Unter Joops Extratouren litten die Wünsche-Chefs
Joop fortan ohne Wolfgang

Die kriselnde Wünsche-Gruppe hatte Joop Investitionen in Millionenhöhe verweigert. Jetzt geht Wolfgang Joop. Der Designer wird seine restlichen Anteile an der Joop GmbH an die Wünsche AG verkaufen. Das Unternehmen muss künftig ohne seinen Kreativstar auskommen.

HAMBURG. Warum ist Wolfgang Joop nicht hier, sondern immer nur in Talkshows", brüllt ein hagerer, älterer Mann auf dem Rednerpodium der Hamburger Fisch-Auktionshalle in die Menge. Er ist Kleinaktionär, hat einen Teil seiner Ersparnisse in Anteile des Textilkonzerns Wünsche AG investiert - und jetzt will er den Star der deutschen Modebranche sehen, den er für mitschuldig am Wertverlust seiner Aktien hält.

Doch von Deutschlands bekanntestem Edeldesigner war auf der Wünsche-Hauptversammlung im vergangenen Jahr nichts zu sehen. Lediglich der Geruch seiner neuesten Parfüm-Kreation Rococo weht durch den großen, kaum beheizten Raum - ein Pröbchen für die Aktionäre.

Für die börsennotierte Wünsche AG (Cinque, Miles, Jansen Textil) ist die im Februar 1998 erworbene Joop GmbH zwar die wichtigste Perle im Konzern. Der in Potsdam geborene Modeschöpfer ließ sich jedoch kein einziges Mal auf einer Aktionärsversammlung des Mehrheitsgesellschafters blicken. Die Kleinaktionäre dürften den stets braun gebrannten, blond gesträhnten Darling des Lifestyle-Business wohl auch nicht mehr zu Gesicht bekommen. Denn der Designer will sich nach dreijähriger Zusammenarbeit endgültig aus der Wünsche-Gruppe zurückziehen.

Ausstieg soll nächste Woche offenkundig werden

Der 56-jährige Multimillionär steht kurz davor, seine noch verbliebene Mini-Beteiligung von fünf Prozent an der Joop GmbH an den Mehrheitsgesellschafter abzugeben und damit die Marke Joop der schon seit Jahren kriselnden Wünsche AG zu überlassen.

Edwin Lemberg, Pressesprecher und Lebensgefährte von Wolfgang Joop, will sich hierzu zwar nicht äußern. Auf Weisung des Wünsche-Vorstands dürfe er mit der Presse nicht über unternehmensinterne Vorgänge des Joop-Imperiums reden. In sehr nahen Firmenkreisen heißt es hingegen, dass der endgültige Ausstieg möglicherweise noch vor der Bilanzpressekonferenz der Wünsche AG nächste Woche Donnerstag verkündet werden soll.

Wünsche-Vorstand Peter H. Miebach wiegelt hingegen ab. Der ehemalige Finanzchef des Hamburger Zigarettenriesens Reemtsma beschwichtigt, dass derzeit "in sehr freundschaftlicher Atmosphäre" Gespräche über die weitere Zusammenarbeit mit Joop geführt werden. Der Modedesigner solle "langfristig Gesellschafter der Joop GmbH" bleiben.

Das Joop-Geschäft läuft nicht mehr gut

Tatsächlich ist der endgültige Bruch zwischen Joop und der Wünsche-Spitze schon einige Monate alt. Der Auslöser: Joop war beim Vorstand des Mehrheitsgesellschafters abgeblitzt, als er eine kräftige Finanzspritze gefordert hatte. Wünsche sollte einen hohen zweistelligen Millionenbereich investieren - unter anderem in eine Werbeoffensive, die das In- und Auslandsgeschäft ankurbeln sollte.

Denn das Joop-Geschäft läuft längst nicht mehr so gut wie zu besten Zeiten. Vor allem sind etliche Großhandelskunden bei Damenoberbekleidung abgesprungen. Zudem stecken einige der knapp 20 Lizenzpartner von Joop in einer Finanzklemme und warten dringend auf Hilfen aus der Konzernzentrale. Doch der Wünsche-Vorstand hält sich mit Kapitalspritzen zurück.

Ihm bleibt auch nichts anderes übrig. Denn die Banken räumen dem mittelständisch-geprägten Textilkonzern, der jahrelang unter der undurchsichtigen Beteiligungspolitik und dem Missmanagement des Hamburger Kaufmanns Kai Wünsche litt, keine großen Kredite mehr ein.

Aus dem Börsengang der Joop GmbH wurde nichts

Und auch die neuen Großaktionäre, die Wünsche nach und nach die Aktienmehrheit abkauften, wollen der Firma nicht erneut finanziell unter die Arme greifen. Dazu gehören der Hamburger Immobilienmulti Albert Büll, der in der Schweiz lebende Steuerexperte Richard Orthmann sowie der Beate-Uhse-Sohn Ulrich Rotermund. Sie hatten bereits im vergangenen Jahr eine dringend notwendige Kapitalerhöhung fast allein zeichnen müssen, da sich an der Börse kaum ein Anleger für die Aktien fand.

Das Trio hatte geplant, sich das eingesetzte Kapital über einen Börsengang der Joop GmbH zurückzuholen. Doch daraus wurde nichts. Der Wünsche-Vorstand musste bereits im vergangenen Jahr öffentlich eingestehen, dass das Joop-Imperium wohl nicht vor 2003 börsenreif sein werde. Und nach dem Rückzug des Designers dürfte es äußerst schwierig werden, die Aktien überhaupt noch zu platzieren.

Das Wünsche-Management hofft, die Marke auch ohne Wolfgang Joop am Leben halten zu könen. Dass das funktionieren kann, hat das Beispiel Jil Sander gezeigt. Die Gründerin und Chefin der Jil Sander AG hatte sich nach dem Einstieg des italienischen Modeimperiums Prada zwar schnell mit dessen Chef Patrizio Bertelli überworfen und das Unternehmen Hals über Kopf verlassen. Doch der Konzern mit Sitz im noblen Hamburger Stadtteil Pöseldorf ist auch ohne die kreative Ader der ehemaligen Chefschneiderin überlebensfähig. Der Umsatz ist zuletzt sogar kräftig gestiegen.

Stardesigner soll Konzernsanierung nicht erschweren

Dass der Prada-Chef Jil Sander die Tür wies, lag auch an den Eigenwilligkeiten der Modemacherin. So hielt sich die "Queen of Less", die wegen ihrer schlichten Schnitte international bekannt wurde, nach dem Aktionärswechsel nicht an Absprachen mit dem Prada-Chef. Sie agierte weiterhin nach Gutdünken, als ob ihr das Unternehmen gehören würde.

Ähnliche Probleme möchte der Wünsche-Vorstandsvorsitzende Gerhard Janetzky vermeiden. Janetzky, seit April im Amt, will den Konzern sanieren. Der Stardesigner in seiner sprunghaften Laune soll ihm die Aufräumarbeiten nicht erschweren - etwa, indem er mal wieder Journalisten ungeschönt hinter die Kulissen des Modeimperiums blicken lässt.

Unter Joops Extratouren hatte bereits der ehemalige Wünsche-Chef Peter Littmann zu leiden, unter dessen Ägide die Joop GmbH übernommen wurde. So hatte der Designer die Managementfähigkeiten seines Duz-Freundes und früheren Chefs des Herrenausstatters Hugo Boss öffentlich mehrfach angeprangert, als er merkte, dass die Restrukturierung der Wünsche AG unter dem einstigen Wunderkind der Modebranche zu scheitern drohte.

Wünsche-Börsenkurs erholte sich nicht mehr

Joop vergaß darüber sogar die Männerfreundschaft zu Littmann: Der eigenwillige Couturier sagte dem "Spiegel": "Littmanns Luftschlösser waren von Anfang an derart gewaltig, dass ich wusste, sie würden sich schnell verflüchtigen." Littmann sei "kein Manager, sondern ein Wirtschaftsmannequin".

Die Folgen waren fatal: Der Börsenkurs der Wünsche AG krachte in den Keller und erholte sich seither nicht mehr. Littmanns Plan, mit der Wünsche AG ein zweites Imperium nach Art von Hugo Boss aufzubauen, scheiterte. Der Manager musste seinen Posten im Oktober 1999 räumen und sucht seither vergebens nach einer neuen Führungsposition in der Textilbranche. Auf die Hilfe seines alten Duzfreundes Joop will er nicht mehr zurückgreifen. Er redet ihn ohnehin nur noch mit "Sie" an.

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