Unter US-Anwälten ist der Wettbewerb um streitfreudige Mandanten ausgebrochen
Auf der Suche nach der Millionen-Dollar-Lunge

"Gehört dieses Geld Ihnen? Finden Sie heraus, bei welchem Unternehmen Sie profitieren können", wirbt das Plakat in der U-Bahn gleich für die gesamte Palette von Sammelklagen. "Finden Sie heraus, ob auch Sie eine Millionen-Dollar-Lunge haben", ruft eine andere Werbung zum Röntgentest nach Asbestschäden auf.

HB DÜSSELDORF/NEW YORK. Von der Klagewut der Amerikaner profitieren vor allem die mehr als eine Million Rechtsanwälte, die derzeit in den USA zugelassen sind. "Ambulance-Chaser" nennen Amerikaner jene verrufene Kategorie, die keine Methoden scheut, um Mandanten zu finden: Am liebsten würden sie noch den Opfern im Krankenwagen ihre Visitenkarte in die Hand drücken.

Besonders lukrativ sind die Sammelklagen, in denen ein Kläger stellvertretend für eine ganze Gruppe von Betroffenen steht. Kläger können sich einfach an eine bestehende Klage hängen, wenn sie sich durch das gleiche Produkt oder durch den gleichen Dienst gefährdet sehen. Da die meisten Rechtsanwälte auf Erfolgsbasis arbeiten -- bezahlt wird nur, wenn der Fall gewonnen wird - ist das Einreichen der Klage zunächst umsonst.

Die Kanzleien gehen dagegen ein erhebliches finanzielles Risiko ein. Gerichtskosten, Zeugen vorladen, monate- oder jahrelange Recherche - all das müssen sie erst einmal vorfinanzieren. Aber der Preis lohnt sich: Anwälte können durchschnittlich ein Drittel der Summe einstreichen, die am Schluss bezahlt wird. Bei den enormen Entschädigungssummen kann das durchaus lukrativ sein: Der Pharmakonzern Wyeth (ehemals American Home Products) hat für die Klagen wegen der lebensgefährlichen Schlankheitskur Fen-Phen 14,6 Mrd. Dollar zurückgestellt. Von den 54 Mrd. Dollar, die die Asbest-Klagen bis zum Jahr 2000 die Industrie gekostet haben, gingen nach Schätzungen des Rand Institute for Civil Justice nur 39 % an die Betroffenen. 27 % ging für die Anwälte der Kläger, für Gutachter als Zeugen und andere Gerichtskosten drauf. Und weitere 34 % strichen die Kanzleien ein, die die Unternehmen verteidigten.

Denn nicht nur die Anwälte der Kläger verdienen gut. "Für jede Klage gibt es auch mindestens einen Verteidiger auf Seiten der Unternehmen", bemerkt Joseph Grundfest, Jura-Professor der Universität Stanford.

Dabei gibt es eine klare Trennung zwischen den Kanzleien. Kanzleien, die auf die Klagen der Geschädigten spezialisiert sind, vertreten keine Unternehmen. Umgekehrt gilt das Gleiche für Kanzleien, die auf Seiten der Unternehmen stehen. Anwälte, die Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen beraten, nehmen grundsätzlich keine Klagen gegen Unternehmen an. Die Gefahr des Interessenkonflikts wäre zu hoch.

Zu den bekanntesten Anwaltskanzleien auf Seiten der beklagten Unternehmen gehört Milberg Weiss Bershad Hynes & Lerach LLP mit 200 Anwälten. Die New Yorker Kanzlei ist nach eigenen Angaben in ihrer 35-jährigen Geschichte für Entschädigungszahlungen in Höhe von 30 Mrd. Dollar verantwortlich. Die Kanzleien auf Seiten der Kläger sind meist deutlich kleiner als die Großkanzleien mit ihren Tausenden Mitarbeitern, die sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert haben.

Die neueste Mode sind Anlegerklagen. Bei den Klagen von geschädigten Aktionären versuchen sich auch neue, weniger bekannte Kanzleien. Zwar drücken die mächtigen Pensionsfonds, die häufig hinter den Aktionärsklagen stehen, ein wenig die Preise.

Aber das Geschäft bleibt lukrativ: Im Fall gegen die Apotheken- und Drogeriekette Rite Aid erhielten die Anwälte 50 Mill. Dollar von insgesamt 193 Mill. Dollar. Aktionäre hatten 1999 geklagt, nachdem Rite Aid die Gewinne um 1,6 Mrd. Dollar nach unten korrigiert hatte.

Im Bilanzfälschungsfall gegen das Entsorgungsunternehmen Sunbeam Corp. einigten sich die beiden Seiten im vergangenen Jahr auf eine Zahlung von 141 Mill. Dollar - 36 Mill. Dollar davon gingen an die Anwälte.

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