Undurchsichtiger Regulierungsrahmen gilt als größtes Problem
Analysten favorisieren kleine China-Werte

Während die meisten Märkte in Fernost in den vergangenen Monaten den Anlegern Gewinne bescherten, verbrannten sich die Investoren an China-Werten die Finger. Analysten sind jedoch davon überzeugt, dass einige chinesische Aktien von der anziehenden Konjunktur überdurchschnittlich profitieren.

HONGKONG. In keiner Region der Welt konnten Anleger in den vergangenen Monaten so viele Gewinne einstreichen wie in Fernost. Nur China-Werte enttäuschten. Dabei wurden die Aktien vor einem Jahr von Analysten noch als "sicherer Hafen" gepriesen. Selbst ein Wirtschaftswachstum von 7,6 % im ersten Quartal half den Börsen nicht auf die Beine. Die für Ausländer offenen B-Werte in Schanghai und Shenzhen stehen seit Januar mit 15 % im Minus. Die in Hongkong notierten "Red-Chips" hangeln sich seitwärts. Nur die in Hongkong gelisteten H-Aktien haben zugelegt.

Zwar erwarten viele Analysten, dass sich der Börsenhorizont im Lauf des Jahres auch in China aufhellt. Doch großen, liquiden China-Aktien fehlt der Treibstoff für die Performance: Gewinnwachstum. Bei den zehn Werten mit der größten Marktkapitalisierung erwartet UBS Warburg-Analyst Vincent Chan für dieses Jahr 7 % mehr Gewinn pro Aktie; 2003 sollen es nur 5,6 % werden. Trotz 7 % Wirtschaftswachstum sank der Durchschnittsgewinn der H-Aktien im Vorjahr um 17 %, der von A-Werten um 22 %. "Die Börse spiegelt nicht die Gesamtwirtschaft wieder", warnt Lawrence Ang, Leiter des China-Researchs der Deutschen Bank in Hongkong. Den Kurszettel dominieren Energie, Rohstoffe, Telekommunikation und Konglomerate.

Viele Analysten ziehen zudem von offiziellen Wachstumszahlen ein oder zwei Prozentpunkte ab, weil sie Chinas Statistiken nicht trauen. Und auf den Kursen lastet viel Unsicherheit: "Der größte Risikofaktor ist und bleibt die Politik", meint Ang. Zum Beispiel der politische Führungswechsel im Herbst, das Haushaltsdefizit, der Überhang unverkaufter Aktien beim Staat und die Gefahr, der überbewertete A-Aktien-Markt könne kollabieren und die Hongkonger China-Titel mitreißen. Als größtes Problem sieht Ang den undurchsichtigen Regulierungsrahmen - besonders in der Telekom - oder Energiebranche.

Willkürliche Entscheidungen

"Anleger macht das Regulierungsrisiko in China völlig konfus", klagt auch der Crédit Agricole-Fondsmanager Ray Jovanovich, "oft versagen die Marktmechanismen." Aus heiterem Himmel verkünden kommunistische Kader Entscheidungen, auf die kein Branchenkenner vorbereitet ist. China-Mobile-Aktionäre wurden mehrfach böse überrascht: Mal wird dem zweitgrößten Mobilfunkanbieter der Welt verkündet, er müsse ins Festnetzgeschäft einsteigen. Dann hebt die Regierung die Frequenzgebühren um das Fünfzehnfache - ohne Erklärung.

Wer klug wählt, kann in China dennoch Aktien mit Kurspotenzial finden. Small Caps zum Beispiel machen Anlegern seit Monaten Freude. UBS Warburgs China-Stratege Joe Zhang glaubt, dass der Trend anhält. Er bevorzugt kleine, privat gemanagte Unternehmen, die Nischen besetzten und in Branchen mit geringem Regulierungsrisiko agieren. Seine Lieblinge sind die Tsingtao-Brauerei, der Fleisch-Fabrikant People's Food, die Lebensmittel-Werte Natural Beauty und Global Biochem, das Werbe-Unternehmen Media Nation und Xinao Gas. Diese Aktien haben in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich zugelegt. Doch vielen mangelt es an Liquidität, und manche Analysten zweifeln bei einigen an der Verlässlichkeit des Geschäftsmodells.

"Mit Konsumwerten beteiligen sich Anleger am besten an Chinas Wirtschaftswachstum", meint Ang. Diese Meinung teilen immer mehr Analysten. Der Regierung geht langsam das Geld aus für ihre milliardenschweren Konjunkturprogramme. Um das Wachstum anzukurbeln, versucht Peking mit Lohnerhöhungen, Gebührensenkungen, Sonderurlaub und mehr Konsumentenkrediten die private Nachfrage zu stärken. Ang empfiehlt Medianation (Werbung), TCL (Haushalts-Elektronik), Travelsky (Touristik), die Tsingtao-Brauerei, Yue Yuen (Schuhe) und Tingyi (Lebensmittel).

China-Bullen sind zwar seltener geworden, doch ausgestorben sind sie nicht. Charles Cheung, Leiter des China-Researchs Salomon Smith Barney, glaubt, dass der Markt Aufholpotenzial hat. Springt die US-Konjunktur an, sei China einer der größten Nutznießer, sagt er, "und das ist in den Kursen nicht drin." Er mag die Reederei Cosco und den Logistik-Wert China Merchants. TCL und dem Autobauer Denway sollte die steigende Inlandsnachfrage helfen. Sorgen vor Regulierungsrisiken hält Cheung für übertrieben.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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