Ungewohntes Terrain gut gemeistert
Struck nähert sich Truppe mit Zivilisten-Neugier

Der neue Verteidigungsminister beherrscht bei seinem Truppenbesuch zwar noch nicht die Fachsprache, punktet bei den Soldaten aber durch wohlwollende Offenheit.

rtr KABUL. Den Militärjargon beherrscht der neue Verteidigungsminister nicht, zumindest noch nicht: "Wie lange müssen Sie noch bleiben?", fragte Peter Struck bei seinem Truppenbesuch in Afghanistan am Freitag mehrere Soldaten. In der Fachsprache hätte er nach der "Stehzeit" der Soldaten gefragt. "Wie lange dauert so eine Patrouille?", fragte er an anderer Stelle, nicht nach der "Einsatzdauer", wollte wissen: "Ist das nachts gefährlicher als tagsüber?" Beim ersten Truppenbesuch als Minister bewegte sich Struck erkennbar auf ungewohntem Terrain, näherte sich den Soldaten aber mit wohlwollender Offenheit und der Neugierde eines Zivilisten.

Die militärischen Rituale sind Struck noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen: Sein Gang beim Abschreiten der afghanischen Ehrenformation, die ihn um 11.15 Uhr am Flughafen Kabul begrüßte, war noch sehr zivil, und auch die Begrüßung der Truppe im deutschen Camp: "Guten Tag, Soldaten!", klang noch ungewohnt. Doch Struck versteckte sein Fremdeln nicht, sondern wirkte bei seiner Annäherung an die Truppe entspannt: Im offenen Hemd ließ er sich vom deutschen Kommandeur General Manfred Schlenker durch das Lager führen. Bei 40 Grad blickte der kahlköpfige Minister zur brennenden Sonne, flachste: "Mit Glatze ist das natürlich gefährlich" und ließ sich später eine Kappe geben. Als er ein menschliches Bedürfnis hatte, verschwand er schnell in einem Toilettencontainer des Camps und gesellte sich mit den Worten "Melde mich zurück" wieder zu den wartenden Soldaten.

Struck sah Soldaten beim Waffenreinigen zu, den Hundeführern bei einer Demonstration der Sprengstoffsuche, sprach mit einer Patrouille, die sich auf den Weg machte, gab jedem Gesprächspartner die Hand, fragte nach Sorgen und Belastungen, nahm einen sechsjährigen afghanischen Jungen auf den Arm - und wirkte mit seinem entspannten Auftreten wie ein wandelndes Kontrastprogramm zu seinem steifen und distanzierten Amtsvorgänger Rudolf Scharping (SPD), den er erst vor einer Woche abgelöst hatte. Und bei allem hatte er natürlich die Blicke der Fernsehkameras und der Journalisten, sein Bild und das der Bundesregierung in der Heimat stets im Hinterkopf.

Seit Struck vor einer Woche Scharping nachfolgte, hat er sich in die ihm unbekannte Materie eingearbeiten müssen - von den schwer finanzierbaren Milliarden-Rüstungsprojekten, die noch vor der Bundestagswahl im September entschieden werden sollen, bis zu den Fragen des Afghanistan-Einsatzes. Die nächsten Truppenbesuche sind schon geplant. In den rund zwölf Stunden seines ersten Truppenbesuchs in Afghanistan und beim Lufttransport-Stützpunkt im Nachbarland Usbekistan hat Struck vielleicht einige hundert der knapp 10.000 im Ausland eingesetzten Soldaten getroffen, einen Bruchteil also der etwa 300.000 Soldaten, für die er seit seiner Ernennung vor einer Woche und seiner Vereidigung am Donnerstag zuständig und verantwortlich ist.

Dennoch spricht er immer wieder von "meinen Soldaten", zum ersten Mal beim feierlichen Gelöbnis vor einer Woche in Berlin, wie er grinsend berichtete: "Guck mal, das sind meine Soldaten", habe er bei der Feier zu Bundeskanzler Gerhard Schröder gesagt. Dieser habe zurück gescherzt: "Aber nur in Friedenszeiten!" Denn im Verteidigungsfall geht die Kommandogewalt über die Streitkräfte auf den Bundeskanzler über. Aber Struck war auch in Kabul deutlich bemüht, den Soldaten das Gefühl zu geben dass er ihr Ansprechpartner und ihr Chef ist - "auch nach der Wahl", wie er zu sagen nicht müde wurde.

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