Unsicherheit in der Wirtschaft
Weitere Zinssenkung der US-Notenbank gilt als sicher

Angesichts der ungewissen wirtschaftlichen Folgen der Anschläge in den USA wird die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) nach einhelliger Einschätzung von Volkswirten die Leitzinsen am Dienstag erneut senken.

Reuters WASHINGTON. Die US-Wirtschaft werde im zweiten Halbjahr schrumpfen, und eine Rezession sei schlimmer als ein möglicher Inflationsanstieg in Folge der aggressiven Zinssenkungen in diesem Jahr, sagten die Experten. An dem erwarteten "Minuswachstum" im zweiten Halbjahr änderten auch die zuletzt besser als erwartet ausgefallenen Konjunkturdaten nichts.

Die Fed hatte am 17. September kurz vor der ersten Handelsaufnahme der Wall Street nach den Anschlägen den Leitzins um 50 Basispunkte auf 3,00 % gesenkt. Jetzt ist unter Analysten nur noch das Ausmaß des nächsten Zinsschrittes umstritten. Bis zum Jahresende erwarten Rentenhändler den niedrigsten Leitzins seit fast 40 Jahren.

Wegen des Einbruchs im Einzelhandel und der Tourismusbranche sowie nur geringer Inflationsgefahren hält David Hale, Chef-Volkswirt von Zurich Financial Services in Chicago, eine weitere Senkung um 50 Basispunkte am 2. Oktober für gerechtfertigt. "In der Wirtschaft ist die Unsicherheit über viele kritische Punkte wirklich weit verbreitet. Am besten bewältigt man das, indem man eine Versicherung abschließt", sagte Hale.

Konjunkturdaten sorgen nicht für klares Bild

Der ehemalige Fed-Gouverneur Lyle Gramley warnte dagegen, die Fed würde mit einem weiteren großen Zinsschritt Furcht erkennen lassen. Notenbank-Chef Alan Greenspan sei darauf aus, Führungsstärke zu demonstrieren und keine Panik zu verbreiten. Die Fed könne sich jetzt nur vorantasten. "Niemand hat so etwas schon erlebt, deshalb wissen wir nicht, wie die Öffentlichkeit reagiert", sagte Gramley mit Blick auf die Attentate in New York und Washington, bei denen mehr als 6 000 Menschen ums Leben kamen.

Die jüngsten Konjunkturdaten vom September gaben Analysten zufolge noch kein klares Bild ab, da die Umfragen dafür zum Teil nach dem 11. September gemacht wurden. So war der Index des Verbrauchervertrauens der Universität Michigan endgültig mit 81,8 Punkten zwar noch besser als erwartet ausgefallen. Doch an den Konsumentenantworten der letzten Turnus-Woche - es war die zweite Woche nach den Anschlägen - war ein starker Einbruch der Stimmungslage abzulesen.

In dieser Woche lag das Baromter fast 20 Stellen tiefer, der Gesamtwert fiel mit einem Minus von rund zehn Punkten zum August auf den tiefsten Stand seit fast acht Jahren. Dies lasse auf erneut schwindende Zuversicht der Konsumenten, bis jetzt die Hauptstütze der schwachen Konjunktur, schließen, sagte Jade Zelnik von Greenwich Capital Markets.

Rückgang des BIP erwartet

Viele Volkswirte erwarten im zweiten Halbjahr 2001 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und eine Erholung frühestens im ersten Quartal 2002. Die Konsumausgaben, die zwei Drittel des BIP ausmachen, könnten jetzt sinken und damit die letzte Stütze der schwachen US-Wirtschaft einbrechen.

Auch am Arbeitsmarkt sind die Folgen der Anschläge bereits zu spüren. So stieg die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der Woche zum 22. September überraschend stark zur Vorwoche um 58 000 auf 450 000 - der höchste Stand seit mehr als neun Jahren. Allein in der Luftfahrtbranche haben schon rund 100 000 Beschäftigte ihren Job verloren.

Auch wenn die BIP-Daten des zweiten Quartals mit plus 0,3 % etwas höher ausfielen als von Volkswirten mit 0,1 % erwartet, ändert das nach Einschätzung von Alan Levenson, Chef-Volkswirt von T. Rowe Price Associates nichts an einer Rezession, in die die Wirtschaft bereits im dritten Jahresviertel gerutscht sein dürfte.

Greenspan sieht Gefahr für Wachstum

Auch US-Notenbankpräsident Greenspan sagte in der vergangenen Woche, die Anschläge hätten kurzfristig deutliche Auswirkungen auf die US-Wirtschaft. Verbraucherausgaben und Produktion seien bereits gesunken, die Wirtschaft sei zum Erliegen gekommen. Die Anschläge hätten das Potenzial, das Wachstum in den USA zu bremsen, das zuvor am Anfang einer Erholung gestanden hätte. Die langfristigen Wachstumsaussichten sieht Greenspan aber nicht gedämpft.

Die Fed hat in diesem Jahr schon acht Mal die Zinsen um insgesamt 3,5 Prozentpunkte gesenkt, um den Abschwung der US-Wirtschaft aufzuhalten. Mit 3 % ist der Tagesgeld-Zielsatz jetzt so tief wie vor rund sieben Jahren. Sollte er in der kommenden Woche auf 2,50 % reduziert werden, wie es die Sätze am Terminmarkt signalisieren, wäre das der niedrigste Leitzins seit Mai 1962.

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