Uni-Abschluss ist in Spanien zu wenig
Sonne statt Geld

Spanische Manager schätzen ihren Führungsnachwuchs wegen mangelnder Praxiserfahrung, Internationalität und Mobilität gering. Deutsche Absolventen, die ihre Karriere auf der Halbinsel starten wollen, sind dagegen in der Regel sehr willkommen.

"Made in Germany" - das ist in Spanien erste Referenz für Qualität, nicht nur bei deutschen Produkten, auch bei Arbeitskräften aus Alemania. Der Grund: Das deutsche differenzierte Bildungssystem gilt in Spanien nach wie vor als praxisbezogen, tiefgehend und effizient, obwohl es in der Pisa-Studie schlechter abgeschnitten hat als das der Iberer. Das eigene öffentliche Schul- und Universitätssystem gilt im Lande als unattraktiv, weil es zu theoretisch und generalisierend ist und zu sehr auf Auswendiglernen basiert.

Die Unterschiede in den Bildungssystemen wirken sich stark auf den spanischen Arbeitsmarkt aus: Während die Arbeitslosigkeit spanischer Berufsanfänger zu den höchsten in Europa gehört, sind im Gegensatz dazu deutsche Universitätsabgänger - falls sie die Landessprache beherrschen - bei spanischen Unternehmen sehr gefragt.

Die steigende Nachfrage von in Spanien ansässigen Unternehmen nach Alemanen, wie auch das wachsende Interesse von deutschen Bewerbern, die gerne im Süden arbeiten möchten, bemerkt auch Personalberaterin Martina Frank, die sich seit 1987 in Madrid vor allem auf die Vermittlung von Deutschen ins mittlere Management spezialisiert hat: "Das Interesse ist beiderseits eindeutig gestiegen." Besonders Ingenieure oder Techniker seien gefragt, die gerne als Spezialisten eingesetzt werden. "Wir Spanier sind eher Generalisten. Wenn es um ein konkretes Thema geht, haben deutsche Ingenieure klare Vorteile", sagt Ezequiel Durán, stellvertretender Geschäftsführer beim IT-Dienstleister Footfall in Madrid und selber Ingenieur.

Deutscher Führungsnachwuchs gilt als mobiler und internationaler

Aber auch Nicht-Ingenieure haben bei multinationalen Unternehmen Vorteile gegenüber ihren spanischen Konkurrenten: "Deutscher Führungsnachwuchs gilt als mobiler und internationaler", bilanziert Francisco Cerdá, in der renommierten Madrider Business-Schule Instituto de Empresa für den Bereich "Berufliche Entwicklung" zuständig.

Das entscheidende Problem der Spanier: Sie leben auch 25 Jahre nach Ende der Franco-Diktatur noch immer in einem weithin geschlossenen Gesellschaftssystem, dessen Hauptsäule nach wie vor die Familie ist. Was dadurch belegt wird, dass 1,5 Millionen der zwischen 30- und 40-Jährigen immer noch bei Mama wohnen. Es gilt: Wer sich noch kein Haus kaufen kann, bleibt bei seinen Eltern und spart.

Studenten profitieren also von der billigen Bleibe und brauchen deshalb - anders als Deutsche - neben dem Studium nicht zu jobben. Der Staat zementiert dieses System - weder gibt es eine breite und umfassende finanzielle Studienunterstützung à la Bafög, noch 325-Euro-Jobs oder steuerbefreite Arbeitsangebote für Studenten in den Semesterferien.

Einstellung von Praktikanten wenig verbreitet

Auch Praktika sind in Spanien weniger verbreitet als in Deutschland. Sie werden gemäß dem spanischen Arbeitsrecht als befristete Anstellung verstanden, für die der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn von um die 500 Euro fällig wird. Das jedoch ist spanischen Arbeitgebern für eine unerfahrene Arbeitskraft meist zuviel. Nur Universitäten, die gesetzlich vorgesehene Austausch-Programme mit Unternehmen wie zum Beispiel Telefónica vereinbart haben, können diese Regelung unterlaufen.

"Die Immobilität und geringe Internationalität der Spanier wird auch durch die starke Verbundenheit zum eigenen Land und seiner Kultur gefördert. Sie lässt es nicht zwingend notwendig erscheinen, Fremdsprachen zu beherrschen", glaubt Cerdá. Zwar wagen sich inzwischen immer mehr Studenten, wie die 24-jährige Cristina Carretero, zumindest für ein paar Semester ins Ausland, aber das heißt noch lange nicht, dass sie dabei die Landessprache lernen: "Oft bleibt man doch im eigenen Kulturkreis hängen. Ich war acht Monate in Irland, aber mein Englisch ist noch immer nicht sehr gut. Kein Wunder: Meine Freunde dort waren Spanier."

Nach der Uni sind viele Studenten wie Cristina dann erst einmal arbeitslos. Ihnen fehlen die praktische Erfahrung im In- und Ausland sowie die in Spanien dringend nötigen Beziehungsnetzwerke. Die größte Hürde im Berufsleben ist der Einstieg.

Spanische Universitätstitel sind nicht mehr viel wert

Denn auch Trainee-Programme, die beim Management-Nachwuchs für die nötige Praxis sorgen, gibt es kaum. Selbst große multinationale Unternehmen wie Endesa oder Telefónica bieten Uni-Absolventen nur ein paar schlechtbezahlte Stipendien für ein paar Monate Praxiserfahrung. Zu diesem offensichtlichen Mangel an Unternehmensinitiative wollen die Firmen jedoch nichts sagen: Kein Kommentar.

Weil die Studiengänge durch Vermassung verflacht sind - "Die Spanier waren zu lange stolz auf ihre hohen Studentenquoten", so Walther von Plettenberg, Leiter der Rechtsabteilung der deutschen Handelskammer in Madrid - ist ein Universitätstitel heute nichts mehr wert.

Das hat auch Borja Chirivella bitter erfahren müssen. Allein mit seinem Jura-Studium kann er nichts anfangen, der spanische Markt ist überschwemmt mit Anwälten: "Mit meinen 25 Jahren könnte ich höchstens einen Kopierjob in einer Anwaltskanzlei bekommen." Dafür sind sich die meisten zu schade. Wie Borja lernen sie dann lieber weiter. Der Valencianer hat sich direkt nach dem Uni-Abschluss bei der Handelskammer in Madrid für einen mehrmonatigen Kurs über Außenhandel eingeschrieben. Er hofft - wie viele Gleichgesinnte - mit einer Investition von rund 2 000 Euro ein Plus bei der Bewerbung einzuheimsen oder zumindest die Zeit bis zum ersten Job intelligent zu überbrücken.

Nur praktische Erfahrungen sind ein wirklicher Trumpf

Andere versuchen mit noch teureren MBA-Kursen zumindest in das Job-Vermittlungs-Netz renommierter Business-Schulen wie der Icade, IESE, Esade oder des Instituto de Empresa in Madrid zu gelangen - ein Geschäftsfeld, das wegen der Orientierungslosigkeit spanischer Uni-Absolventen wie in kaum einem anderen europäischen Land floriert. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Umsatz der inzwischen 350 spanischen Business-Schulen von rund 250 auf 500 Millionen Euro verdoppelt.

Ein MBA ist für den Aufstieg in spanische Chefetagen zwar nahezu unabdingbar, aber für Uni-Absolventen ist er als Differenzierungsmerkmal beim Eintritt in den Arbeitsmarkt kaum noch etwas wert. Nur wer praktische Erfahrung vorweisen kann, hat wirklich einen Trumpf in der Hand. Ein Vorteil für die Deutschen, die in Spanien Karriere machen wollen, denn sie können genau diese Erfahrung fast immer vorweisen: "Studenten, egal welcher Fakultät, haben meist neben dem Studium gejobbt und können zahlreiche Praktika nachweisen", sagt Personalberaterin Frank. Trotz ihrer Jugend und trotz fehlender Beziehungen eröffnet ihnen ein praxisorientierter Lebenslauf den Zugang zu vielen guten Stellen, sei es über die Jobbörsen an den Universitäten, über Handelskammer oder Personalberatungen.

Wer allerdings solch eine Karriere unter der Sonne plant, muss mit finanziellen Einbußen rechnen. Die Einstiegsgehälter für Management-Nachwuchskräfte liegen in Spanien bei einem Bruttojahresgehalt von 25 000 bis 30 000 Euro. Auch der Urlaub fällt mit gesetzlich vorgeschriebenen 20 Tagen wesentlich magerer aus als in Deutschland. Aber Frank weist auf den Stimmungsfaktor Sonne hin: "Den wolkenlosen Himmel kann einem letztendlich keiner bezahlen - das ist Lebensqualität." Und die ist sogar erreichbar.

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