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Unschuldiges Braunschweig

Als Medientreibender verliert man gelegentlich die Bodenhaftung. Dann vergisst man schnell, dass es Orte gibt, die nicht eingerichtet sind auf Journalistenschaaren, Kamerateams, Gaffer. Zum Beispiel das Arbeitsgericht Braunschweig.

Als Medientreibender verliert man gelegentlich die Bodenhaftung. Dann vergisst man schnell, dass es Orte gibt, die nicht eingerichtet sind auf Journalistenschaaren, Kamerateams, Gaffer. Zum Beispiel das Arbeitsgericht Braunschweig.



"This place ist not ready for prime time", sagt Steve Power, ein Kollege vom Wall Street Journal, den ich im Zug getroffen hatte.

Es war Dienstag und weil ich ohnehin auf dem Weg Richtung Berlin war, mache ich Zwischenstopp in Niedersachsen zum Einigungsverfahren zwischen VW und Klaus Gebauer, jenem ehemaligen Personalmanager, der nicht nur ein Geflecht von Scheinfirmen aufgezogen haben soll, um seinen Arbeitgeber auszunehmen, sondern auch dem Begriff "Verkehr" in Wolfsburg eine neue Bedeutung verliehen hat.

Steve trifft es genau richtig. Wir stehen vor einem eckigen Gebäude von jenem Grau, das sonst überaltete Kasernen auszeichnet. Die automatische Tür muss wahrschei nlich häufig repariert werden, denn wer die Hand voll Stufen hinauf geht, glaubt nicht, dass es hier überhaupt eine automatische Tür geben könnte - also reißt man sie viel zu heftig auf.

Auf einen Ansturm der Medien ist man natürlich nicht vorbereitet. Am Montag berichtete "Focus", Gebauer wolle auspacken bei der Verhandlung. Wollte er zwar nicht, aber das konnte ja keiner wissen. Am frühen Montag Morgen lud der für die Presse zuständige Richter noch ein: "Ist öffentlich, kommen sie ruhig, dann bin ich nicht allein." Ab Mittag warnte er: "Kommen Sie früh, wir haben nur 40 Plätze."

Zwei Stunden vor Verhandlungsbeginn sind RTL und ZDF schon da. Es beginnt das übliche Ritual des Schnittbildersammelns: Unbeteiligte Passanten sollen locker aus dem Gericht kommen und hineingehen. Weil aber unbeteiligte Passanten im Arbeitsgericht Braunschweig selten sind, müssen halt die Kamerassistenten der anderen Sender so tun, als seien sie unbeteiligt.



Um zehn Uhr, eine Stunde vor Verhandlungsbeginn, dürfen die Journalisten in den Saal. Zuvor stehen wir Schlange und lernen das liebenswerte Schild auswändig, das von den hier erhältlichen Spezereien kündet: "Im Erdgeschoss Raum 13 befindet sich ein Automat, in dem diverse Heißgetränke und eine Suppe zur Auswahl stehen." Aber es will niemand in einem Automaten einen Kaffee trinken, bietet ja nicht viel Platz so ein Automateninneres.



Theoretisch hätten wir auch vorher schon in den Sitzungssaal im Keller gekonnt, aber es muss erst ein "Wachtmeister aus Göttingen" kommen, "wir haben hier normalerweise kein Sicherheitspersonal". Offensichtlich einigt man sich mit Ex-Arbeitgebern in diesem Landstrich ohne Handgreiflichkeiten. Das ist sympathisch.

Die Verhandlung selbst dauert zwanzig Minuten, weitere zehn Minuten können Gebauer und sein Anwalt Wolfgang Kubick i noch aufgehalten werden mit Fragen, die sie mit dürren Worten nicht beantworten.

Dann noch Fotos aus allen Lagen und wieder einmal die Gewissheit: "Agenturfotograf möchte ich wirklich NICHT sein". ´

Und dann verfällt das Arbeitsgericht Braunschweig wieder in seine süße Lethargie. Bis zum 17. November, dann gibt es die erste Verhandlung.

Mehr dazu hier.

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