Union feiert die Rückkehr zur stärksten Kraft im Bundestag – „Ich will keine große Koalition, weil das Stillstand ist“
CDU CSU: Stoiber reklamiert den Sieg für sich

Der Sonntag wurde für die Union zur Berg- und Talfahrt - doch eins schien mit Schließung der Wahllokale klar: CDU/CSU stellen die stärkste Fraktion im Bund. Die Anhänger jubeln, der Kandidat Edmund Stoiber triumphiert, bleibt aber vorsichtig. Ob er sich als nächster Bundeskanzler sehe: "Ich hoffe und ich glaube: Ja."

BERLIN. Zunächst war die Apokalypse angesagt. Die Hiobsbotschaft schlug bei Edmund Stoiber, Angela Merkel und Laurenz Meyer in Merkels Arbeitszimmer in der CDU-Zentrale kurz nach 16 Uhr ein: Drei Umfrageinstitute gaben Rot-Grün in ihren nicht öffentlichen Prognosen einen deutlichen Vorsprung.

Doch der Kanzlerkandidat ließ sich davon nicht mehr beeindrucken. "Stimmungen sind keine Stimmen", beschwichtigte Stoiber im kleinen Kreis. Prompt korrigierten schon eine halbe Stunde später die ersten Institute ihre Werte tatsächlich kräftig zu Gunsten der Union. Ein erstes Aufatmen ging durch die Zentrale. Und ab 18 Uhr hieß es überall und von jedem nur noch: abwarten!

Dennoch trauten sich da schon die Generalsekretäre der Union, Laurenz Meyer (CDU) und Thomas Goppel (CSU) in die Blitzlichter und riefen erst einmal den Sieg aus. Zwar nicht auf ganzer Linie, aber immerhin: die entscheidende Position als stärkste Fraktion hat die Partei, das schien da ziemlich sicher, eingenommen.

Da hätte schon Euphorie aufkommen können. Wenn, ja wenn nur nicht der unsägliche Koalitionspartner, die FDP, gewesen wäre. "Von wegen 18 Prozent, nicht einmal 8 Prozent kriegen die hin," fuhr sich da ein altgedienter Fahrensmann der Union verzweifelt durch die Haare. Und fand doch noch einen Trost: "Wenigstens der Möllemann, der ist jetzt hin. Der kann einpacken." Aber, was solls, die erhoffte schwarz-gelbe Machtübernahme schien dahin. Da waren für einige wieder alte Zeiten angesagt. Das Verlierergespenst Helmut Kohl schien wieder die Runde zu machen.

Ganz anders in Bayern: Schon kurz nach sechs ließ sich Staatskanzleichef Erwin Huber in Siegerpose auf der CSU-Wahlparty in München ablichten: "Darauf trinken wir einen." Huber führt de facto die Geschäfte Stoibers in Bayern bereits seit Monaten und gilt als einer der heißesten Nachfolgekandidaten auf dem Ministerpräsidenten-Sessel.

Dann gingen in Berlin auch Stoiber und Merkel in die Offensive: rasch und selbstbewusst nutzten sie die Chance, die ersten gesicherten Hochrechnungen noch vor 19 Uhr zur Siegesfeier umzudeuten: "Eines steht bereits jetzt fest: Wir haben die Wahl gewonnen," posaunte Edmund Stoiber unter dem Jubel der Gäste hinaus. "Wir haben genau auf die richtigen Themen gesetzt: Wirtschaft und Arbeitslosigkeit." Bei der Interpretation des Ergebnisses blieb er vorsichtig, zu sehr können Überhangmandate das Resultat noch verändern. Doch wolle er keine große Koalition, weil eine große Koalition Stillstand sei. "Lassen Sie uns die Ergebnisse abwarten", betonte Stoiber. Aber im ZDF wagt er sich vor. Auf die Frage, ob hier der kommende Kanzler stehe, antwortet Stoiber: "Ich hoffe und ich glaube: Ja." Die Skepsis war berechtigt, denn je weiter der Abend voranschritt, desto stabiler schien die hauchdünne Mehrheit für Rot-Grün.

Dabei hatte seit dem vergangenen Donnerstag in der Union Hochstimmung geherrscht. Ihr Orakel vom Bodensee, Elisabeth Noelle-Neumann, hatte da noch einmal signalisiert, dass die Wahlstrategie der Union - Arbeit und Wirtschaft im Vordergrund - aufgehen würde. Knapp, aber immerhin, würde eine schwarz-gelbe Regierung vor der Schröder-Truppe über die Ziellinie gehen - die Flut sei vergessen und Irak doch nicht ausschlaggebend. Stoiber selber hatte schon zwei Tage zuvor seine Siegesgewissheit demonstrativ zur Schau getragen, und seinen stolzen Optimismus gleich noch mit konkreten Zahlen ausgestattet: 40,3 %, 40, 5 %, 40,7 % werde die Union heimfahren. Allzu weit ist die Union davon nicht weg geblieben.

Nicht allein für Stoiber, vielmehr für die ganze Union fielen diese Umfragewerte da wie Manna vom Himmel. Denn obwohl Stoiber monatelang eine massive publizistische Schützenhilfe von "Welt" und vor allem der "Bildzeitung" zu Gute kam, bog er alles andere als siegestrunken in die Zielgerade ein. Noch am letzten Wochenende hatten die Umfragewerte "Land unter" signalisiert. Die Deutschen, so schienen die Zahlen zu belegen, sorgen sich über den möglichen Krieg im Irak mehr als über die desolate Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Wie schon zu Zeiten der Flut stand das Top-Thema Stoibers "Arbeit, Arbeit, Arbeit" wieder einmal in der Requisitenkammer des Wahlkampfes. Dabei hatte Wahlkämpfer Stoiber mit diesem Thema den "Genossen der Bosse" zum Erstaunen der Öffentlichkeit links überholt und sich bis zuletzt zum Advokaten des kleinen Mannes ausgerufen, der die Privilegien der Großkapitalisten und ihrer überbezahlten Top-Manager geißelte und soziale Gerechtigkeit anmahnte. "Arbeit, Arbeit, Arbeit" war tatsächlich das Leitmotiv der Edmund-Passion, das er bei jedem Auftritt aufführen wollte.

Diese Musik hatte Stoiber auf Anraten seiner Strategen von Anfang an gespielt. "Geht es Euch unter Schröder besser als unter Kohl?" war die einzige, aber gleichwohl entscheidende Frage, die sich die Wähler stellen sollten. Der Unionsspitze, verbunden in der Vorstellung, ganz Deutschland sei ein einziger Mittelstand, schien keine andere Antwort möglich, als ein kräftiges "Nein"! War es nicht so, hämmerte Stoiber auf seinen zahllosen Kundgebungen bis zuletzt ins Ohr, dass Schröder sein Versprechen, die Arbeitslosenzahlen auf 3,5 Millionen zu reduzieren, gebrochen hatte?" Natürlich, so der Slogan des CDU-Wahlkampfes: "Versprochen und gebrochen." Aber auch: "Das haben die Menschen in diesem Lande nicht verdient!"

Dabei hatten Sachthemen selten zuvor eine so schlechte Konjunktur in einem Wahlkampf. In der Flut der Demoskopiedaten wurden die Themen begrabe. Umfragen wenige Tage vor der Wahl ergaben, dass nicht einmal die Hälfte der Wahlkampfnachrichten über Inhalte zum Thema hatten. Über 80 % der Bürger fühlten sich nach Analysten-Meinung nicht voll informiert.

Wie eine böse Ironie schienen die letzten Tage vor dem Wahlgang diese Expertise zu bestätigen. Plötzlich hatte die zweite Riege der Politik die Schlagzeilen in Beschlag genommen: FDP-Vize Jürgen Möllemann - mit seinem Antisemitismus - und Justizministerin Herta Däubler-Gmelin - mit ihrem Hitler-Bush-Vergleich - vergruben den Streit über Inhalte endgültig. Von Arbeitslosigkeit und Wirtschaft sprach da keiner mehr. Bald wohl aber um so mehr.

Mitarbeit: Caspar Busse, München

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