UNO fordert Neuzählung
Kaum Proteste am Morgen in Belgrad

Die staatlichen Elektrizitätswerke kündigten als Folge des Streiks für Dienstag Stromabschaltungen an.

Reuters BELGRAD. In Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad sind am Dienstagmorgen zunächst nur wenige Bürger einem Aufruf zu Protesten gegen Präsident Slobodan Milosevic gefolgt. Wie am Vortag blieben einige Geschäfte zwar geschlossen, der Verkehr floss jedoch unbehindert, Straßen und Brücken zum Zentrum der Stadt waren frei. Trotz einer Aufforderung des jugoslawischen Militärs setzten Bergleute ihren Streik in Kohlebergwerken fort. Die staatlichen Elektrizitätswerke kündigten als Folge des Streiks für Dienstag Stromabschaltungen an. Der UNO-Sonderbeauftrage für Menschenrechte in Jugoslawien, Jiri Dienstbier, forderte eine Neuzählung der Stimmen aus dem ersten Wahlgang der Präsidentenwahl vom 24. September.

Zu den Protesten und Streiks hatte die Opposition aufgerufen, nachdem die Zentrale Wahlkommission eine Stichwahl zwischen Milosevic und dem Oppositionskandidaten Vojislav Kostunica angeordnet hatte. Kostunica gewann nach ihren Angaben zwar die erste Wahlrunde, verfehlte jedoch die erforderliche absolute Mehrheit. Kostunica und mehrer Länder des Westens sehen ihn dagegen bereits nach der ersten Wahlrunde als Sieger. Die Opposition hat angekündigt, die für den 8. Oktober angesetzte Stichwahl boykottieren zu wollen.

Am ersten Tag des von der Opposition ausgerufenen Generalstreiks waren am Vortag in vielen Städten Serbiens Straßen blockiert und Schulen geschlossen worden. In Belgrad blieben dagegen die meisten Geschäfte und staatlichen Einrichtungen geöffnet. Im Stadtzentrum von Belgrad kamen im Laufe des Tages Demonstranten in großen Scharen zusammen. Am Dienstagmorgen wurde dem Rundfunksender B2-92 zufolge die Hauptstraße zwischen Belgrad und Novi Sad gegen 06.00 Uhr MESZ für etwas über eine Stunde blockiert.

Aus Kreisen der Bergleute verlautete, in der Nacht sei es zu dramatischen Szenen gekommen.

Der Chef des jugoslawischen Heeres, General Nebojsa Pavkovic, nahm in der Nacht zum Dienstag Gespräche mit streikenden Bergleuten und dem Leiter des größten serbischen Kohlebergwerks Kolubara auf. Dies berichtete B2-92 auf seiner Website. Aus Kreisen der Bergleute verlautete, in der Nacht sei es zu dramatischen Szenen gekommen. Kurzzeitig habe es so ausgesehen, als ob Feldjäger das Bergwerk stürmen wollten. Die Bergleute kündigten für Dienstag eine Pressekonferenz an. Seit Freitag haben etwa 4 000 Bergarbeiter auf Kolubara die Arbeit niedergelegt. Seit Sonntag streiken 4 500 ihrer Kollegen im Kostolac-Bergwerk. Die Bergwerke sind von zentraler Bedeutung für die serbische Stromversorgung.

Dienstbier sagte nach Gesprächen mit Vertretern der jugoslawischen Regierung und Opposition in Belgrad, bei dem ersten Wahlgang habe es besonders in der südserbischen Provinz Kosovo eindeutig Unregelmäßigkeiten gegeben. "Die Ergebnisse müssen manipuliert worden sein", sagte er. Er erklärte ausdrücklich, nicht zu wissen, wer für die Fälschungen verantwortlich sei. Beide Seiten sollten einer Neuzählung der Stimmen zustimmen.

Auch die als regierungstreu geltende Vereinigung der Serbischen Gewerkschaften (SSSJ) verlangte der Nachrichtenagentur Beta zufolge am Montagabend eine Nachzählung. Die SSSJ ist die größte Gewerkschaft in der Republik Serbien, Serbien bildet zusammen mit Montenegro die Bundesrepublik Jugoslawien. Beta zufolge will die SSSJ ihre rund eine Million Mitglieder zum Generalstreik aufrufen, sollte bis Mittwoch die Überprüfung nicht abgeschlossen sein. Die Gewerkschaft folge mit ihrem Aufruf dem Willen ihrer Mitglieder. Auch die mit den Sozialisten Milosevics verbündete Sozialistische Volkspartei (SNP) in Montenegro forderte am Montag eine Überprüfung der Wahlergebnisse.

Der Nachrichtenagentur Interfax zufolge erwartete der russische Abgeordnete und Chef des Ausschusses für Außenpolitik der Duma, Dimitri Rogosin, noch am Dienstag eine Antwort der beiden jugoslawischen Kandidaten auf ein russisches Vermittlungsangebot. Kostunica sei bereit, nach Russland zu reisen, hieß es in Oppositionskreisen. Bedingung sei eine offizielle Einladung und ein garantiertes Treffen mit Putin. Milosevic hat das russische Vermittlungsangebot bislang nicht angenommen. Milosevic ist vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Menschenrechtsverletzungen im Kosovo-Krieg angeklagt worden.

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