Ungewöhnliche Reiseaktivitäten der obersten Staatsführung
Chinas alte Garde bereitet den Machtwechsel vor

In fünf Monaten steht in China der Machtwechsel an: Die jetzigen und die künftigen Führer bereiten Partei und Öffentlichkeit darauf vor. Auslandsreisen sind Teil der Vorbereitungen.

mg PEKING. Selbst erfahrene Diplomaten in Peking können sich kaum daran erinnern, wann der Staatspräsident und der Ministerpräsident des Landes - abgesehen von ihren aktuellen Reisen - gleichzeitig im Ausland waren. Mitte April besuchte Präsident Jiang Zemin zwei Wochen lang Deutschland, Libyen, Nigeria, Tunesien und den Iran, am Montag kehrte er nach Peking zurück. Seine Reise überschnitt sich eine Woche lang mit dem Besuch von Premier Zhu Rongji in der Türkei, Ägypten und Kenia. China-Beobachter bewerteten dies als höchst ungewöhnliches Ereignis.

Der Grund: Normalerweise meiden Chinas sicherheitsbesessene Führer jedes Vakuum an der Machtspitze. Erst recht in schwierigen Zeiten wie diesen. Doch jetzt waren sogar die Nummern eins bis drei der staatlichen Hierarchie nicht in Peking - auch Parlamentspräsident Li Peng war für einige Tage aus Peking in die Provinz zum Treffen asiatischer Parlamente gereist.

Nun rätseln politische Beobachter, warum die Pekinger Führung mit einer eisernen Tradition gebrochen hat - und das fünf Monate, bevor der 16. Parteikongress der chinesischen Kommunisten den umfangreichsten Führungswechsel seit Bestehen der Volksrepublik einleiten wird. Doch gerade das dürfte der Grund für die Reisen sein. Jiangs und Zhus Abwesenheit von Peking war eine Art Generalprobe für Jiang Zemins offenbar fest stehenden Nachfolger, den jetzigen Vizepräsidenten Hu Jintao. Erstmals durfte er alleine in Peking die Stellung halten, obwohl derzeit im Nordosten Chinas große Demonstrationen aufgebrachter Arbeiter die Führung in Atem halten.

Im vergangenen November hatte Hu Jintao erstmals Europa besucht und auch in Deutschland Station gemacht. Am vergangenen Wochenende reist er nach kurzen Aufenthalten in Malaysia und Singapur Richtung Washington. Mit dem Abstecher nach Südostasien verdeutlichte der Vizepräsident nicht nur Pekings wachsendes Interesse an einer wirtschaftlichen Verzahnung mit den Asean-Staaten. Hu besuchte die Region auch in einer Zeit, in der Chinas Nachbarn mit Sorge den rasanten Aufstieg Pekings zur regionalen Führungsmacht beobachten und Marktanteile sowie Direktinvestitionen an China verlieren. Offenbar sollte Hu die Ängste zerstreuen. Schon im vergangenen Herbst hatte China vorgeschlagen, in den nächsten zehn Jahren mit den Asean-Staaten eine Freihandelszone aufzubauen.

Ganz oben auf Hus Tagesordnung in den USA stehen nicht nur Treffen mit Präsident George W. Bush und dessen Vize Dick Cheney, sondern auch Begegnungen mit der wirtschaftlichen und politischen Elite der USA. "Die Reise ist eine wichtige Gelegenheit für Hu, sein internationales Profil, aber auch seine Position in China vor dem Machtwechsel zu stärken", sagt ein westlicher Diplomat in Peking.

Doch nicht nur für Hu, sondern auch für weitere Aufsteiger wie den Zhu Rongji-Nachfolger Wen Jiabao dürften die höheren Weihen bereits beschlossene Sache sein. "Ich denke, der Machtwechsel ist eingetütet, die wichtigsten Posten sind vergeben", sagt ein gut informierter deutscher Manager in Peking. Ministerpräsident Zhu hatte in einem Gespräch mit dem Handelsblatt im vergangenen Oktober versichert, "der Wechsel wird reibungslos und zügig sein." Und: "Die wirtschaftlichen und politischen Reformen werden fortgesetzt."

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