Archiv
Unregelmäßigkeiten bei Wahl in Jugoslawien

Bei den Präsidenten- und Parlamentswahlen in Jugoslawien haben Unregelmäßigkeiten und geplante Siegesfeiern die Spannungen zwischen der Opposition und dem Regime von Slobodan Milosevic verschärft.

dpa BELGRAD. Während die Staatsmedien am Sonntag über einen reibungslosen Ablauf berichteten, beklagte die demokratische Opposition landesweit Fälle von massiven Manipulationen. Sowohl die Regierungskräfte als auch die Parteien hinter dem oppositionellen Vojislav Kostunica wollten mit ihren Anhängern in der Nacht in den Städten Belgrad, Novi Sad, Nis und Cacak auf den selben Plätzen Wahlsiege feiern.

Milosevic, Kandidat der regierenden Sozialisten, erwartet nach den Wahlen die "Säuberung" der politischen Bühne in Serbien, wie er nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Tanjug sagte. Dagegen meinte Kostunica, das Regime sei unfähig, eine Niederlage einzugestehen. Er sagte aber: "Die Leute haben die Angst hinter sich gelassen. Während des Wahlkampfes haben sie ihre Entschlossenheit gezeigt, die Macht abzulösen", sagte er. "Aber die Machthaber sind unfähig, eine Niederlage zu akzeptieren, weil sie nicht nur Macht sondern auch Privilegien verlieren."

Gegen 15.00 Uhr hatten in Serbien mehr als 55 % der Wähler ihre Stimme abgegeben, mehr als bei den letzten Wahlen, berichtete das Zentrum für freie Wahlen (CESID). In der kleineren Teilrepublik Montenegro, wo die pro-westliche Regierung zum Boykott aufgerufen hatte, waren es nur 20 %. Die 7,8 Mill. Wahlberechtigten konnten den Staatschef, das neue Bundesparlament sowie das Provinzparlament Vojvodinas und die Kommunalverwaltungen in Serbien wählen. Meinungsumfragen gaben Kostunica einen beachtlichen Vorsprung vor Milosevic, dessen Amtszeit erst im Juni kommenden Jahres endet. Die Wahllokale sollten um 20.00 Uhr schließen. Erste Ergebnisse wurden erst Stunden später erwartet. Wenn keiner der Kandidaten eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen bekommt, sind für den 8. Oktober Stichwahlen geplant.

Wahl ohne Personalausweis

Die oppositionelle Bürgerallianz erklärte, in Priboj in Südserbien sei der sozialistische Vorsitzende der Wahlkommission mit 10 Wahlzetteln ertappt worden, auf denen schon Milosevic angekreuzt war. In vielen Städten hätten bestimmte Leute ohne Personalausweis wählen können. Im Wahllokal 34 in Belgrad mussten die Wähler dem sozialistischen Vorsitzenden der Wahlkommission die angekreuzten Wahlzettel für die Präsidentenwahl zeigen. Offizielle internationale Wahlbeobacher wurden nicht zugelassen, mehrere ausländische Journalisten ausgewiesen.

Die jugoslawische Regierung verschärfte unterdessen ihre verbalen Angriffe auf die Opposition. Das Außenministerium in Belgrad beschuldigte die vereinte Demokratische Opposition Serbiens, am Sonntagabend einen angeblichen Wahlsieg verkünden zu wollen. Die Opposition plane, in Montenegro eine Regierung zu bilden und dann die Unterstützung der USA und der EU anzufordern.

Die UN-Mission im Kosovo will einen befürchteten Wahlbetrug in Jugoslawien mit den Stimmen der Bevölkerung im Kosovo verhindern. "Jede Behauptung einer massiven Wahlbeteiligung der albanischen Bevölkerung wird eine Fiktion sein", sagte der UN-Verwalter Bernard Kouchner in einer Bewertung des Wahlverlaufes. Er sprach von einer "sehr niedrigen" Beteiligung in der UN-verwalteten jugoslawischen Provinz.

Der pro-westliche Ministerpräsident Montenegros, Filip Vujanovic, hat ein Unabhängigkeitsreferendum angekündigt, falls Milosevic nach der Wahl an der Macht bleibt. Vujanovic sagte der kroatischen Tageszeitung "Slobodna Dalmacija" vom Sonntag: "Wir erwarten den Sieg des demokratischen Serbien und das Ausscheiden von Milosevic. Ich erwarte aber auch, dass er die Wahlergebnisse nicht anerkennen wird."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%