Unmut bei MG-Aktionären über Neukirchen-Abschied
Kritik an Verstoß gegen „Cromme“-Kodex

Heute endet in der Frankfurter Bockenheimer Landstraße 73 bis 77 eine Ära. Nach einem über zweijährigen Streit mit seinem Widersacher, dem MG-Großaktionär Otto Happel gibt Vorstandschef Hajo Neukirchen auf. Doch sein Ausstieg sorgt wegen des üppigen Abschiedsgeschenks bei den MG-Aktionären für Unmut: Zwischen zehn Mill. und 15 Mill. Euro soll das Paket für Neukirchen wert sein. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

FRANKFUT/M. Der Ärger der Anteilseigner ist verständlich. Zwar schreibt die MG auch in schwierigen Zeiten schwarze Zahlen. Doch hat die Aktie der ehemaligen Metallgesellschaft unter der Ägide Neukirchens 80 % an Wert eingebüßt. Dennoch wird Neukirchens noch drei Jahre laufender Vertrag ausgezahlt - obwohl er offiziell auf eigenen Wunsch ausscheidet. "Ein übliches Vorgehen", heißt es im von MG-Aufsichtsratschef Helmut Werner geführten Personalausschuss. Die Entscheidung sei im Sinne der Gesellschaft, schließlich werde so weiterer Streit vom Unternehmen ferngehalten, argumentiert das Gremium.

Viele Aktionäre sind anderer Meinung - auch deshalb, weil Neukirchen vor gut zwei Jahren vorzeitig einen neuen Vertrag erhalten hat. "Dass hier mal wieder ein Vertrag vorzeitig verlängert und dann am Ende komplett ausbezahlt wurde, finde ich äußerst bedenklich", sagt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und Mitglied der für Corporate Governance zuständigen "Cromme"-Kommission.

Hocker steht mit dieser Meinung nicht alleine. "Auch wenn Herr Neukirchen kein Einzelfall ist: Der Brauch, mitten in einer Phase der Unsicherheit einen Vertrag zu verlängern, ist keine gute Sache", moniert Rolf Dress, Sprecher von Union Investment, in Anspielung auf den Dauerclinch zwischen Happel und Neukirchen. Fragwürdig sei, dass sich dieser Schritt zu einer Art goldenem Handschlag entwickelt habe. "Wir reden hier nicht von Peanuts, es geht um große Teile des Jahresgewinns", sagt Drees.

Erste Gegenanträge für die am Dienstag stattfindende MG-Hauptversammlung sind bereits formuliert. So fordern zwei Aktionäre die Nichtentlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. "Der Aufsichtsrat hat durch vorzeitige Vertragsverlängerung und die unnötige Aufhebungsvereinbarung Mittel des Unternehmens verschwendet", schreiben sie dem MG-Kontrollgremium ins Stammbuch.

Die umstrittenen Entscheidungen des Aufsichtsrats bestätigen Skeptiker, die seit langem die fehlende Kontrolle bei der MG monieren. Dies zeigt sich auch an vor wenigen Wochen publik gewordenen Plänen der Finanzinvestoren KKR und Goldman Sachs, die beiden MG-Perlen Gea und Dynamit Nobel über einen Buy-Out zu kaufen. Wie aus Branchenkreisen zu hören ist, sollte der Deal zum Schnäppchenpreis von 2,5 Mrd. Euro über die Bühne gehen.

Die MG hat die Gespräche bestätigt, sieht in dem Vorgang aber eine normale Prüfung eines Übernahmeangebots durch den Vorstand. Finanzinvestoren berichten hinter vorgehaltener Hand allerdings anderes: "Herr Neukirchen war mit dem Buy-Out-Plan seit langem in unserer Branche unterwegs", sagt der Deutschlandchef einer renommierter Privat- Equity-Gesellschaft.

Besonders pikant: Neukirchen sollte finanziell an dem Buy-Out beteiligt werden. Er selbst sagt, darüber sei nicht konkret verhandelt worden. Doch Finanzinvestoren bestätigen entsprechende Pläne. Folglich hätte MG-Aufsichtsratschef Werner Neukirchen wegen eines massiven Interessenskonflikts sofort zurückpfeifen müssen. Doch geschehen ist offensichtlich nichts. Dabei müsste Werner eigentlich von den Verkaufsgesprächen gewusst haben. Aus dem Umfeld der MG ist zu hören, dass er eine Vertraulichkeitserklärung hinsichtlich der Gespräche mit KKR unterzeichnet haben soll. Werner selbst ist wegen einer Krankheit nicht zu sprechen.

"Die MG steht wie kein anderes Unternehmen für die Deutschland AG mit ihren gegenseitigen Verstrickungen", bringt es ein langjähriger Beobachter der MG auf den Punkt. Ein Blick auf die Tätigkeiten der MG-Aufsichtsräte bestätigt dies. So ist der jetzt ausscheidende Diethart Breipohl nicht nur Aufsichtsratsvertreter für den MG-Großaktionärs Allianz - als Berater von Goldman Sachs arbeitet er zugleich für jenen Investor, der Interesse an Gea und Dynamit Nobel hat.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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