Unter 2 000 bei langer Auseinandersetzung denkbar
Kurzer Krieg dürfte Dax auf 3 000 ziehen

Die meisten Strategen erwarten einen kurzen Krieg im Irak - und damit verbunden steigende Aktienkurse. Mittelfristig dürften die schlechten Fundamentaldaten aber in den Fokus rücken und die Börsen wieder belasten.

FRANKFURT/M/DÜSSELDORF. Auf den Beginn des Kriegs im Irak haben die deutschen Standardwerte gestern zunächst mit Gewinnen reagiert, sich dann aber abgeschwächt. Dies dürfte eine Reaktion auf die "Erleichterungsrally" in den vergangenen Tagen sein, die dem Deutschen Aktienindex (Dax) ein Plus von knapp 20 % brachte. Für die Kursentwicklung in den nächsten Wochen sind viele Investmentstrategen aber weiter optimistisch. Denn sie rechnen mit einem kurzen Krieg.

Gleichzeitig betonen die Experten aber, dass der Aktienmarkt einbrechen dürfte, wenn sich der Krieg länger als erwartet hinzieht. Und Analysten warnen generell davor, die Situation mit der von 1990/91 zu vergleichen. Damals stiegen Aktien nach Beginn des militärischen Einsatzes der Amerikaner; der Ölpreis brach in Erwartung eines raschen Friedens ein. Allerdings war die Weltwirtschaft vor zwölf Jahren in besserer Verfassung.

"Momentan erwarten über 90 % der Marktteilnehmer einen kurzen Krieg", sagt Aktienexperte Bertrand Schmitt von der Société Générale in Paris. Er räumt einer langen Dauer "nur maximal 10 % Wahrscheinlichkeit" ein. Werde der Konflikt recht schnell gelöst, werde der Ölpreis nachgeben, das Vertrauen der Anleger dürfte zurückkehren - und die Aktienkurse könnten anziehen. "Zwar ist ein Großteil dieser Erwartung schon in den Kursen eingepreist, aber ein Plus von 10 % ist noch drin", sagt Schmitt.

Die Deutsche Bank rechnet in ihrem "Basisszenario" - dem Sturz des irakischen Regimes innerhalb von vier bis sechs Wochen - mit einer "spürbaren Erholung der Finanzmärkte". Sowohl Commerzbank Securities als auch die Landesbank Rhein- land-Pfalz erwarten, dass eine kurzfristige Rally den Deutschen Aktienindex (Dax) sogar auf bzw. über 3 000 Punkte ziehen könnte. Wenn sich ein erfolgreiches Ende des Krieges abzeichne, dürfte nämlich eine von den USA ausgehende "kurzfristige Patriotenrally" zu erwarten sein, betonen die Experten der Landesbank. Sie sind optimistisch, dass es zu einer Erholung über mehrere Monate kommt. Schließlich habe sich Liquidität aufgestaut, und es mangele an Anlagealternativen.

Doch das bedeutet noch lange keine nachhaltige Trendwende am Aktienmarkt, sind sich die Experten sicher. So rät denn Rolf Elgeti, Commerzbank - Chefstratege für Europa in London, bei einem Dax-Stand von 3 000 Punkten Gewinne mitzunehmen. Denn nach einem solchen Aufschwung dürften langsam wieder die Fundamentaldaten in den Vordergrund treten - und die sehen düster aus. So erwarten Beobachter manch negative Überraschung im Rahmen der Quartalsberichte der Unternehmen, die ab Ende April anstehen. Experten mahnen zudem, auch ein für die Amerikaner erfolgreich zu Ende gehender Krieg könne nicht verdecken, dass Japan unverändert in der Rezession stecke, das größte Euroland Deutschland seine Strukturprobleme nicht angehe und die USA unter großen Ungleichgewichten wie Leistungsbilanzdefizit und Verschuldung leide.

Allerdings sollten sich Anleger auch klarmachen: Ein sich lange hinziehender Krieg im Irak hätte fatale Folgen für die Aktienmärkte. So betont ING-BHF-Bank-Researchleiter Kai Franke: "Bei einem langen und globalen Krieg mit Terror-Gegenschlägen des Iraks oder fundamentaler Trittbrettfahrer sind die Kursrückgänge an den Aktienmärkten überhaupt nicht kalkulierbar." Franke warnt Investoren deshalb davor, schon jetzt einseitig auf das optimistische Szenario zu setzen.

Auch Schmitt meint, in diesem Fall sei es schwer vorauszusagen, wo die Börse einen Boden finden werde. Er sagt, es wäre möglich, dass der Dax unter 2 000 Punkte fällt; einige Charttechniker rechnen ebenfalls mit einem Fall unter diese Marke. Schmitt: "In dieser Lage denken die Anleger nicht mehr rational, ihr Vertrauen ist verflogen."

Elgeti sagt, ein längerer Krieg werde die Börse zwar belasten; eine Ursache für einen starken Kursrutsch sei dies aber nicht - denn ohnehin würden die Fundamentaldaten wie Unternehmensergebnisse wieder mehr in den Blick der Anleger rücken. Sein Anlagetipp für diese Börsenzeiten sind Discountzertifikate, über die man Aktien oder Indizes mit einem Preisabschlag gegenüber den aktuellen Börsenkursen beziehen kann. Denn diese Papiere profitieren von der hohen Volatilität, bieten in bestimmten Grenzen einen Puffer gegen Verluste - und damit können Anleger zudem an einer leichten Aufwärtsbewegung profitieren, die ja die meisten Analysten erwarten.

Für Anleihen würde das Szenario eines kurzen Krieges bedeuten: Der Ölpreis sinkt, die Konjunktur kommt in Schwung, die Zinsen steigen - und die Anleihenkurse sinken, wie Peter Müller vom Fixed Income Research von Commerzbank Securities erklärt (siehe "Bulle & Bär"). Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe könnte dann bis auf 4,50 % von derzeit etwa 4,19 % steigen, sagt Müller.

Würde der Krieg indessen länger dauern, dürfte der Ölpreis hoch bleiben - ebenso wie die Unsicherheit der Anleger -, und die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe könnte bis auf 3,80 % fallen.

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