Ungünstiger Zeitpunkt
Kommentar: Argentinien gibt den Peso frei

Argentinien hat den Peso von der zehn Jahre lang bestehenden Bindung an den Dollar befreit. Dieser Schritt wurde seit Jahren von Wirtschaftswissenschaftlern als Lösung für die Dauerkrise gefordert. Doch der Zeitpunkt für die Abwertung ist denkbar ungünstig.

Nur mit kräftiger finanzieller Unterstützung vom Internationalen Währungsfonds und den G7-Ländern kann eine erneute Hyperinflation und eine soziale Katastrophe in dem rezessionsgeplagten Tango-Land verhindert werden. Die internationalen Partner Argentiniens müssen jetzt darauf pochen, dass die neue peronistische Regierung sich zur strikten Haushaltsdisziplin verpflichtet. Angesichts des geschwächten und devisenarmen Finanzsystems droht dem Peso nun eine starke Abwertung - und eine willkürliche Wechselkurspolitik. Der Regierung fehlte der Mut, den Peso völlig freizugeben.

Mit einem gespaltenen Kurs, einem festen Wert für Außenhandel und Finanztransaktionen und einem frei floatenden Peso an den Wechselstuben will Buenos Aires zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: ein Überschießen des Kurses verhindern, zugleich aber Importpreise und Schuldendienst im Zaum halten. Das öffnet jedoch nicht nur Manipulationsmöglichkeiten Tür und Tor, sondern beinhaltet auch handfeste Risiken. Ein fester Wechselkurs funktioniert nur mit ausreichenden Devisenreserven, sonst ist er ein Nährboden für Schwarzmärkte und Spekulanten. Alle bisherigen Experimente mit gespaltenen Wechselkursen in anderen Ländern sind gescheitert.

Der schlechten Nachrichten nicht genug: Um die Kosten der Abwertung für den geschwächten Mittelstand zu mildern, sieht sich die Regierung gezwungen, die privaten Dollar-Schulden in Peso umzuwandeln. Als Zugeständnis an die Sparer sollen jedoch die Dollar-Einlagen nicht in Peso umgewandelt werden. Diese Maßnahme schwächt das Bankensystem und kostet den Staat Milliarden an Entschädigungen. Außerdem zementiert Buenos Aires die vor einigen Wochen eingeführten Restriktionen für die Sparguthaben. Unlimitierte Abhebungen werden erst dann wieder möglich, wenn ausreichend Devisen zur Verfügung stehen. Doch dieser Zeitpunkt ist derzeit nicht abzusehen. Bis dahin kann die Privatwirtschaft über die wahren Verluste der Abwertung nur spekulieren, die Wirtschaftstätigkeit bleibt gelähmt.

Der Internationale Währungsfonds kann erst dann mit neuen Hilfen einspringen, wenn die neue argentinische Regierung mit dem wiedergewonnenen Instrument der Geldschöpfung trotz des enormem Drucks von allen Sektoren der rezessionsgeplagten Wirtschaft verantwortungsvoll umgeht und eine strikte Haushaltsdisziplin an den Tag legt. Im Gegensatz zum Verbraucher bringt die Abwertung dem Finanzminister Vorteile, da die Peso-Einnahmen auf Grund inflationsbedingt höherer Gewinne und Preise steigen, die Ausgaben aber gleich bleiben. Dennoch wird Argentinien in diesem Jahr mehrere Milliarden Dollar Defizit finanzieren müssen. Da es nach dem Schuldenmoratorium keine privaten Kredite mehr gibt, muss Präsident Eduardo Duhalde den Rotstift kräftig ansetzen. Eine schwierige Aufgabe inmitten einer brachliegenden Wirtschaft.

Aber wenn im Februar neue Verhandlungen mit dem IWF beginnen, stehen die Chancen für erneute Finanzspritzen nicht mal so schlecht. Denn es ist kein Geheimnis, dass IWF und private Gläubiger durch die sorglose und schier grenzenlose Kreditgewährung in den 90er-Jahren eine gewisse Mitschuld an dem derzeitigen Desaster in Argentinien tragen. Das verpflichtet. Und in den USA könnte die Sorge vor einem Rückfall in den Staatsinterventionismus der 70er-Jahre Anreiz genug sein, um Argentinien erneut beizustehen.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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