Uneinsichtig bis zum Schluss - DDR-Kommentator attackierte im "Schwarzen Kanal" den Westen
Karl-Eduard von Schnitzler ist tot

Karl-Eduard von Schnitzler blieb bis zuletzt uneinsichtig: Den überzeugten Kommunisten und ehemaligen DDR-Chefkommentator plagte weder ein schlechtes Gewissen wegen der Verbreitung von Unwahrheiten noch erschütterte das Ende der DDR sein Weltbild. Am Donnerstag starb Schnitzler, der fast 30 Jahre lang im DDR-Fersehen die Sendung "Der schwarze Kanal" moderiert hatte und zuletzt in Eichwalde bei Berlin lebte, im Alter von 83 Jahren.

afp BERLIN. Die Sendung, in der Schnitzler aggressiv gegen das bundesdeutsche System polemisierte, brachte ihm den Beinamen "Sudel-Ede" ein.

Am 21. März 1960 trat Schnitzler erstmals als Autor und Moderator des "Schwarzen Kanals" vor die Kamera. Die 20-minütige Sendung, die fortan jeden Montagabend über die Mattscheibe flimmerte, verlief stets nach demselben Muster: Schnitzler schnitt willkürlich Passagen aus westdeutschen Nachrichten, Reportagen und Polit-Magazinen heraus, um diese Bruchstücke anschließend höhnisch, mit aggressiver Polemik und rücksichtsloser Argumentation zu kommentieren - unter dem Motto "gute DDR - schlechter Westen". So verkündete er nach dem Mauerbau am 13. August 1961: "Die Falltür West-Berlin ist dicht gemacht worden. Die auf das Herz der DDR gerichtete Lanzenspitze ist umgebogen." Die Sendung war zugleich politisches und ideologisches Instrument der DDR-Führung.

Ideologie und Herkunft standen in krassem Gegensatz

Schnitzlers Herkunft stand in krassem Gegensatz zu seiner späteren ideologischen Auffassung. Er wurde am 28. April 1918 in Berlin als jüngster Sohn des königlich-preußischen Legationsrates Julius Eduard von Schnitzler in eine gutsituierte Familie hineingeboren und wuchs in Köln auf. Mit 14 Jahren befasste er sich als Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend erstmals mit dem Kommunismus. Nach dem Abitur studierte er kurzeitig Medizin und absolvierte später eine kaufmännische Lehre. 1939 wurde Schnitzler zum Kriegsdienst eingezogen und geriet 1944 in britische Gefangenschaft.

Noch im selben Jahr wurde er Mitarbeiter der Deutschlandabteilung des BBC und beteiligte sich nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft am Aufbau des Nordwestdeutschen Rundfunks, bevor es aufgrund seiner politischen Einstellung zu Querelen kam. Nach der Kündigung siedelte er in die sowjetische Besatzungszone über, wo er beim Berliner Rundfunk arbeitete. Es folgte auch der Eintritt in die SED.

Sein Aufstieg begann erst mit dem "Schwarzen Kanal"

Jahrelang agierte Schnitzler als Chefkommentator des DDR-Fernsehens. Unter dem Titel "Treffpunkt Berlin" leitete er bis 1967 zehn Jahre lang eine politische Fernsehdiskussion. Doch sein eigentlicher Aufstieg begann erst mit dem "Schwarzen Kanal", dessen Aus erst mit dem Ende der DDR kam. Von der friedlichen Revolution 1989 zeigte sich "Der schwarze Kanal" unbeeindruckt. Während Schnitzler tönte, die Bürgerbewegung sei vom Westfernsehen organisiert, um die Struktur der DDR auszuhöhlen, wurden auf der Straße die Rufe der Montagsdemonstranten lauter, die forderten: "Schnitzler in den Tagebau".

Am 30. Oktober 1989 - nach 1519 Sendungen - lief "Der schwarze Kanal" schließlich zum letzten Mal. Trotz scharfer Kritik sah Schnitzler jedoch kein Fehlverhalten, sondern bezeichnete die Sendung vielmehr als "Hygiene im Äther". In seinen Abschiedsworten an die "lieben Genossinnen und Genossen" erklärte er: "Einige mögen jubeln, wenn ich diese Fernseharbeit nun auf andere Weise fortsetze. Nicht dass ich etwas zu bereuen hätte; der Umgang mit der oft unbequemen Wahrheit ist schwer, aber er befriedigt."

Zuletzt war es ruhig geworden um von Schnitzler

In den vergangen Jahren war es um den einst bissigen Kommentator eher ruhig beworden: Er arbeitete zeitweilig als Kolumnist für das Satiremagazin "Titanic", legte seine Erinnerungen "Meine Schlösser oder Wie ich mein Vaterland fand" vor und trat auf Veranstaltungen der Kommunistischen Partei auf, deren Mitglied er war.

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