Undurchsichtige Bilanzmachenschaften
Adelphia Communications: Gierige Brüder

Der Kabelbranche droht ein Enron-Skandal: Undurchsichtige Bilanzmachenschaften der Gründerfamilie haben Adelphia, immerhin die Nummer sechs der US-Kabelbetreiber, an den Rand des Ruins gebracht. Noch sind die Folgen des Skandals nicht absehbar.

NEW YORK. Es klingt wie eine Folge aus den TV-Seifenopern Dallas oder Denver Clan. Doch die Geschichte um geprellte Anleger, verschwundene Milliarden und einen verschworenen Familienclan ist ganz real. Adelphia ist der sechstgrößte Kabelbetreiber der USA - und derzeit das Skandalunternehmen Nummer eins. Die Nasdaq droht, die Aktie vom Kurszettel zu streichen.

Dabei hatte alles wie ein amerikanischer Traum begonnen: John Rigas, damals 28 Jahre alt, lieh sich 1952 Geld von Freunden und Verwandten und kaufte ein Kino in der Kleinstadt Coudersport, Pennsylvania. Wenig später machte ihn ein Filmhändler auf den anstehenden Verkauf eines lokalen Kabelnetzes aufmerksam. Rigas kaufte schließlich für 300 $ sein erstes Kabelnetz. Zusammen mit seinem Bruder baute er das Geschäft aus - anfangs durch Überredungskünste an der Haustür. Nach und nach stiegen immer mehr Familienmitglieder in den Betrieb ein. Im Jahr 1972 bekam das Unternehmen seinen heutigen Namen - Adelphia. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Brüder".

Jetzt musste John Rigas nach 50 Jahren seinen Posten räumen. Und nicht nur er: Auch sein Sohn Timothy Rigas, bisher Finanzvorstand bei Adelphia, tritt zurück. Die Aktie ist seit Ende März um 72 % in den Keller gerutscht. Gegenüber dem Höchstkurs im Mai 1999 von 86,6 $ mussten die Investoren sogar einen Verlust von über 90 % verkraften. Am Mittwoch vergangener Woche wurden die Adelphia-Anteile vom Handel an der Nasdaq ausgesetzt.

Der Anfang der Krise: Für das vierte Quartal meldet Adelphia tiefrote Zahlen. Der Grund: Die Tochter Adelphia Business Solutions musste die Insolvenz beantragen. Doch der eigentliche Schock kam später. Kleinlaut offenbarte das Management, dass Adelphia für einen Kredit in Höhe von 2,3 Mrd. $ bürgt. Kreditnehmer ist die Highland Holding. Hinter der Investmentgruppe verbirgt sich der Rigas Clan. Von der Milliardenbürgschaft ahnten die Aktionäre von Adelphia monatelang nichts. Inzwischen ist klar: Die Verpflichtungen belaufen sich sogar auf rund 3,1 Mrd. $.

Sammelklage und Untersuchung

Die Veröffentlichung löst eine Domino-Reaktion aus: Die Aktionäre reichen eine Sammelklage gegen das Unternehmen und dessen Vorstände ein. Einen Tag später meldet sich die amerikanische Börsenaufsicht SEC. Das Börsen-FBI leitet eine Untersuchung ein. Inzwischen haben zudem die Staatsanwälte zweier US-Bundesstaaten Ermittlungen aufgenommen.

Die Bilanzkosmetik missfiel auch der Ratingagentur S&P. Die Analysten stuften die Kreditwürdigkeit herab. "Die Abwertung basiert auf unserer Einschätzung, dass die finanzielle Stabilität Adelphias durch die außerbilanziellen Kreditvereinbarungen enorm geschwächt wird", lautete der Kommentar von S&P-Analyst Richard Siderman. Auch die Zunftkollegen von Moody´s reduzierten ihr Kredit-Rating.

Wie viel die Bücher über die wirkliche Lage von Adelphia aussagen, wagt kaum noch jemand zu beurteilen. Die Jahresabschlüsse von 1999 und 2000 müssen neu erstellt werden. Für 2001 hat das Unternehmen bisher keine Zahlen vorgelegt. Vergebens forderte die Nasdaq-Marktleitung die fällige Bilanz. Die eigens bestallten Wirtschaftsprüfer von Deloitte & Touche setzte das Management vor die Tür, bevor sie zu einem Urteil kommen konnten. Die lapidare Erklärung der Unternehmensführung: "Aufgrund der andauernden Überarbeitung unserer Buchführung sind wir bisher nicht in der Lage, die Berichte über die Fremdkapitalsituation zu veröffentlichen."

Bei einem Rauswurf aus dem Technologie-Index droht dem Kabelnetz-Betreiber der Kollaps. Adelphia müsste auf einen Schlag 1,4 Mrd. $ an Inhaber von Wandelanleihen zahlen, da diese dann ein Recht auf vorzeitige Tilgung der Scheine haben. Schon jetzt schlingert das Unternehmen nahe an der Zahlungsunfähigkeit. Rund 14,7 Mrd. $ schuldet Adelphia seinen Gläubigern. Fällige Zinsen für eine ausgegebene 7-jährige Anleihe konnten nicht gezahlt werden.

Die Finanzen des Unternehmens sind eng mit den privaten Investitionen der Rigas` verzahnt - so eng, dass sie fast nicht zu trennen sind. So hat John Rigas das NHL-Eishockeyteams Buffalo Sabres mit Geldern seines Unternehmens liquide gehalten. Aus anfangs 15 Mio. $ wurden im Laufe der Zeit immer mehr. Niemand weiß, ob und wie viel der Hockey-Fan dafür aus der Unternehmenskasse genommen hat. Auf der Liste fragwürdiger Posten stehen auch Investitionen in Golfplätze und Wälder. Damit nicht genug. Mit dem von Adelphia garantierten Milliardenkredit baute die Familie ein konkurrierendes Kabelnetz auf. Wert: bis zu 1,2 Mrd. $.

Großinvestor Tow will aufräumen

Das bringt besonders einen Mann an der Wall Street in Rage: Großinvestor Leonard Tow. Er stieg 1999 zum zweitgrößten Anteilseigner auf, als er sein Unternehmen Citizens Communications an Adelphia für 3,6 Mrd. $ veräußerte. Bei einer Pleite droht ihm ein weiterer Verlust von 1,5 Mrd. $. Tow versucht gemeinsam mit anderen Anteilseignern und den Gläubigerbanken, den Rigas-Clan aus Amt und Würden zu jagen. Doch bis zu dieser Woche hielten Vater und Söhne an den verbliebenen 5 der insgesamt 9 Aufsichtsratsposten fest. Insgesamt besitzen die Riga´s nur einen 20-prozentigen Anteil am Unternehmen. Durch spezielle Ausgestaltung der Anteilsscheine besitzt die Familie allerdings einen Stimmrechtsanteil von 60 %.

Am Donnerstag errangen Tows Revolutionäre einen Teilsieg. Der Clan gibt vier Posten ab. Er hat aber das Recht, zwei Board-Mitglieder neu zu benennen. Der Schwiegersohn Peter Venetis behält vorerst seinen Sitz. Der Familie könnte es sogar gelingen, sich mit 280 Mio. $ aus der Affäre zu ziehen. Bis alle Verpflichtungen der Familie beglichen sind, sollen die Rigas-Aktien treuhänderisch verwaltet werden. Der 77-jährige Senior kassiert für seinen Rücktritt in den kommenden drei Jahren rund 1,4 Mio. $ jährlich.

Mit der Umbesetzung im Management ist ein zweites Enron in der Kabelsparte jedoch längst nicht abgewendet. Durch Notverkäufe soll der Schuldenberg abgebaut werden. Gesucht werden Interessenten für Los Angeles Cable TV mit 1,2 Mio. Abonnenten, sowie für Netze in Florida, Virginia und dem Südwesten mit insgesamt 1,55 Mio. Kunden. Das könnte rund 9,5 Mrd. $ in die leere Kasse spülen - allerdings zu einem enormen Preis: Die Kundenbasis würde um die Hälfte schrumpfen.

Konkurrenten warten auf Chance

Die Irrungen und Wirrungen bei Adelphia freuen die Konkurrenz. Schon kreisen die Aufkäuferhaie: Als aussichtsreichster, weil finanzstärkster Kandidat gilt Cox Communications. Auch AOL Time Warner könnte ein Mitbieter werden - der Medienkoloss ist schon länger auf der Suche nach Möglichkeiten, das hauseigene Kabelnetz auszubauen. Analysten nennen auch Liberty, das Unternehmen von Medienmogul John Malone, als potentiellen Käufer. "Malone kennt die Branche, er ist berüchtigt dafür, Krisen für Übernahmen zu nutzen", sagt Henry Ellenbogen von der Fondsgesellschaft T. Rowe Price Group Inc.

Am Donnerstag wurde um 12:30 Uhr New Yorker Zeit der Handel mit Adelphia-Anteilen wiederaufgenommen. Der Kurs sackte von 5,70 $ auf 2,41 $. Allzu hohe Erwartungen hat niemand mehr. Die Analysten von Bear Stearns haben in ihrer jüngsten (Verkaufs-)Empfehlung das Kursziel heruntergesetzt: Es lautet jetzt 0 $.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%