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Unsichere Flitterwochen

Ein neuer Ministerpräsident hat ausländische Investoren wieder nach Japan gelockt. Die erste Euphorie darüber ist an der Börse aber wieder verflogen. Wer jetzt investiert, sollte noch Pulver trocken halten.

Japans neuer Ministerpräsident Junichiro Koizumi ist beliebt. Poster von ihm gelten als Verkaufsschlager. Und mit einer spontanen Gefühlsäußerung machte er sich beim Wahlvolk am Wochenende noch beliebter: Nach einem Sumo-Turnier hielt er die traditionelle Lobesrede zum Abschluss des Sommer-Turniers der Sumo-Ringer, zögerte und rief dem Sieger zu: "Du hast es trotz der Schmerzen ausgehalten. Ich war begeistert. Herzlichen Glückwunsch!" Der Angesprochene hatte den Wettkampf trotz eines verrenkten Knies gewonnen. Ähnliches Durchhaltevermögen benötigten zuletzt auch Japan-Investoren, denn seit Jahren befindet sich die Wirtschaft und der Aktienmarkt in einer Dauerkrise. Ausländische Investoren verabschiedeten sich im vergangenen Jahr größtenteils aus dem Markt. Doch seit einigen Wochen gehören sie wieder zu den Nettokäufern an der Börse Tokyo. "Wir sind wieder vorsichtig optimistisch", sagt DIT-Fondsmanager Michael Neppert.

Ausgelöst hatte den Kaufreiz zunächst die neue Geldpolitik der Notenbank. Statt Leitzinsen will sie nun das Guthabenvolumen der Banken steuern und damit mehr Geld in die Wirtschaft pumpen. Das soll den Preisverfall, die Deflation stoppen. "Die Deflation drückt die Gewinnmargen der Unternehmen. Und die Konsumenten zögern Ausgaben hinaus, in der Hoffnung, dass die Preise weiter fallen," erklärt Hakan Hedström, der für die Commerzbank in Tokyo den Aktienmarkt beobachtet.

Der frisch gewählte Ministerpräsidenten Koizumi wiederum gilt als Politiker, der notwendige aber schmerzhafte Reformen durchsetzen könnte. "Die Aussicht auf angebotsorientierte Wirtschaftsreformen haben es riskanter gemacht, japanische Aktien zu ignorieren. Kurzfristig könnte allerdings die Angst vor einer Rezession wieder Oberhand gewinnen", sagt Jesper Koll, Volkswirt bei Merrill Lynch.

Die Kassebestände bei Japan-Fonds sind daher wieder zugunsten von Aktien gesunken. In den globalen Portfolios des DIT ist Japan übergewichtet. Die DWS gewichtet Japan seit Mitte April nicht mehr unter, sondern neutral. Von seinem 16-Jahrestief bei 11 800 Punkten vom März hat sich der technologielastige Nikkei-225-Index wieder erholt. Wie anfällig der Frühling an der Börse sein kann, zeigen aber auch die jüngsten Kursverluste, die vor allem die Technologie- und Bankenwerte trafen.

"Insgesamt blickt der Markt im Moment weniger auf Zahlen, als auf Politik", beobachtet DWS-Fondsmanagerin Lilian Haag. Merrill Lynch zitiert in einem Strategiepapier eine Untersuchung, die zu ähnlichen Ergebnissen kommt. "Politische Börsen haben aber kurze Beine", warnt Haag. Denn wie die Reformpläne von Koizumi genau aussehen werden, ob und wie schnell er sie umsetzen kann, ist offen. "In etwa drei Wochen stellt Koizumi wohl seinen mittelfristigen Wirtschaftsplan vor", sagt Tadayuki Osako, Fondsmanager von Maintrust. Im Juli finden zudem Wahlen zum Oberhaus statt und sogar Unterhauswahlen sind nicht mehr ausgeschlossen. Haag wartet ab, wie viele reformbereite Abgeordnete dabei einen Sitz gewinnen.

Daher stellen sich Fondsmanager und Volkswirte bis Herbst auf unruhige Zeiten an der Börse ein. "Das liegt auch daran, dass die Unternehmen im Herbst wieder stärker Überkreuzbeteiligungen auflösen. Das wird Druck auf die Aktienkurse vieler Unternehmen ausüben. Der geplante staatliche Auffangfonds ist noch nicht etabliert. Die Lage ist im Moment so unklar, dass Anleger mit Fonds vermutlich besser beraten sind als mit einer Direktanlage", sagt Hedström. Und da Rückschläge nicht ausgeschlossen sind, empfehlen Fondsmanager, erst einen Teil des gewünschten Betrages zu investieren oder mit einem Sparplan zu beginnen.

Möglicherweise lässt sich erst im Herbst sagen, welche Branchen von der neuen Wirtschaftspolitik am stärksten begünstigt werden, argumentiert Fondsmanagerin Haag. "Im Moment läuft der Markt auf einer breiten Basis, daher richten wir unser Portfolio entsprechend aus. Wir investieren sogar vorsichtig in Krisenbranchen wie Bau und Banken, versuchen aber da, die Werte herauszupicken, denen wir zutrauen, die aktuelle Krise zu überstehen."

Zu den Branchen, die unter Fondsmanagern am häufigsten genannt werden, zählt die Automobilbranche. "Wir denken im Moment über einige Werte wie Toyota oder Honda nach", sagt Fondsmanager Neppert. Zu Haags Favoriten zählt ebenfalls Toyota. "Die haben Cash, eine gute Modellpolitik und sie verbessern ständig ihre Produktion." Fondsmanager Osako hält Toyota wiederum für etwas zu teuer. Er bevorzugt Honda und Suzuki Motors, Unternehmen die in der Vergangenheit überdurchschnittlich gut geführt wurden.

Zu den Favoriten beim Dit gehören auch einige Dienstleister. Die seien zwar nicht billig, aber da sich viele Unternehmen ausrüsten müssten, rechne er mit einem hohen Gewinnwachstum, sagt Neppert. Gute Chancen billigt er daher einigen kleineren Softwareunternehmen wie Sumisho Computer oder Obic zu.

An den Aktienmärkten ist die Stimmung wieder etwas nüchterner. "Die Investoren begreifen, dass die Regierung schwierige Themen auf der Agenda hat und gibt ihr Zeit. Allerdings bedeutet das auch, dass die Märkte vor dem Herbst, nicht mehr signifikant nach oben ausschlagen werden, wenn klarer ist, wie der wirtschaftspolitische Kurs genau aussieht," schreibt Morgan Stanley Dean Witter in einer aktuellen Einschätzung. "Die Euphorie ist vorüber, die Flitterwochen gehen weiter."

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