Ungewöhnliche Lernmethoden in englischen Sprachschulen
Meeting God in Shrewsbury

Wer eine Sprachschule in England sucht, wird angesichts der enormen Auswahl schier verzweifeln. Noch schwieriger ist es, wenn Finanz- oder Wirtschaftsexperten, Anwälte oder Journalisten Spezialkurse suchen.

HB DÜSSELDORF. Journalistin Carola raucht der Kopf nach dieser Englischstunde. Das Alltagsgespräch zwischen drei Engländern, das aus dem Kassettenrekorder tönte, war schwer zu verstehen. Und dann noch die komplizierten Fragen von Lehrerin Jane zu den Standpunkten der Personen.

Geschickt hat Jane die Grenzen von Carolas sprachlichen Fähigkeiten ausgelotet, um den Unterricht möglichst intensiv zu gestalten. Für die deutsche Journalistin bedeutet dies, dass sie bis an den äußeren Rand ihrer Konzentrationsfähigkeit geführt wird.

Intensive Betreuung


Daniel Baruch, gebürtiger Brite und Wahl-Frankfurter, hat Carola an die Sprachenschule "Severnvale Academy" in der kleinen, mittelenglischen Stadt Shrewsbury vermittelt. "Hier kümmert man sich so intensiv um die Gäste, dass auch ein Aufenthalt von vierzehn Tagen das Englisch spürbar verbessert", hatte er versprochen.

"Den Schulleiter John Rogers habe ich am ersten Tag überhaupt nicht verstanden. Am letzten Tag konnte ich sogar mit ihm über Wortspiele lachen", bestätigt Carola, für die sich die Anstrengung gelohnt hat.

Frustrierender Telefon-Marathon


Dem Sprachtraining vorausgegangen war ein frustrierender Telefon-Marathon. Wo hatte Carola nicht überall angerufen, um eine Empfehlung für eine Sprachenschule in England zu bekommen: In der deutschen Botschaft in London, in der britischen Botschaft in Berlin, im Auswärtigen Amt, bei Journalistenorganisationen. Niemand konnte einen handfesten Tipp geben.

Das British Council unterhält zwar eine Internetseite mit einer Suchmaschine, in die sich Kriterien wie Alter, Zeitraum oder spezielle Bedürfnisse eingeben lassen. Enttäuscht musste Carola jedoch feststellen, dass dieser Service für ihre Zwecke nicht brauchbar war, weil ihr auch hier nicht mit konkreten Angaben weitergeholfen werden konnte.

Vermittlung von Sprachschulen


Als sie ihr Vorhaben schon fast aufgegeben hatte, stieß sie in einem Zeitungsartikel über das Problem, eine gute Sprachenschule zu finden, auf Daniel Baruch. Er vermittelt professionell Sprachschulen in England, vor allem an Erwachsene, und besucht die Sprachschulen selbst, die er beurteilen möchte.

"110 Schulen in Großbritannien und Irland habe ich gesehen und bis zu acht Mal besucht. Und nur bei einer Minderheit habe ich ein wirklich gutes Gefühl", schmunzelt der Experte. "An rund 20 Schulen vermittle ich 90 Prozent meiner Kunden."

Aufwändige Suche nach geeigneter Schule


Anfang der 90er-Jahre stieß der studierte Friedensforscher, der damals nach einer Zeit als Lektor an der Universität Rostock Sprachunterricht für Mitarbeiter deutscher Firmen im Rhein-Main-Gebiet gab, auf eine Marktlücke: Wer eine Sprachenschule sucht, ist einfach überfordert. Schon schlichte Fakten wie Klassengröße, Unterrichtsstruktur und Preise herauszufinden, ist bei der Vielzahl der Angebote extrem aufwändig.

"Das, was wirklich einen guten Unterricht ausmacht, lässt sich aber vor dem Besuch der Schule überhaupt nicht erkunden", ist Baruch überzeugt. Da wollte er Abhilfe schaffen. "Anregende, aktive Lehrer und eine gute, lebendige Atmosphäre, in der Lernen gefördert wird und Spaß macht, finde ich wichtig", betont der Experte.

Unkonventionelle Maßstäbe


Bei seiner Bewertung nimmt Baruch auch unkonventionelle Maßstäbe zur Hilfe: "Unordentliche Schulcafés schätze ich. Ich muss erkennen, dass Schüler und Lehrer wirklich zusammengesessen und miteinander gesprochen haben." Auch die Anwesenheit des Schulleiters, der sich kümmert und die Schule prägt, sei ein gutes Zeichen. Und die tatsächliche Größe der Klassen - nicht die in den Prospekten garantierte Maximalgröße - sei entscheidend. "Kenne ich eine Schule gut, dann kann ich auch anrufen und nach den Nationalitäten der Schüler in einer Klasse fragen." Denn zu viele Deutschsprachige gemeinsam in einem Kurs befreit die Schüler oft vom Zwang, sich in Englisch auszudrücken.

So legt Baruch auch großen Wert auf geeignete Gastfamilien. "Sie müssen zu ihren Gästen passen, wirklich Interesse an ihnen haben und mit ihnen diskutieren wollen." Vor allem in den kleineren Städten, so hat er erfahren, finden sich solche Familien.

"Gesprächsstoff gab es immer"


Carola reichte eine lange Liste mit Interessen ein, um eine passende Bleibe zu finden. Und sie hatte Glück. Sie besuchte mit ihren Gasteltern am Wochenende einen Park des National Trust in Wales und einen kleinen Flugplatz für Sportflugzeuge nicht weit von Shrewsbury. "Gesprächsstoff gab es immer", erzählt sie begeistert. "Auch die Abende beim Essen wurden nicht lang."

Selbst wenn ein Sprachschüler ganz spezielle Interessen hat, kann Baruch helfen. Einen Bankfachmann vermittelte er etwa an ein pensioniertes Banker-Ehepaar, das zudem als Sprachlehrer ausgebildet war. Abends nach dem intensiven Einzelunterricht lud das Paar Freunde und Bekannte ein, mit denen über aktuelle Bank-Themen diskutiert wurde.

Intensivkurse für Finanzexperten


"Für Finanzexperten lohnt sich auch ein Aufenthalt an der Schule Language Specialists International in Portsmouth an der Südküste", empfiehlt er. Dort gibt es kurze Intensivkurse, die auf ein besonderes Gebiet professioneller Kommunikation vorbereiten. Englisch für Führungskräfte im Bankwesen etwa, Englisch für Psychologen in der Industrie oder für Sekretärinnen.

Auch das Lydbury English Centre in Shropshire ist bei den Mitarbeitern von Banken beliebt. Hier lernt man in einer ganz besonders familiären Atmosphäre. Höchstens zehn Schüler gleichzeitig nimmt die Schule, in einem Kurs sitzen bis zu vier. "Unsere Gäste sind täglich fast zwölf Stunden hier, Mittag- und Abendessen gibt es in der Schule, zum Wohnen gibt es vier Zimmer in der Schule, zwei Landhäuser außerhalb und einige Gastfamilien", erklärt der Schulleiter Duncan Baker.

Extrem intensives Training


Solch ein Training ist extrem intensiv, genau das Richtige für Manager, die nur eine oder zwei Wochen bleiben können. "Empfehlenswert sind die Kurse auch für Computerspezialisten", betont Daniel Baruch. In diesem Sprachbereich habe die Schule große Erfahrung.

Wenn Juristen ihr Englisch verbessern wollen, gehen sie am besten nach London. "Juristen sollten einen Kurs in der London School of English belegen", empfiehlt Baruch. Hier werden sogar Kurse speziell für Anwälte im öffentlichen Recht und im Handelsrecht angeboten oder auch für Vertragsentwürfe. Bei diesen Kursen referieren auch englische Juristen.

Lehrer mit unterschiedlichem Werdegang


Die Severnvale Academy in Shrewsbury lebt vor allem vom unterschiedlichen Werdegang ihrer Lehrer. Jane etwa hat Kommunikationswissenschaft studiert, bei Medien gearbeitet und kann der Journalistin Carola eingängige Tipps bei immer wiederkehrenden Fehlern geben.

Janes Kollege John Rogers lebte in Spanien und unterrichtete dort Englisch in Unternehmen. Er bereichert die Unterrichtsstunden mit seinen Geschichts- und Literaturkenntnissen sowie seiner Leidenschaft für Wort-Quizze. Mark unterrichtete zwölf Jahre Geschäftsenglisch in der Schweiz. Alle zwei Schulstunden - im Gruppen- wie im Einzelunterricht - gibt es einen neuen Lehrer. So kommt nie Langeweile auf.

Lernmethoden gewöhnungsbedürftig


Markus Steinmann, Leiter der Schweizer Tochtergesellschaft des Unternehmens Dätwyler in Altdorf, das Glasfaser und Hochgeschwindigkeitskabel in Kupfer und Glasfaser produziert, fand sich in seinen ersten Tagen als Schüler der Severnvale Academy mit diesem Konzept gar nicht zurecht: "Ich hatte ein Buch erwartet, das wir Kapitel für Kapitel durcharbeiten", lacht er beim Rückblick.

Der Geschäftsmann konnte kaum Englisch, als er in Shrewsbury ankam. Er ließ sich begeistern von der ungewöhnlichen Lehrmethode, bemühte sich, den unterschiedlichen Lehrern, ihren Eigenheiten und Ansprüchen zu folgen und konnte sich nach vier Wochen ganz gut unterhalten.

Den Tipp für die eher unbekannte Schule in der Provinz hatte Markus Steinmann aus dem Reisebüro "Idea Reisen und Schulen", das sein Unternehmen betreut. "Wir wissen", ist aus dessen Abteilung für Sprachreisen zu hören, "dass man in Severnvale Academy in kürzester Zeit sehr viel lernen kann. Hier wird genau das geboten, was Geschäftsleute suchen."

Angebot wird erweitert


Anfang nächsten Jahres wird die Schule ihr Angebot für diese Kunden erheblich ausbauen. Ein neues Gebäude ist bereits erworben. "Dort werden wir zusätzlich zu weiteren Kursen in Business-Englisch auch Computerräume einrichten", plant John Rogers, Hier können die Manager arbeiten und über das Internet Kontakt zu ihrem Unternehmen halten." Das werde er intensiv nutzen, urteilt Markus Steinmann, wenn er wiederkomme.

Auch Carola, die für den Unterricht 1 000 und für die Unterkunft 500 Euro investiert hat, würde gern ein zweites Mal an Severnvale Academy lernen. Ihre letzte Schulstunde lässt den Unterricht in besonderem Glanz erscheinen: Der Lichtschalter im Klassenraum Nummer fünf ist dummerweise im Nebenraum. "Light", ruft Lehrer John nach nebenan. Und es wird Licht, ganz wie in der Bibel. Meeting God in Shrewsbury? Lichter jedenfalls sind Carola in den letzten zwei Wochen genügend aufgegangen.

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