Unternehmen bauen Netzwerke auf
Biotechnik drängt in klassische Chemie

Die Biotechnologie könnte der "ergrauten Dame Chemie" bald einen zweiten Frühling bescheren: Von neuen Produkten wie Biokunststoffen oder Pflanzen als "Chemiefabriken" verspricht sich die Branche Umsatzschübe. Experten erwarten, dass Biotechnik bald ein Drittel des Chemiemarkts bestimmt.

DÜSSELDORF. Der US-Chemiekonzern Dow Chemical hat den Stoff, aus dem die Öko-Träume sind: PLA, ein Kunststoff, aus dem Joghurtbecher oder Bonbonpapier hergestellt werden können, und der sich nach Gebrauch binnen 60 Tagen auf dem Komposthaufen in natürliche Bestandteile auflöst.

PLA ist zwar noch wesentlich teurer als herkömmlicher Kunststoff auf Rohölbasis, doch Dow will Vorreiter sein: Der Konzern baut derzeit in den USA eine Produktionsanlage für PLA, der biotechnisch etwa aus Mais hergestellt wird. Er soll Kunststoffen wie Polyester Konkurrenz machen. Annähernd 200 Mill. $ steckt der Konzern in das Projekt.

Dows Ambitionen mit dem Bio- Kunststoff zeigen, welche Chancen sich die Chemieindustrie von der Biotechnik erhofft. Von Produkten wie Biopolymeren, Biostahl aus Spinnenseide und Pflanzen als Chemiefabrik versprechen sich die Konzerne neue Umsatzschübe. Zurecht, glaubt Wiebke Schlenzka von der Unternehmensberatung McKinsey: "Biotechnik kann der ergrauten Dame Chemie einen zweiten Frühling bringen", sagt sie. In einer Studie schätzt McKinsey, dass Biotechnik bis 2010 ein Drittel des Chemiemarktes erobern kann - durch neue Produkte und Ersatz traditioneller Herstellungsverfahren.

Chemiekonzerne gehen Allianzen mit Biotechfirmen ein

Die Chemiekonzerne halten dies zwar für ein hoch gegriffenes Ziel, doch sie treiben die Entwicklung voran und gründen Allianzen mit jungen Biotechfirmen. Zugleich richten die Konzerne ihre Forschung neu aus. Der US-Konzern Du Pont will bis zum Jahr 2010 ein Viertel seiner Produktion auf Biotechnik umgestellt haben. Dann sollen Mikroorganismen Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen, gentechnisch veränderte Pflanzen sollen Chemikalien kostengünstiger und mit weniger Energieaufwand produzieren als es heute auf Rohölbasis möglich ist.

Deutsche Konzerne folgen der Konkurrenz mit etwas Verspätung: Die BASF AG hat die Tochtergesellschaft BASF Plant Science gegründet, die 700 Mill. Euro für die Erforschung und gentechnische Entwicklung neuer Pflanzen ausgeben darf. Konkurrent Bayer will bald mit einem Biotech-Partner in die Pflanzengentechnik einsteigen.

An Ideen mangelt es Konzernen und Forschern nicht: So arbeitet der Mikrobiologe Prof. Alexander Steinbüchel an der Uni Münster an biologisch abbaubaren Biokunststoffen, die traditionelle Fasern ersetzen könnten. Du Pont entwickelt mit der US-Biotechfirma Nexus einen "Biostahl", der belastbarer als Stahl sein soll. Er besteht aus Proteinen von Spinnenfäden, die als äußerst reißfest gelten. BASF und Bayer wollen Pflanzen genetisch so gestalten, dass sie massenweise Chemikalien oder Nahrungsmittelzusätze produzieren und den chemischen Herstellungsverfahren überlegen sind.

Doch davon sind die Chemiefirmen noch weit entfernt. Hans Kast, Chef von BASF Plant Science, ist skeptisch, ob Biotech bereits in zehn Jahren 30 % des Chemiemarktes bestimmen wird. "Biotechnik wird sich nur durchsetzen, wenn sie Qualität garantiert - und die Verfahren und Produkte zugleich nicht teurer als die bisherigen sind." Noch dazu muss die Öffentlichkeit den Wandel unterstützen: Steinbüchel schätzt, dass sich viele Produkte nur dann am Markt bewähren, wenn ihre Massenfertigung mit Hilfe gentechnisch veränderter Pflanzen gelingt. Doch gerade die grüne Gentechnik stößt europaweit noch auf starke Ablehnung.

Firmen bauen Netzwerke auf

Ungeachtet dieses Risikos bauen Chemie- und Biotechfirmen ähnlich wie in der Pharmaindustrie ein Netzwerk auf. Zwar ist die Forschung noch in Universitäten und Konzernlabors konzentriert. Doch gründen sich erste Biotech-Startups aus Forschunginstituten aus - wie etwa die ostdeutschen Firmen Sungene und Novoplant, die sich mit der Pflanzengentechnik befassen.

Zu größeren Konkurrenten werden die Biotechfirmen für die Chemiekonzerne aber nicht heranwachsen, glauben Beraterin Schlenzka und BASF-Plant-Science-Chef Mast - anders als in der Pharmabranche, wo Biotechfirmen ihre Entdeckungen zunehmend selbst umsetzen und verkaufen wollen. Angesichts der kapitalintensiven Produktion würden die meisten Chemie-Biotechfirmen auf die Technologiezulieferung beschränkt bleiben.

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