"Unterhaltung schlägt alles"
Journalistische Recherche wenig angesehen

Um die intensive journalistische Recherche ist es in Deutschland nach Ansicht von Reportern schlecht bestellt. Der so genannte investigative Journalismus stoße allzu oft an finanzielle und juristische Grenzen und sei gesellschaftlich kaum anerkannt, beklagte der ARD-Journalist Christoph Maria Fröhder am Freitag in Frankfurt.

dpa FRANKFURT/MAIN. Auch Thomas Leif, Chefreporter beim Südwestrundfunk, kritisierte, qualitativ hochwertige Recherche werde hier zu Lande nicht anerkannt.

Bei einer Tagung zum Recherchejournalismus in Deutschland und den USA sagte Leif, die politische Publizistik werde immer mehr an den Rand gedrängt: "Unterhaltung schlägt alles." Die Aufdeckung politischer oder wirtschaftlicher Skandale werde nur als Enthüllungsjournalismus und damit als Spielart der Unterhaltung toleriert. An intensiv recherchierten Fakten über dubiose Vorkommnisse in Politik oder Wirtschaft sei die demokratische Öffentlichkeit nicht interessiert.

Als Feinde des Recherchejournalisten machte Leif eine "boomende Public-Relations-Industrie" aus, die Antworten auf journalistische Fragen verschleiere. Politiker verweigerten harte Interviews und perfektionierten die Kunst, auf Fragen gar nicht zu antworten, sondern nur die eigene Darstellung zu verbreiten. Hinzu komme, dass Informanten mit drakonischen Strafen zu rechnen hätten oder von übergeordneten Stellen in Behörden oder Parteien massiv eingeschüchtert würden. In der Wirtschaft sei es darüber hinaus inzwischen üblich, große Summen zu zahlen, damit schon geschriebene kritische Artikel gar nicht erst veröffentlicht werden.

Investigativer Journalismus soll gefördert werden

Fröhder kritisierte, langfristige Recherche zu bestimmten Themen gebe es in Deutschland praktisch nicht: "Nur wenige Einzelgänger unter den Journalisten oder die ganz großen Medien können sich den Recherchejournalismus leisten." Wer professionell recherchiere, werde gemeinhin als Schnüffler angesehen, Politiker etwa mieden den Kontakt zu solchen Reportern. Die große Recherche lohne sich kaum noch, weil Hintergrundgespräche nicht bezahlt würden und es immer schwieriger werde, eigenständig aufgespürte Themen bis zur Veröffentlichung geheim zu halten.

Zur Stärkung der intensiven journalistischen Recherche hat Leif mit Kollegen im Frühjahr das "Netzwerk Recherche" gegründet. Nach amerikanischem Vorbild soll damit der investigative Journalismus in Deutschland gefördert werden. Schon in der Ausbildung von Journalisten müsse dieses Thema weitaus stärker als bisher berücksichtigt werden, forderte Leif als Vorsitzender des Netzwerkes. Für 2002 plant seine Organisation die Vergabe von Recherchestipendien ebenso wie einen Anti-Preis für die "beste Informationsblockade". Für die "Verschlossene Auster" habe das Netzwerk bereits "zwei bis drei Ministeriumssprecher im Blick", kündigte Leif an.

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