Unklarheit über Refinanzierung – Regierung will Bon-Nachfolger bis Anfang Oktober bestimmen
France Télécom vor neuer Hängepartie

Der Ausstieg bei Mobilcom verschafft France Télécom keine Atempause. Konzernchef Michel Bon schmiss hin, ein Nachfolger steht noch nicht fest. Der Neue muss schnellstens eine drohende Schuldenkrise abwenden. Dazu braucht er massive Hilfe vom Staat. Aber Paris ist knapp bei Kasse und spielt auf Zeit.

PARIS. Der Befreiungsschlag ging nach hinten los: Mit dem Fallenlassen der deutschen Mobilcom AG hat France Télécom SA zwar eine monatelange Hängepartie beendet - wie der französische Telekomkonzern der drohenden Liquiditätskrise entkommen will, ist aber ebenso unklar wie die Nachfolge von Konzernchef Michel Bon.

Die französische Regierung - mit 55,4 % Hauptaktionär der France Télécom - muss jetzt rasch handeln. Ohne eine massive Kapitalspritze aus der Steuerkasse droht dem Unternehmen im kommenden Jahr die Zahlungsunfähigkeit, wenn die Rückzahlung von 15 Mill. Euro Schulden ansteht.

Das Paradox im Falle France Télécom: Das operative Geschäft floriert, aber die Schulden drohen den Konzern aufzufressen. Ende Juni hatte das Unternehmen Verbindlichkeiten von 69,7 Mrd. Euro. Das Betriebsergebnis wuchs um 17,3 % auf 3,2 Mrd. Euro; nach Sonderabschreibungen von 11,1 Mrd. Euro fuhr France Télécom jedoch einen Rekordverlust von 12,2 Mrd. Euro ein.

Wegen der hohen Verluste und zermürbt vom Kampf mit seinem Hauptaktionär, dessen Rückendeckung er nach dem Regierungswechsel in diesem Jahr verloren hat, ist Konzernchef Bon zurückgetreten. Aber er hinterließ eine Warnung: "Auch ein Unternehmen wie France Télécom kann nicht überleben, wenn ihm niemand mehr Geld leihen will, sondern im Gegenteil alle ihr Geld möglichst schnell wieder haben wollen."

Trotz Krisensitzungen der Konzernspitze mit Finanzbeamten und Bankern - im Verwaltungsrat wurde die Schuldenkrise am vergangenen Donnerstag nicht diskutiert. Finanzminister Francis Mer ließ lediglich wissen, die Regierung werde "das Eigenkapital von France Télécom substanziell aufstocken". Die Antwort auf die Frage: "wie?" blieb er aber schuldig. "Es ist ein furchtbarer Fehler, die Leute weiter über alles und jedes spekulieren zu lassen", mahnte ein Analyst des Vermögensverwalters B Capital. Die Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P), Moody?s und Fitch bewerteten die Ankündigung einer Kapitalerhöhung positiv. Moody?s und Fitch setzten den Ratingausblick am Freitag von negativ auf stabil, S&P bestätigte die stabilen Ratingaussichten.

In der Regierung wächst jedoch der Widerstand gegen die geplante Kapitalerhöhung von bis zu 15 Mrd. Euro. Ein Gesetz verbietet dem Staat, seine Aktienmehrheit an dem einstigen Telekom-Monopolisten abzugeben. Deshalb würde eine Kapitalerhöhung den Fiskus 7,5 Mrd. Euro kosten - und das französische Staatsdefizit in diesem Jahr wohl über die im Maastrichter Vertrag vorgeschriebene 3 %-Grenze treiben. Aus diesem Grunde drängt das Finanzministerium, die Kapitalerhöhung erst einmal bis Januar zu verschieben. Auch eine Wandelanleihe, ein Staatskredit zu Marktkonditionen, der Verkauf von Beteiligungen oder eine Mischung daraus werden diskutiert. Aber jede Rettungsaktion für France Télécom wird von Wettbewerbshütern der EU kritisch beäugt werden.

Premierminister Jean-Pierre Raffarin dürfte besonders die Furcht vor Massendemonstrationen wütender Kleinaktionäre umtreiben. Am Freitag schloss die Aktie bei 10,35 Euro. Eine Kapitalerhöhung würde den Kurs mindestens halbieren - die Wut von 1,5 Millionen Aktionären, von denen viele beim Börsengang 1997 zum Emissionspreis von 27,75 Euro eingestiegen sind, wäre Raffarin gewiss. Auf ihrem Höhepunkt im März 2000 hat das Papier bei 219 Euro notiert.

Etwas Zeit gewinnt France Télécom durch den Erfolg ihrer Mobilfunksparte Orange. Mit 218 Mill. Euro machte der Anbieter im ersten Halbjahr 2001 erstmals Gewinn - nach einem Minus von 500 Mill. Euro im gleichen Vorjahreszeitraum. Das Betriebsergebnis legte gar um 52 % auf 1,25 Mrd. Euro zu.

Nach wie vor offen scheint Bons Nachfolge. Als Wunschkandidat der Regierung gilt Thierry Breton, der Chef des Elektronikkonzerns Thomson Multimédia. Dass Breton bereits zugesagt habe, den Chefsessel bei France Télécom zu übernehmen, dementierten sowohl das Ministerium als auch Breton. Möglicherweise pokert der 47-Jährige. Denn mit 279 116 Euro Jahresgehalt ist der Télécom-Chef der am schlechtesten bezahlte Boss im Club der Unternehmen aus dem Börsenindex CAC 40. Bei Thomson verdient Breton das Fünffache.

"In zwei bis drei Wochen" will Finanzminister Mer den Nachfolger für Bon präsentieren. Die nächste Sitzung des Verwaltungsrates, der den neuen Chef bestätigen muss, soll am 2. Oktober stattfinden.

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