Ungewisse Konjunkturlage erschwert die Entscheidung
Neue Runde im Kampf Aktien gegen Anleihen

"Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe", sagte einst der britische Kriegspremier Winston Churchill. Nicht nur in der hohen Politik, auch an den Finanzmärkten gilt dieses Motto - zum Beispiel bei der Frage, ob Aktien oder Anleihen die besseren Investments sind.

FRANKFURT/M. In der Regel raten Bankexperten zu Dividendenpapieren. Meist brachten sie in der Vergangenheit höhere Erträge als die sicheren, aber auch als langweilig geltenden Staatsanleihen. Den scheinbar schlagenden Beweis dafür liefert die Grafik rechts oben: Sie zeigt, dass der europäische Aktienindex DJ Stoxx 50 seit Monatsbeginn den Festverzinslichen weit davon geeilt ist. In der Zeit von Januar bis Ende Juli schnitten Aktien allerdings sehr viel schlechter ab als der Index für europäische Staatsanleihen von Merrill Lynch (linke Grafik). Auch in den vergangenen zwei Jahren hinkten Aktien den Anleihen hinterher. Experten raten ohnehin dazu, bei der Anlageentscheidung beide Wertpapierarten zu berücksichtigen und nicht alles auf eine Karte zu setzen. "Die Aufteilung des Vermögens auf Anleihen und Aktien ist für den Anlageerfolg viel wichtiger als die Auswahl einzelner Wertpapiere", sagt Peter Knacke, Wertpapierstratege für Privatkunden bei der Commerzbank. Das ergaben auch wissenschaftliche Studien.

Doch wie sollten Investoren ihr Kapital auf die Anlageformen verteilen? In den derzeit unsicheren Konjunktur- und Börsenzeiten ist das besonders schwer. "Viele Anleger haben mit Aktien viel Geld verloren und sind deshalb generell sehr vorsichtig", sagt Claus Huber, Anlagestratege für private Investoren bei der Deutschen Bank. Dass jedes Portfolio sowohl Anleihen als auch Aktien enthalten sollte, ist für die Experten keine Frage. "Anleihen dienen dazu, regelmäßiges Einkommen zu erzielen, während Aktien auf Wachstum abzielen. Diese Ziele sind komplementär, und deshalb sind Anleihen keine Konkurrenz zu Aktien", erklärt Huber.

Die optimale Aufteilung hängt von der persönlichen Risikoneigung ab. Für konservative Anleger empfiehlt die Deutsche Bank in ihrem Musterportfolio derzeit einen Rentenanteil von 75 %, für auf Wachstum setzende Investoren eine Bondgewichtung von nur 23 %. Die Commerzbank rät konservativen Anlegern zu einem Rentenanteil von 60 % und chancenorientierten Investoren zu einem Bondanteil von 15 % im Depot. Neben der langfristigen Risikoeinstellung bestimmen auch kurzfristige Faktoren die optimale Mischung. Je nach Börsenlage sollten aktive Investoren ihre Aktien- oder Anleihequote erhöhen. Abhijit Chakrabortti, Chefstratege des US-Finanzhauses JP Morgan, setzt momentan auf Aktien: "Wir erwarten Kursgewinne für Aktien, während Anleihen schon recht teuer sind", sagt er. Tatsächlich haben die Bond-Kurse luftige Höhen erreicht. So fiel bei zehnjährigen US-Staatsanleihen die Rendite, die sich gegenläufig zum Kurs bewegt, Mitte des Monats auf den tiefsten Stand seit vier Jahrzehnten.

Auch die Commerzbank sieht für den Rentenmarkt kein großes Potenzial mehr. Bei Aktien könne dagegen der Boden endlich gefunden sein, meint Stratege Knacke. Deshalb sei es jetzt Zeit, wieder verstärkt in Aktien zu investieren. Auch wenn sich Rückschläge nie ausschließen lassen, sollten mittel- bis langfristig orientierte Privatanleger jetzt schrittweise umschichten. Doch einige Experten stellen sich gegen die Mehrheitsmeinung, allen voran Albert Edwards, Chefstratege von Dresdner Kleinwort Wasserstein. "Mag ja sein, dass Aktien billig aussehen. Aber was billig ist, kann noch viel, viel billiger werden", sagt er und verweist auf die Lage in Japan. Dort fallen die Aktienkurse seit über zehn Jahren, während die sicheren Staatsanleihen immer neue Rekordstände erreichen. Dabei ist der Dresdner-Mann durchaus kein Aktienfeind. "Wenn die Märkte sich an die düsteren Konjunkturaussichten angepasst haben, kehrt die Zeit für Aktien zurück", sagt er, "aber noch ist es nicht so weit".

Quelle: Handelsblatt

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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