Unklarheit um Unternehmenschef Miller
Ruhrgas-Chef in Gazprom-Aufsichtsrat wiedergewählt

Spekulationen um Gazprom-Chef Alexej Miller: Wird der Putin-Mann durch andere Putin-Vertraute abgelöst? Die ohnehin schon sehr ernsthaften Gerüchte bekamen auf der Hauptversammlung am Freitag durch die schwere Krankheit Millers neue Nahrung.

MOSKAU. Der Chef der Essener Ruhrgas AG, Burckhard Bergmann, ist in den Aufsichtsrat des weltgrößten Gaskonzerns, der russischen Gazprom, wieder gewählt worden. Wie der andere Vertreter der Minderheitsaktionäre, Ex-Steuerminister Boris Fjodorow, setzte er sich gegen andere Bewerber durch. Dabei konnte er offenbar auf Stimmen des russischen Staates zählen, der 38,4% der Gazprom-Aktien direkt und weitere indirekt hält. Bergmann sitzt damit als einziger Ausländer zum dritten Mal im Kontrollgremium Gazproms.

Die schwere Nierenkrankheit, die Gazprom-Chef Alexej Miller von der Beteiligung an der Hauptversammlung am Freitag abgehalten hat, belebten ernste Spekulationen wieder, der erst vor 13 Monaten als Präsident des in einer schweren Finanzkrise steckenden Unternehmens könnte abgelöst werden. Als Hauptanwärter für den Posten gelten zwei Männer aus der engen Putin-Umgebung: Kreml-Administrationschef Alexander Woloschin, der bereits heute über Finanzgesellschaften - an denen er beteiligt ist - Geschäfte mit dem Gasgiganten macht. Und der dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahe stehende Chef der Meschprombank, Sergej Pugatschow. Dieser versucht, sich auch die staatliche Ölgesellschaft Slawneft einzuverleiben. Das Hauptquartier der Ölfirma war am späten Donnerstagabend von dem Pugatschow-Vertrauten und abgesetzten Unternehmenschef Michail Guzerijew mit Polizeihilfe eingenommen worden.

Aufsichtsrats-Vorsitzender bei Gazprom wurde der Vize-Kremladministrationschef Dmitrij Medwedjew, der nach Handelsblatt-Informationen mehrfach bei Putin für eine Ablösung Putins interveniert haben soll. Medwedjew bestritt hingegen heute jedweden Streit mit Miller, es gebe nur "Auseinandersetzungen auf der Arbeitsebene und das ist normal". Medwedjew kündigte zudem eine weitere Stärkung der Rolle des Staates bei Gazprom an. Ein Verkauf des Staatsanteils komme keineswegs in Betracht, "im Gegenteil", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende ohne Details zu nennen.

Fjodorow bekam mit 9% die meisten Stimmen, Bergmann bekam wie fast alle Regierungsvertreter 8,5% (Ruhrgas selbst hält nur 5,3 % des Gazprom-Kapitals). Der konkurrierende Chef des Investmentfonds Hermitage Capital, Bill Browder, kam mit 5,36 % der Stimmen nicht in das Direktorenrat genannte Kontrollgremium. Beim russischen Strommonopolisten UES (Vereinte Energiesysteme Russlands) wurde erstmals das RWE Net-Vorstandsmitglied Rolf Bierhoff in den Aufsichtsrat gewählt. Beim größten russischen Maschinenbaukonglomerat UHM wurde der deutsche Unternehmensberater Horst Wiesenger gewählt.

Wirtschaftlich war für Gazprom das abgelaufene Geschäftsjahr erfolgreich: Der Reingewinn konnte dank des Rekord-Exporterlöses von 14,5 Mrd. $ im Jahr 2001 um 916 Mill. auf 2,4 Mrd. $ gesteigert werden. Für kommendes Jahr rechnet der für Exporte zuständige Gazprom-Vorstand Jurij Komarow nur noch mit 11,5 bis 12 Mrd. $ Ausfuhrerlösen. Dramatisch ist allerdings der weiter anhaltende Produktionsrückgang von Erdgas: Während die Lieferverpflichtungen des Gaskonzerns in den Westen immer weiter zunehmen, ist die Gasförderung im vorigen Jahr erneut von 523 auf 512 Mrd. Kubikmeter. In diesem Jahr soll die Produktion auf 530 Mrd. Kubikmeter steigen, allerdings kritisieren einige Gazprom-Experten die dafür bewilligten Investitionsmittel als zu gering.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%