Ungewissheit lässt die Börse ins Bodenlose fallen
Ganz Abgebrühte setzen jetzt auf einen Militärschlag der USA

Wie sich die Aussagen ähneln: Schon vor zwei Wochen meinten viele Börsenexperten, nun könnten die Aktienkurse aber wirklich nicht weiter nach unten gehen. Dann kamen die Anschläge in New York und Washington.

afp BERLIN. Und an den Börsen bewahrheitet sich eine alte Volksweisheit: Es kann immer noch schlimmer kommen. Nach den Kursabstürzen unmittelbar am und nach dem 11. September ging es am Freitag nochmals drastisch bergab. Der DAX fiel zeitweise unter 3600 Punkte. Von einem ruhigen Wochenende also keine Spur. Viele Anleger werden vielmehr grübeln, was sie mit ihrem ohnehin schon dezimierten Aktienvermögen machen sollen. Der Rat der Experten ist der gleiche wie vor zwei Wochen: Durchhalten und auf bessere Zeiten hoffen. "Das Schlimmste haben wir eigentlich hinter uns", sagt Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre.

Zur Begründung zieht Schneider einfach die Mathematik heran: Der Deutsche Aktienindex habe in diesem Jahr schon mehr als 3000 Punkte verloren. "Nochmal so viel geht nicht, dann ständen wir bei Null." Und das sei nun wirklich ausgeschlossen. Deshalb gelte der Grundsatz: "Wer nicht dringend auf Geld angewiesen ist, sollte jetzt nicht verkaufen." Und wer jetzt Geld frei habe, sollte zumindest für einen Teil auch Aktien als Anlageform ins Visier nehmen, empfiehlt Schneider.

Zwar rechnet auch der Aktionärsschützer bis Ende des Jahres nicht mit einer Marktberuhigung. Aber Investitionen an der Börse sollten grundsätzlich längerfristig gedacht sein. Und da gebe es inzwischen durchaus einige "interessante" Unternehmen, wie die Münchener Rück und die Lufthansa. Sie würden nun zwar ersteinmal durch turbulente Zeiten gehen, weiß auch Schneider. "Aber das haut beide auf Dauer nicht um."

In so einer Situation zu verkaufen, wäre die falsche Entscheidung

Ähnlich sehen die Experten von der Commerzbank die Lage. Auch sie raten Aktienbesitzern zum Halten. "In so einer Situation zu verkaufen, wäre nicht die richtige Entscheidung", sagt Börsenexperte Peter Knacke. Denn wer jetzt noch Aktien halte, habe sowieso den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg verpasst. Schließlich seien die Kurse seit 18 Monaten auf Talfahrt.

Dieser Börsencrash auf Raten hat nach Berechnungen der Commerzbank inzwischen sogar dazu geführt, dass einige Unternehmen nun schon unter ihrem Buchwert notieren. Alle Aktien zu ihrem aktuellen Kurs zusammengerechnet ergeben also weniger als an realem Unternehmensvermögen da ist - also unter anderem der Wert von Fabrikgelände und Produktionsanlagen. "Wenn die Unternehmen also jetzt liqidiert würden, stünde den Anlegern mehr Geld zu als ihre Aktien wert sind", entwirft Knacke ein theoretisches Szenario. Beispiele dafür seien selbst so gestandene Unternehmen wie Thyssen-Krupp, Daimler-Chrysler oder Deutsche Bank.

Aber auch wenn einige deutsche Aktien jetzt "preiswert" sind, rät die Commerzbank zur Vorsicht. Insgesamt sei "eine Bodenbildung bei den Kursen noch nicht auszumachen". Als Gründe nennt Knacke die Unsicherheit über die künftige Entwicklung. Es gebe die Gefahr von Militärschlägen der USA, eines weiteren Nachlassens der Konjunktur und letztlich schlechterer Geschäfte für die Unternehmen. "Dieses Risiko wird jetzt eingepreist, die Kurse gehen nach unten", analysiert Knacke. Das Problem sei, dass niemand genau wisse, wie hoch die Risiken seien. "Aber alle sagen sich: Lieber zu hoch einpreisen, als zu niedrig."

So lange die Unsicherheit anhält, so lange werden nach Überzeugung Knackes auch die Kurse nicht steigen. Dies zeige die Geschichte. Im Vorfeld kriegerischer Auseinandersetzungen seien die Börsen immer nach unten gekracht. "Wenn dann der erste Schlag kam, gingen die Aktien eher nach oben." Dies sei beispielsweise beim Golfkrieg 1991 so gewesen, erinnert Knacke. "Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das jetzt wieder passiert." Ob der Privatanleger darauf spekulieren soll, ließ der Börsenexperte bewusst offen. Er weiß, dass viele Probleme damit haben, "Kriegsgewinnler" zu werden. Die großen Fondsgesellschaften dagegen könnten sich solche Skrupel nicht leisten: "Das Kapital kennt keine Moral.

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