraumdeckel aufschnappen, das ist alles. Während der Fahrt kommt man in den Genuss dröhnender Bouzoukimusik aus scheppernden Lautsprechern, oder man wird in endlose politische Debatten verwickelt. Zwar gilt in griechischen Taxis ein Rauchverbot - aber das stört viele Fahrer nicht. Sie paffen ungerührt drauflos, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen das Handy.

Eine Taxifahrt in Athen ist also alles andere als ein Vergnügen. Aber was sollen wir machen. Auch morgen früh wird der Hilferuf wieder vieltausendfach von den Straßenrändern ertönen: "Taxiii!"

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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