Unternehmen
Begräbnis eines Mittelständlers

Wie nervöse Banken in schwierigen Zeiten mit einer angeschlagenen Firma umgehen - Die Geschichte einer Pleite in Deutschland

Niedernberg. Norbert Söhnlein und Roland Nicklaus wollen ganz sichergehen, dass ihr Schreiben auch ankommt. Also verschicken die Firmenkundenbetreuer der DG Bank in Nürnberg ihren folgenschweren Fünfzehnzeiler am 2. Mai 2001 gleich mehrfach an die m+s Elektronik AG im unterfränkischen Niedernberg: mit einfacher Post, als Einschreiben und per Fax.

Fast zeitgleich landet das Papier in den Telefonzentralen der AG und mehrerer Tochterfirmen. Die Mitarbeiter staunen. Die DG Bank habe der Presse entnommen, "dass Sie trotz eines Umsatzanstiegs von 984 Millionen Mark auf 1,25 Milliarden Mark statt des bislang angekündigten ausgeglichenen Ergebnisses wohl einen Betriebsverlust vor Steuern von mindestens 30 Millionen Mark verbuchen", steht da. Die Bank sehe die Rückzahlung möglicher Kredite gefährdet und kündige daher "die Kreditlinie in Höhe von 14 Millionen Mark mit sofortiger Wirkung". Dabei hat die Computerfirma bei der Bank Ende April noch keine Schulden. Ihr Konto steht mit 58 135,88 Mark im Plus.

Doch das spielt jetzt schon keine Rolle mehr. Denn mit dem Brief der DG Bank beginnt ein Prozess, der mit der Pleite eines Mittelständlers endet. Langsam, aber stetig wächst das Misstrauen gegenüber der Firma, bei Bankern, bald auch bei Kunden und Lieferanten. Ein halbes Jahr später wird die Lage in dem auf Handel und Reparatur von Computern spezialisierten Unternehmen außer Kontrolle geraten sein.

Auch weil ab einem bestimmten Punkt für die Gläubiger nur noch eins zählt: das eigene Geld zu sichern. Das gilt für die Banken, die m+s noch kurz zuvor für viel Geld an die Börse gebracht haben, genauso wie für ein Beteiligungsunternehmen. "Wir haben uns bei m+s im Vergleich zu anderen Firmen viel Mühe gegeben", sagt zwar einer der beteiligten Banker. Aber die Geschichte zeigt beispielhaft, wie deutsche Banken in konjunkturell schwierigen Situationen mit einem Mittelständler umgehen, dem gleich zwei renommierte Beratungsfirmen Sanierungsfähigkeit bescheinigen.

Der Mann, der seine Firma Ende 2001 verloren hat, steht an einem sonnigen Septembertag 2003 in seinem ehemaligen Büro im Niedernberger Industriegebiet Bollenäcker. Von hier aus hat Hans-Ulrich Mahr, 61, einst die Firma geführt, gemeinsam mit seinem Partner Theo Stripp. Auch heute noch surrt der gläserne Aufzug hoch in die Vorstandsetage. Die Flure im vierten Stock aber sind leer, das gemeinsame Büro der Gründer ist ausgeräumt. Nur ein dicker Strang Kabel hängt noch aus der Wand.

Mahr, ein schmaler, eher kleiner Mann im blauen Anzug, steht am Fenster und betrachtet die Reste seiner Karriere: das gewaltige Hochregallager zum Beispiel, das heute an einen Geschenkartikelhändler vermietet ist. Und die Halle, in der inzwischen eine andere Firma Computer repariert. Mahr hat es eilig, von hier wegzukommen. "Ich mag mir den Verfall nicht ansehen", sagt er.

Noch Ende 2000 ist Mahr ein gemachter Mann, ein Selfmade-Millionär amerikanischer Prägung. Mitte der 70er-Jahre gründen Stripp und er m+s. Sie ersetzen das Tor in Stripps Garage durch Glasbausteine, funktionieren den Raum zu ihrem ersten Büro um und machen aus der Zwei-Mann-Klitsche in den folgenden 25 Jahren einen kleinen Konzern: 1 900 Mitarbeiter, fast 670 Millionen Euro Umsatz. Die Kreditlinien von insgesamt sieben mal 14 Millionen Mark sind unbesichert; man vertraut ihnen.

Am 29. Februar 2000 erreichen die beiden den Gipfel, so scheint es ihnen: Die DG Bank bringt ihr Unternehmen an den Neuen Markt. Plötzlich dinieren sie mit den Vorständen der großen Banken. Die Nachfrage nach ihren Aktien ist gewaltig, sie könnten 21-mal so viele verkaufen wie sie anbieten.

Bald nach dem Börsengang beginnen jedoch die Probleme. Es ist die Zeit des scheinbar unbegrenzten Wachstums in der Computerbranche. Mahr und Stripp übernehmen sich. Sie haben in zwei Jahren sechs Firmen übernommen, die etwa 65 Millionen Euro aus dem Börsengang gehen für Zukäufe drauf. Die Personalkosten steigen drastisch, wichtige Vertriebsleute gehen zur Konkurrenz, das Management schafft es nicht, fällige Rechnungen rechtzeitig einzutreiben. Gleichzeitig schwächelt der Aktienkurs. An der Börse beginnt die große Depression, die Anleger ziehen sich generell vom Neuen Markt zurück. Als sich dann noch zwei Zukäufe als Desaster erweisen, zieht das Unternehmen die Konsequenzen: Ein neuer Finanzvorstand kommt, durch Abschreibungen und Rückstellungen für die Sanierung gehen 20 Millionen Euro verloren.

Das alles gibt das Unternehmen Ende April 2001 pflichtgemäß bekannt. Wenig Tage später geht das Fax der DG Bank ein. Es beginnt ein Drama, über das nur wenige Beteiligte offen reden wollen. Vor allem die Banken verweigern jede offizielle Äußerung. Aber die Geschichte ist gedeckt durch stapelweise Unterlagen und etliche Zeugenaussagen.

1. August, Zentrale m+s, Niedernberg: Eine eher kleine, schlanke Frau schreitet in den Glaskasten, in dem die m+s-Vorstände Gäste zu Besprechungen empfangen. Mahr und sein Finanzvorstand Claus Schulze-Oberländer haben Elisabeth Rahmer noch nie gesehen. Aber sie werden die Frau mit dem österreichischen Akzent kennen lernen in den kommenden Monaten. Die Herren, die bislang bei der Deutschen Bank für m+s zuständig waren, haben von diesem Tag an nicht mehr viel zu sagen: Rahmer übernimmt. Sie arbeitet für die Deutsche Bank in Frankfurt, steht im Rang einer Direktorin und ist für das Spezialkreditmanagement verantwortlich. Was das bedeutet, ist Mahr und Schulze-Oberländer schnell klar: Die Bank schickt ihre Kavallerie. Es geht ums Ganze. Mit einer "Stimme unter dem Gefrierpunkt" habe sie gleich eine ganze Liste an Forderungen vorgetragen, erzählt Mahr. Rahmer verlangt eine Besicherung der 14 Millionen Mark Kreditlinie und eine Übersicht über die privaten Immobilien von Theo Stripp, sie regt einen Bankenpool an und zweifelt an den von m+s eingeschalteten Unternehmensberatern. Mahr: "Ich wusste gleich, wenn du hier nicht parierst, dann bist du platt?."

12. September, Hilton, Frankfurt: Einen Tag zuvor sind in New York die Zwillingstürme des World Trade Centers eingestürzt. Die Welt steht unter Terror-Schock. Und sie befürchtet eine Rezession. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das hässliche Wort von der "Bankenkrise" die Runde macht. Keine Situation, die Kreditgespräche erleichtert. Schon gar nicht, wenn es um ein Unternehmen der kriselnden Computerbranche geht.

Morgens um 10 Uhr versammeln sich an diesem 12. September 18 Kreditexperten der sieben beteiligten Banken um eine U-förmige Tischreihe im Saal "5th Avenue" des Edelhotels. Vertreten sind neben Deutscher Bank und DG Bank auch die Commerzbank, die Dresdner Bank, die Hypo-Vereinsbank, die Sparkasse Miltenberg-Obernburg und die Sparkasse Aschaffenburg-Alzenau. Elisabeth Rahmer positioniert sich bereits am schmalen Ende der Tischformation. Sie gibt den Ton an in der Runde, und später wird die Deutsche Bank auch die Führung des Bankenpools übernehmen.

Es geht laut zu. Immer wieder ereifert sich ein Commerzbank-Vertreter über den "massiven Vertrauensbruch" des m+s-Vorstandes, der nicht über die zeitweilige Kündigung der Kreditlinie durch die DG Bank informiert habe. "Die Qualität von Argumenten und Umgangsformen war teilweise weit unter Niveau", sagt einer, der mit am Tisch saß. "Man merkte schnell, dass die Leute sich nicht wirklich für das Unternehmen einsetzen. Im Fokus stand bereits jetzt, die Interessen der Banken zu wahren."

Um 16.25 Uhr präsentiert Elisabeth Rahmer nach einstündiger Beratung mit den Kollegen die Position der Banken: Einen Pool wird es nur geben, wenn alle - also auch die DG Bank - mit 14 Millionen Mark hineingehen. Der Vertreter der DG Bank mag sich dazu aber nicht äußern. Die Familien Mahr und Stripp sollen Sicherheiten von zehn Millionen Mark liefern. Bis zur Entscheidung der DG Bank wollen die Banken stillhalten. Die Zentralen müssen die Ergebnisse allerdings noch absegnen. Ein Punkt scheint unumstritten: Wenn die Sanierung klappt, wollen die Banken eine "Erfolgsgebühr" von drei Millionen Mark.

21. September, Bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, München: Der Freistaat soll helfen, m+s die alte Kreditlinie von 98 Millionen Mark wieder zu beschaffen. Wirtschaftsminister Otto Wiesheu hat die Bankenrunde, dazu den Landrat des Kreises Aschaffenburg und den m+s-Vorstand nach München geladen. Ohne großes Palaver, so erinnert sich ein Beteiligter, greift Wiesheu die DG Bank an: "Im letzten Jahr fand der Börsengang statt. Die DG Bank hat daran verdient." Eine Bank, die eine Firma an die Börse gebracht habe, verabschiede sich nach einem Jahr. "Das ist ein unmögliches Verhalten."

Die DG Bank, die m+s inzwischen wieder eine Kreditlinie von fünf Millionen Mark einräumt, hat einen Abteilungsdirektor geschickt. Seine Bank werde die Kreditlinie nicht voll öffnen, stellt der klar. Er selbst sei nicht befugt zu verhandeln. Das Genossenschaftsinstitut hat Probleme. Es fusioniert gerade mit der DZ Bank - und muss im Vorfeld die Risikovorsorge wegen fauler Kredite um gut eine Milliarde Euro erhöhen. Den Minister aber interessiert nur der aktuelle Fall: "Es wird zur Unsitte, dass einer aussteigt und die anderen weitermachen sollen", schimpft Wiesheu. Als sich auch die anderen Banker über die " unmögliche Vorgehensweise" der DG Bank beklagen, geht der Abteilungsdirektor. Es ist jetzt 12.42 Uhr. Die Sitzung ist keine Viertelstunde alt.

Danach finden die anderen Banken unter Führung Rahmers zumindest eine vorläufige Lösung. Die volle Kreditlinie von insgesamt 98 Millionen Mark ist für m+s kurzzeitig wieder verfügbar. Gleichzeitig müht sich der Vorstand darum, offene Rechnungen einzutreiben. Einer der großen Schuldner ist die Commerzbank. M+s-Finanzvorstand Claus Schulze-Oberländer schreibt an die Bank: "Seit mehreren Monaten bewegen sich die Forderungen aus Lieferung und Leistungen der m+s Elektronik AG gegenüber Ihrem Hause auf sehr hohem Niveau, mittlerweile mehr als 15 Millionen Euro."

2. November, Bankenrunde im Arabella Sheraton, Frankfurt: Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die "aktuelle wirtschaftliche Lage" und "Sachstand Sicherheiten". Die Zahlen für das Halbjahr zum 31. Oktober sind schlecht, liegen aber im Plan: 19,7 Millionen Euro minus beim Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit.

Schnell nimmt die Sitzung eine überraschende Wendung: Mahr und Stripp weigern sich, die von der DG Bank gerissene Lücke von neun Millionen Mark - anders als zwischenzeitlich zugesagt - selbst zu schließen. Ihnen gehe langsam auch persönlich das Geld aus, sagen sie. Sie müssen gut 20 Millionen Mark an die BdW überweisen, eine Beteiligungsgesellschaft, deren größte Aktionärin die Dresdner Bank ist. Die BdW übt in der Krisensituation eine Option aus, einen Teil ihrer m+s-Anteile zurückzugeben.

Die Banken fühlen sich getäuscht. Mahr habe noch ein "beträchtliches Guthaben" bei der Dresdner Bank. Sie beharren darauf, dass Mahr und Stripp die neun Millionen zuschießen. "Wir sind nicht bereit, die Sanierung zu begleiten, wenn Sie das Zugesagte zurücksetzen", sagt Deutschbankerin Rahmer einem der Teilnehmer zufolge. "Das ist ein wiederholter Vertrauensbruch." Mahr jammert, er wolle kein "Sozialfall" werden. In der Folge setzt eine Bank nach der anderen die Kredite aus. Gegen 12.15 Uhr statt wie geplant um 15.30 Uhr geht die Runde auseinander.

"Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass das Unternehmen verloren war - und es den Geldgebern nur noch darum gehen würde, ihr Geld zu retten", sagt einer der Beteiligten rückblickend. "Das gegenseitige Vertrauen war weg. Da half es auch nicht mehr, dass die Lücke mit Hilfe der BdW zwei Tage später doch geschlossen werden konnte."

6. November, Steigenberger Hotel Frankfurt Flughafen: Erneut versuchen die Beteiligten, sich auf einen Poolvertrag zu einigen. Die Banken zurren ihre Bedingungen fest, das Firmen-Eigentum wird verpfändet: Tochtergesellschaften, Forderungen, Materialbestand, Aufträge; aus allem können sich die Banken bedienen, sollten die Kredite platzen. Zusätzlich sollen die Familien Mahr und Stripp ihre 51,5 Prozent der Anteile vorläufig an einen Treuhänder übertragen. Sie sagen zu.

Dafür geben die Institute 24,3 Millionen Euro frei. Weitere 2,4 Millionen Euro versprechen sie für den Fall, dass Roland Berger die Sanierungsfähigkeit von m+s bestätigt. Für sich selbst fordern die Banken im Erfolgsfall 2,5 Millionen Euro - etwa eine Million mehr als am 12. September vereinbart.

Unter Punkt sechs heißt es zum Abschluss des Sitzungsprotokolls: "Herr Mahr erklärt sich bereit, ohne Abfindung aus dem Vorstand auszuscheiden, sobald ein geeigneter Nachfolger gefunden ist." Der Chef soll gehen. "Das wirkte im Unternehmen wie ein Auflösungssignal, als es bekannt wurde", erinnert sich einer der damals Beteiligten.

14. Dezember: Die Berger-Berater legen ihr Gutachten vor. Sie sind auf Empfehlung der Deutschen Bank tätig und kalkulieren mit einem Honorar von 3 000 Euro pro Tag und Mann plus 22 Prozent Spesen. Für m+s sehen die Berater die Chance einer "kurz- bis mittelfristigen Ergebnisverbesserung um 65,8 Millionen Euro" - und bestätigen damit ein früheres Gutachten der Düsseldorfer Firma Management Engineers. Voraussetzung sei, dass die alten Kreditlinien wieder geöffnet werden. Aber die Fronten sind zu diesem Zeitpunkt bereits völlig verhärtet. Die Banken wollen sich nicht mehr bewegen, wenn Mahr und Stripp ihre Aktien nicht zu den von den Banken gestellten Bedingungen an den Treuhänder übertragen. Die aber weigern sich inzwischen auf Anraten ihrer Anwälte, nachdem sie zuvor bereits Millionen beigesteuert haben. "Auch die Altgesellschafter hätten ihren Beitrag leisten müssen", heißt es dazu in Bankenkreisen. Die Verhandlungen platzen.

21. Dezember: Der inzwischen bestellte neue m+s-Chef Heinz-Peter Göbbels und Vertriebsvorstand Udo Hamm beantragen beim Amtsgericht Aschaffenburg, "das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Gesellschaft wegen drohender Zahlungsunfähigkeit" zu eröffnen.

Oktober 2003: Von m+s ist nicht viel mehr übrig als zwei inzwischen selbstständige Tochtergesellschaften. Die Banken haben ihre Kredite zurück. Die Institute haben die am 7. November bestellten Sicherheiten frei gegeben. Der Insolvenzverwalter beschäftigt bei m+s noch gut 20 Mitarbeiter. Ihre einzige Aufgabe: offene Rechnungen prüfen und eintreiben - wegen der nachlässigen Buchführung bei m+s ein langwieriger Prozess. Es geht dabei noch um mehr als 20 Millionen Euro. Auch von der Commerzbank fordert der Insolvenzverwalter noch Geld.

Gründer Hans-Ulrich Mahr ist bis heute kein Sozialfall geworden. Zeitweilig, so sagt er zwar, habe ihm die Privatinsolvenz gedroht. Aber ihm gehören noch immer Teile der Firmengebäude. Er fährt statt des 500 SL nur noch die M-Klasse von Mercedes, dafür trägt er eine Breitling-Uhr. Von den 60 Millionen Euro, die das Aktienpaket seiner Familie einmal wert war, ist jedoch nichts mehr übrig.

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