Unternehmen
Angriff aus dem All

Gebeutelten Kabelanbietern wie Ish und der Telekom droht neue Gefahr: Dienstag früh schießt die Luxemburger SES Global den größten privaten Kommunikationssatelliten ins All. Auch Konkurrent Eutelsat greift mit digitalem TV und Breitband-Internet an. Der Wettbewerb wird härter.

Die Halle sieht aus wie der größte Eierkarton der Welt. Zigtausende Styropor-Zylinder ragen in den Raum. Mittendrin steht auf einer gewaltigen Hebebühne ein in Goldfolie verpacktes Gebilde, etwas Elektronisches, ein Satellit. Hier, in einem schnöden Industriegebiet am Rande der französischen Glamour-Metropole Cannes, simuliert die Weltraumtochter des französischen Telekomausrüsters Alcatel auf der Fläche einer Dreifachturnhalle, wie sich Stille anhört im All. Auch am Boden hört man kaum einen Laut.

Normalerweise. Denn an diesem verregneten Tag an der Côte d?Azur dürfen Besucher in die schallisolierte Halle, in der die Sender und Empfänger getestet werden. VIP-Alarm, die Spitze des weltgrößten Satellitenbetreibers, der SES Global aus Luxemburg, ist zu Besuch, die Bosse des Top-Kunden haben sich zur Besichtigung grüne und hellblaue Alcatel-Kittel überziehen müssen, alle haben weiße Häubchen auf dem Kopf. Wie die Teletubbies stehen sie da, ein Spitzenmotiv für die Luxemburger Hoffotografen .

Natürlich ist Romain Bausch dabei, der Konzernchef, und mit ihm Ferdinand Kayser, Chef der SES Astra, der europäischen Sparte von SES Global. Die Luxemburger Firma hat das komplett in Mylar-Folie verpackte Goldpaket oben auf der Hebebühne bezahlt, schätzungsweise 150 Millionen Dollar. Morgen ganz in der Früh soll es vom kasachischen Baikonur aus mit einer russischen Proton-Rakete ins All fliegen.

"Da sehen Sie einen der ultraleichten Reflektoren", sagt Jean Louis Soula. Der kleine, quirlige Mann aus Toulouse ist Ingenieur und Projektleiter, aufgedreht wie ein Kreisel wuselt er umher, erklärt hier, erklärt da, dauernd in Bewegung. Die Nervosität ist sichtbar. Für Soula und seine Firma steht viel auf dem Spiel.

Astra 1k ist nicht irgendein neuer in der Flotte aus 29 Satelliten von SES Global. Astra 1k ist der größte private Kommunikationssatellit, der je gebaut worden ist. Er überträgt Fernsehen und Radio analog und digital. Und er kann Breitband-Internet. Die Alcatel-Techniker haben derartig viele neue Teile eingebaut, dass sie nun einen technischen Vorsprung von ein bis zwei Jahren für sich reklamieren. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis das mehr als sechs Meter hohe und gut fünf Tonnen schwere Ding endlich startet. Wenn aber alles klappt und sich in 36 000 Kilometern Höhe über dem Äquator die 37 Meter breiten Sonnenkollektoren des Satelliten öffnen, dann muss sich der amerikanische Kabelinvestor Robert Callahan mit seiner deutschen Wackelfirma Ish noch wärmer anziehen. Und auch Kai-Uwe Ricke von der Telekom hat noch ein Problem mehr.

"Das Kabel verliert täglich an Wert", sagt Jürgen Doetz, Chef des Verbands Privater Rundfunk- und Telekommunikation. Von einem Erlös von 5,5 Milliarden Euro, wie er einst der Deutschen Telekom für ihr Kabelnetz in Nord- und Ostdeutschland winkte, träumt längst keiner mehr. Allenfalls zwei Milliarden, hieß es am Freitag an der Börse, sei das Kabel noch wert. Fast schon verzweifelt hoffen private Fernsehanbieter, dass die Telekom jetzt endlich einen Käufer findet. Astra 1k fliegt zur Unzeit ins All.

Außerdem ist da ja auch noch Ferdinand Kayser. Vor noch gar nicht langer Zeit war "Ferd", wie er bei Astra heißt, einer der Kronprinzen von Leo Kirch und Chef beim Pay-TV-Sender Premiere. Jetzt wird der Fernsehprofi aus Luxemburg, der so schön pfiffig lächeln kann, den Kabelgesellschaften das Überleben mit Astra 1k so schwer wie möglich machen.

In Cannes lässt sich der Astra-Chef fast jedes Detail seines neuen Prunkstücks erläutern. Die dazugehörigen Geschäftsmodelle hat er selbst entwickelt. Der Angriff aus dem All läuft in zwei Wellen: Zum einen will SES das Geschäft mit Hochgeschwindigkeits-Internet per Satellit ausbauen. Hier zeigt der Großrivale Eutelsat aus Paris bereits, was in dem Markt möglich ist. Vor wenigen Wochen erst hat Eutelsat zwei Satelliten an den Himmel befördern lassen, zwei Tage nach Astra 1k soll mit dem Eutelsat Hot Bird 7 ein weiterer hochmoderner Satellit für Internet und TV starten. Von der Krise der erfolgsverwöhnten Satellitenindustrie jedenfalls kann keine Rede mehr sein. Nach einem Knick im vergangenen Jahr, als weltweit nur 16 kommerzielle Satelliten ins All geschossen wurden, werden es dieses Jahr schon wieder mindestens 33 sein. Ihr Wert: 3,4 Milliarden Dollar.

Da die Satelliten der neuen Generation Alleskönner sind, rollt die zweite Angriffswelle vom Himmel den Kabelgesellschaften nun ungebremst ins Kontor. Die Kampagne ist in der SES-Zentrale im schönen Luxemburger Château Betzdorf entwickelt worden: Astra wendet sich, unterstützt von Premiere, direkt an deutsche Hausbesitzer oder Hausverwaltungen. Viele von ihnen sind auf das Kabel nicht mehr gut zu sprechen, seit die Gesellschaften die Gebühren zwar zum Teil drastisch erhöht haben, andererseits aber nicht in der Lage sind, das zukunftsträchtige digitale Fernsehen überall problemlos anzubieten.

So kämpft Ish in Nordrhein-Westfalen seit Monaten mit gewaltigen Problemen. Allein im Sommer verlor das Unternehmen binnen weniger Wochen 150 000 Abonnenten. Die meisten von ihnen dürften sich eine neue Schüssel aufs Dach gesetzt haben. Das liegt umso näher, als immer mehr Deutsche nach digitalem TV verlangen. Denn das Programmangebot per Satellit ist digital fast unbegrenzt. Was heute schon machbar ist, zeigt Eutelsat: Die Pariser haben für den deutschen Markt Visavision aufgelegt, ein Programmpaket mit 19 ausländischen Kanälen, darunter türkische, russische und ein arabisches Programm. "Kabelnetzbetreiber und Wohnungswirtschaft haben auf das digitale Angebot ausgesprochen positiv reagiert," sagt Volker Steiner, Commercial Director von Eutelsat.

Auch Bernhard Steimel, IT-Experte von Heitzig Consult und Mitautor einer Studie über die Zukunftschancen der Kabelnetze, weiß, wie groß die Herausforderung "Satellit" für die Kabelgesellschaften ist: "Beim digitalen TV haben Astra und Eutelsat derzeit keine nennenswerte Konkurrenz." Über die Zukunft des Satelliten entscheide eine Kundschaft mit, deren Marktmacht meist unterschätzt werde: Hauseigentümer oder Wohnungsgesellschaften. "Die versorgen fast elf Millionen Wohnungen in Deutschland", erläutert Steimel ihre Bedeutung. Astra und Premiere fördern nun gezielt deren technische Unabhängigkeit von den Kabelgesellschaften. Heins-Peter Labonte, Vorsitzender des Kabelverbands FRK: "Es gibt jetzt viel mehr Freiheit."

Astra 1k soll diese Chance nutzen. Der Preisverfall der Hardware ist seine Chance: "Eine Empfangsanlage hat sich für den Hausbesitzer in noch nicht einmal einem Jahr gerechnet", sagt Kayser. Das stimmt umso mehr, als die Telekom ihre Preise für die Kabelversorgung zum 1. November teilweise deftig erhöht hat. Was aber wird dann aus den Kabelgesellschaften der Telekom und den neuen Investoren? Der Astra-Chef zuckt mit der rechten Schulter und lächelt.

Der Winter wird hart für die Kabelanbieter. Das Aushängeschild des Kabelbetreibers Ish etwa, die Minis, die auf den Straßen im Westen noch vor Kurzem fast allgegenwärtig waren, wird Stück für Stück ausgemustert. Und zahllose Abonnenten, die das Kabel gekündigt und sich eine Schüssel aufs Dach geholt haben, können heute parallel empfangen: Christian Ebeling*, Lehrer aus Bonn: "Im Juni habe ich das Kabelabo gekündigt. Aber bis heute ist noch niemand vorbeigekommen, um den Anschluss abzuklemmen."

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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