Unsichere US-Konjunktur
Wall Street: Berg- und Talfahrt nicht gestoppt

Der Einbruch kam nicht unerwartet. Mit dem überraschend drastischen Rückgang der US-Einzelhandelsumsätze von 2,4 % im September im Vergleich zum Vormonat hatte aber keiner gerechnet.

ddp WASHINGTON. Nach dem Terror-Schock vom 11. September machten die amerikanischen Verbraucher, die zu zwei Dritteln zum gigantischen eigenen "Wirtschaftskuchen" beitragen, ihre Portemonnaies einfach nicht mehr auf. Angst vor weiteren terroristischen Anschlägen, Sorge um den Arbeitsplatz nach der Streichung von seither mehr als 200 000 Jobs in der Gesamtwirtschaft, Hiobsbotschaften über Kurseinbrüche an der Wall Street und damit verbundene Unsicherheit über künftige Aktienerträge stoppten den Neukauf von Autos (minus 4,6 %) oder Bekleidung (minus 5,9 %) abrupt ab.

"Die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession, der Einzelhandel ist besonders betroffen, und die Umsätze werden weiter niedrig ausfallen", sagt Wirtschaftsexperte Ray Stone von der Finanzberatungsfirma Stone&McCarthy. Die amerikanische Börse mit ihren Schlüsselindizes Dow Jones und der technologielastigen Nasdaq, die in der vergangenen Woche ihre Aufwärtsbewegung fortgesetzt und die Verluste seit der Terror-Katastrophe fast wieder wett gemacht hatte, reagierte am Freitag prompt verschnupft. Eine neue Talfahrt setzte ein - wenn auch unter moderaten Vorzeichen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor kommt jetzt aber noch hinzu: Mit neuen, bislang ungeklärten Fällen von Milzbrand bei der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC in New York und jetzt auch bei einem Büro des Softwaregiganten Microsoft im Bundesstaat Nevada grassiert auch unter Börsianern verstärkt die Angst vor Bioterror-Attacken. "Die letzte Börsenrallye war ein wenig voreilig", sagt denn auch Mark Zandi, Analyst bei Economy.com. "Der Nervenkrieg ist noch nicht vorbei."

Zum ersten Mal seit 1953 erwartet Zandi für die Weihnachtssaison gemessen am Vorjahresvergleich drastische Einbussen für den Einzelhandel - und andere Branchen. Das Verbrauchervertrauen der Amerikaner in die eigene Wirtschaft ist stark angekratzt. Das Problem von Überkapazitäten auf dem US-Markt, das von Experten schon vor der Terror-Katastrophe als "Achillesferse" der angeschlagenen Wirtschaft schlechthin bezeichnet wurde, bleibt daher bestehen. Eine Reihe von Konkursen im Einzelhandel, aber auch in der Luftfahrt-, Tourismus- und Technologieindustrie wird nicht ausgeschlossen.

Nach einem Wachstum mit einer Jahresrate von 1,3 % im ersten Quartal 2001 und nur noch 0,3 % in den Folgemonaten scheint die Rezession für die zweite Jahreshälfte und darüber hinaus fest programmiert. Größere Umstrukturierungen in einzelnen Branchen stehen zur Schadensbegrenzung an erster Stelle. Es sei gut möglich, dass "Fusionen die Effektivität wieder stärken und in diesem Sinne auch dem Verbraucher nutzen können", meint Timothy Muris, Chef der US-Handelskommission.

Konsolidierungen, die der Wirtschaft auf längere Sicht Auftrieb geben können, verheißen für amerikanische Arbeitnehmer - und damit Verbraucher und den Konsum - aber zunächst nichts Positives. Viele Ökonomen befürchten deshalb auch, dass die während der Clinton-Präsidentschaft historisch niedrige Erwerbslosenquote in den nächsten Monaten bereits bei über sechs Prozent liegen könnte - nach 4,9 % im August dieses Jahres und 3,9 % im vorigen Herbst.

Raum für positive Entwicklungen

Bei allen negativen Anzeichen gibt es aber auch genug Raum für positive Entwicklungen - vorausgesetzt, es kommt geopolitisch gesehen nicht zu einer neuen Katastrophe. Dass die ersten Militärangriffe der Amerikaner augenscheinlich erfolgreich verliefen, wurde von der Börse und der Bevölkerung erleichtert aufgenommen. Die mehr als entgegenkommende Geldpolitik der amerikanischen Notenbank (Fed), die schon vor den Terror-Anschlägen vom 11. September erste Früchte gezeigt hatte, sorgt im allgemein unsicheren Klima für weitere leichte Entspannung.

Nach den neuerlichen Fed-Zinssenkungen mit einem - gemessen an der niedrigen Inflationsrate - kurzfristigen Zins von derzeit fast null Prozent können Verbraucher und Firmen ihre Aktivitäten ruhiger angehen. Eine weitere Öffnung des Geldhahns - es wird von einem Rückgang der nominalen Tagesgeldzinsen (Federal Funds Rate) auf bis zu oder gar unter zwei Prozent ausgegangen - müsste im nächsten Jahr zur Konjunkturerholung beitragen. Hinzu kommt ein derzeit vom Weißen Haus und Kongress diskutiertes zusätzliches Ausgabenpaket von bis zu 120 Mrd. Dollar. "Mit all der fiskal- und geldpolitischen Stimulierung, die schon in die Wirtschaft gepumpt worden und noch weiter auf dem Weg ist, scheinen die Bedingungen für eine Erholung gegeben zu sein", sagt Oscar Gonzalez vom John Hancock Finanzservice in Boston. "Letztlich, mit all dem in der Wirtschaft herum schwimmenden Geld, werden wir auch wieder spendabler werden", fügt er hinzu.

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