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"Der guckt"

Seit gut einem halben Jahr führt Bernd Pischetsrieder VW. Morgen wird er seinem Aufsichtsrat die ersten Ergebnisse vorstellen: die Modellpolitik der nächsten Jahre. Doch eine Hausmacht hat sich der Vorstandschef immer noch nicht geschaffen. Statt dessen hält Piëch seine Getreuen.

Mit Menschen, das sagen alle, kann Bernd Pischetsrieder gut umgehen. Charmant ist er, eloquent, freundlich, offen und vor allem: diplomatisch. Das trifft sich gut, er wird es morgen brauchen.

Jedes Jahr im Herbst trifft sich der VW-Aufsichtsrat, um die Planung für die nächsten fünf Jahre zu beschließen. Es sei ein bisschen wie verfrühte Bescherung, erzählt ein Teilnehmer, denn der erlauchte Kreis stehe dann immer mit glänzenden Kinderaugen vor den neuesten Kreationen der Entwicklungsabteilung. Sozusagen am lebenden Objekt erklärt der Vorstandsvorsitzende, wie er sich die nächsten Jahre vorstellt.

Pischetsrieder, 54, wird morgen wohl Minivans zeigen, kleine Cabrios, mittlere Geländewagen, große Coupés, Mischungen kreuz und quer - und mit jedem Auto wird die Frage schwieriger zu umgehen sein, warum all das noch nicht, wie bei der Konkurrenz, von den Bändern läuft. Pischetsrieder könnte dann auf die Versäumnisse seines Vorgängers verweisen. Der hat mit allen Mitteln im Luxusgeschäft expandiert, was dem Konzern nach Einschätzung eines Aufsichtsrats ein doppeltes Problem beschert: Die Entwicklung der Luxuswagen kostet viel und bringt vorerst wenig Rendite, gleichzeitig klaffen bei den Brot-und-Butter-Autos empfindliche Lücken.

Natürlich wird man morgen nicht so in die Details gehen, denn Pischetsrieder kann ja mit Menschen umgehen, nicht zuletzt mit einem besonders schwierigen: Ferdinand Piëch, seinem Vorgänger und heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden. Auf der Tagesordnung steht "Planungsrunde 50", Unterpunkt Emanzipation.

Morgen muss Pischetsrieder vor kundigem Publikum zeigen, dass er seinen eigenen Weg ohne den scheinbar allmächtigen Piëch gehen kann. Rund sechs Milliarden Euro investiert der Konzern pro Jahr, und weniger soll es in den nächsten Jahren nicht werden. Die Zeit großer Werksneubauten ist vorbei, die Planung werde sich vor allem auf die Ausweitung der Modellpalette konzentrieren, sagt ein Aufsichtsrat. Weniger Überschneidungen und mehr Nischenautos sind Pischetsrieders Credo, mit dem er gleich an zwei Grundsätzen der Piëch-Ära rüttelt. Der Vorgänger hat die Plattformstrategie bis zu identischen Autos unterschiedlicher Marken getrieben. Er hat die Marken gegeneinander gehetzt. Es geht um mehr als ein paar neue Autos. Es geht um das Selbstverständnis nach Piëch.

"Der Ton macht die Musik", sagt ein Aufsichtsrat und hofft auf friedvolles Beisammensein. Freundlich im Ton und hart in der Sache möge Pischetsrieder sein. Beides ist zwingend nötig. Hart muss Pischetsrieder sein, weil ihm die Konkurrenz in wichtigen Märkten schon in diesem und voraussichtlich auch im nächsten Jahr davonfährt. Macht er auf der Linie seines Vorgängers weiter, bleiben viele Lücken in der Modellpalette und die Marktanteile schrumpfen weiter. Freundlichkeit im Ton empfiehlt sich, denn Pischetsrieder ist angreifbar. Seine Gewinnprognose vom Frühjahr hat er zurücknehmen müssen, das dritte Quartal verlief nicht nach Wunsch, und die Aktie kümmert vor sich hin. Man darf vermuten, dass er sich den Start leichter vorgestellt hat.

Im Aufsichtsrat hat das seinen Ruf bisher nicht beschädigt. "Dafür kann der Pischetsrieder nun wirklich nichts", sagt ein Vertreter der Arbeitgeberseite. Die ersten anderthalb Jahre könne man getrost noch auf das Konto des Vorgängers schreiben. "Wir sind mit ihm auf dem richtigen Weg", heißt es bei den Arbeitnehmern.

Der Weg verliert sich relativ schnell im Nebel, denn Pischetsrieder meidet die plakativen Ziele. Die sagten gar nichts über den Zustand eines Unternehmens, sagt er, was ein schönes Beispiel für seinen Umgang mit dem Vorgänger ist. Piëch wollte 6,5 Prozent Umsatzrendite, sechs Millionen Autos Jahresproduktion und einen Platz "auf dem Treppchen" der drei größten Autokonzerne. Nichts davon hat er erreicht. Das sagen Pischetsrieders Worte, aber eben auch: Was soll?s, das Ergebnis stimmt doch trotzdem.

Fragt man in Konzern und Aufsichtsrat, wie der Vorsitzende das Unternehmen denn führe, gibt es eine Art Standardantwort: "Der guckt." Aha, und sonst? "Er redet viel mit den Leuten." So, so. "Er will eben die Leute mitnehmen." Schön. Haben also die Leute Recht, die ihn seit seinen BMW-Jahren für zu weich und nachsichtig halten? "Blödsinn, er stellt genau die richtigen Weichen."

Die wichtigste Weiche soll die diversen Züge im Konzern endlich auf ein gemeinsames Gleis führen. Die interne Konkurrenz soll entschärft werden. Schon für Außenstehende ist unverkennbar, wie sich das Prinzip verselbstständigt hat. Skoda macht mit seinem Superb dem angejahrten VW Passat Konkurrenz, und VW schnappte dem Audi A2 den Titel des ersten Drei-Liter- Autos weg.

Eine Ebene darunter sperren sich Konzernmarken zuweilen dagegen, Teile bei Schwesterunternehmen einzukaufen - für das eigene Unternehmen ist das billiger, in der Konzernrechnung nicht selten teurer. Solches Denken pflanzt sich fort. "Jeder hat sich eingeigelt", sagt ein Betriebsrat. Kommunikation könnte schließlich den Vorsprung im konzerninternen Wettlauf gefährden.

Solches Denken ist nun wieder gar nicht nach Pischetsrieders Art. Es war mal wieder der Diplomat gefragt. "Wir sind die beste Feuerwehrtruppe der Autoindustrie", sagte er auf einer Betriebsversammlung, "aber ich will eine Brandverhinderungstruppe." Feuer löschen ist ja schön und gut, aber wer zündelt da eigentlich dauernd, und warum erfährt es keiner?

Das Gesamtergebnis des Konzerns habe vor dem der einzelnen Gesellschaften zu rangieren, predigt er unermüdlich. So wie er stets möglichst viele einbindet, möge es jeder andere tun. Das sei nicht weniger als ein Paradigmenwechsel, sagt ein Betriebsrat.

Das Miteinander hat keiner der Piëch-Getreuen, die Pischetsrieder umgeben, gelernt. Dieser bräuchte "Offiziere", die sein Denken bis zur Basis tragen, sagt ein externer Automanager, der den Konzern und seinen neuen Herrn lange kennt. Dass Pischetsrieder bisher nicht einmal einen Hauch von Hausmacht aufgebaut hat, irritiert nicht nur ihn. Allein der künftige Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch gilt nach gemeinsamen Jahren bei BMW als "sein" Mann. Mit etwas Phantasie kann man ihm noch Leute zurechnen, deren Verhältnis zum Patriarchen gegen Ende der Ära Piëch abkühlte, wie Strategievorstand Jens Neumann.

Dann gibt es noch Leute wie Martin Winterkorn. Der treue Piëch-Begleiter ist Chef der Markengruppe Audi und damit eine Art jederzeit verfügbarer Nachfolger. Nie im Leben habe er einen so loyalen Kollegen erlebt wie Winterkorn, sagt der VW-Diplomat.

Und was ist mit Piëch? Pischetsrieder selbst sagt, man telefoniere gelegentlich, damit habe es sich. Seit dem Abschied im April habe er von Einmischungen des Ex-Chefs nichts mehr gehört, sagt ein Mann aus der Führung, "und ich habe gute Ohren".

Andere verlassen sich mehr auf ihre Augen und beobachten neuerdings die europäische Bootsindustrie. Die Piëch-Yacht werde und werde nicht fertig, ist einem Top-Mann aus dem Konzern aufgefallen. Zu seiner versprochenen Weltumsegelung werde der Patriarch nie aufbrechen, und überhaupt: "Angeblich wird der sowieso dauernd seekrank."

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