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Die Familienkrise

Leverkusen ist Bayer, und Bayer ist Leverkusen. Nirgends sonst im Land ist die Beziehung zwischen einem Groß- unternehmen und der Kommune so eng wie am Rhein. Deshalb leidet jetzt eine ganze Region unter den Folgen der Lipobay-Krise - Besuch in einer verunsicherten Stadt.

Als sich der Karnevalszug in Leverkusen am Rosenmontag in Bewegung setzt, dauert es keine zehn Minuten, ehe die "KG Neustadtfunken" die Senioren- und Begegnungsstätte im Stadtteil Opladen passiert. Die dortigen, in einer Backsteinvilla residierenden Narren begrüßen jede Zuggruppe mit einem flotten Spruch. Auf dem Mottowagen der Funken steht: "Leverkusen - Eine Weltstadt geht baden". Worauf es aus den Lautsprechern der Senioren prompt dröhnt: "Bayer Alaaf!, Leverkusen Alaaf!, Bayer Alaaf!"

"Bayer? Warum Bayer?" "Also erstens: Wenn die Fußballer so weiterspielen, saufen die in die zweite Liga ab. Und zweitens ist der Zustand der ganzen Firma auch nicht viel besser als der der Mannschaft", erklärt Oberkarnevalist Heinz Schmitz den Schlachtruf. Und er fügt an: "Ich weiß, wovon ich rede, ich habe selbst viele Jahre bei Bayer gearbeitet, das, was da jetzt abläuft, ist ein Jammer."

Schmitz ist Ende 50, er trägt an diesem Tag zu Halbglatze und Schnautzer eine bunte Weste über dem weißen Hemd und im Gesicht eine rote Clownsnase. Vor drei Jahren "haben sie mich in den Vorruhestand geschickt", erzählt er, "und das war noch vor den Problemen mit Lipobay". Mehr wolle er lieber nicht zu diesem Thema sagen, "ich will mir doch nicht den Karneval versauen". Nur so viel noch: "Wenn die nicht aufpassen, geht hier in der Gegend alles den Bach runter".

Tatsächlich verändert die Krise um den Cholesterinsenker Lipobay nicht nur den Konzern, sondern schleichend die ganze Region. Denn jetzt drohen neben dem Umsatzausfall durch die Rücknahme der Pillen vom Markt auch noch Strafen in Milliardenhöhe, weil Rechtsanwälte in den USA Klage gegen Bayer eingereicht haben. Der Vorwurf: Der Konzern habe bereits früh davon gewusst, dass die Einnahme des Medikaments zu schweren Nebenwirkungen führen kann. Inzwischen ist der Aktienkurs auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren abgestürzt, das gesamte Pharmageschäft des Unternehmens steht zur Disposition, und weil auch die Chemiesparte unter der schlechten Konjunktur ächzt, leidet ein ganzer Konzern und mit ihm das, was man in Leverkusen einmal die Bayer-Familie nannte: die Beschäftigten, die Vereine, die Kulturtreibenden, die Angestellten in Schwimmbädern und Turnhallen, die Finanzbeamten, kurzum: fast die ganze Stadt. Und das liegt daran, dass nirgendwo sonst in diesem Land die Beziehung zwischen einem Großunternehmen und seiner Kommune so eng ist wie hier am Rhein.

Mehr als 30 000 Menschen arbeiten heute im Leverkusener Werk, das sich entlang des Flusses im Süden bis auf Kölner Stadtgebiet und im Norden mächtig Richtung Düsseldorf ausbreitet. Bayer ist überall, sogar über der Stadt. Das 118 Meter hohe Bayer-Kreuz gilt als einziges Wahrzeichen Leverkusens. Die Leuchtreklame hat sich derart ins Bewusstsein der Bürger eingegraben, dass diese, wenn das Kreuz wegen Wartungsarbeiten außerplanmäßig abgeschaltet ist, schon mal sorgenvoll zum Telefon greifen: "Ist im Werk noch alles in Ordnung?"

1863 von Friedrich Bayer und Johann Friedrich Weskott gegründet, entwickelt der Betrieb bereits 36 Jahre später das Medikament Aspirin, ein unglaubliches Erfolgsprodukt. 1913 arbeiten 10 000 Menschen bei Bayer. Sie bekommen die sozialen Wohltaten schnell zu spüren, auf die der damalige Konzernchef Carl Duisberg so viel Wert legt: Bayer gründet Kliniken, hat Anfang des Jahrhunderts eine eigene Bücherei und baut Ferienhäuser für seine Mitarbeiter. Später kommen Veranstaltungshallen, Sportplätze und Stadien dazu. Inzwischen gehören auch 67 werkseigene Vereine mit mehr als 61 000 Mitgliedern zur Familie. "Ihnen allen gemeinsam", so heißt es bei Bayer, "ist die enge Verbundenheit mit dem Unternehmen."

Die zeigt sich auch noch an fast jeder Ecke in der Stadt. Da gibt es in der Fußgängerzone das Bayer-Kaufhaus, eine Art Mini-Kaufhof, das mit dem Slogan "Alles Gute für Leverkusen" um Kunden für Unterhosen, Jeans, Schreib- und Haushaltswaren wirbt. Und da ist das Bayer-Erholungshaus, untergebracht in einer hübsch hergerichteten Gründerzeitvilla, in der durch die Bayer-Kulturabteilung bunte Unterhaltung geboten wird. In diesem Monat: "Karneval der Tiere", das Lustspiel "Alles Böse zum Geburtstag" und das Programm "Sonntag um 11", dänische Volksmusik aus zweihundert Jahren. Ob es bei diesem breiten Angebot auch künftig bleibt, darauf will sich Bayer nicht festlegen: "Alle Kosten werden stetig überprüft."

Im Leverkusener Rathaus, einem dunkelgrün-verkleideten Bau aus den siebziger Jahren, der in der Innenstadt tatsächlich einen, wenn auch deprimierenden städtebaulichen Akzent setzt, kennt man die Bayer-Probleme nur zu genau. Eingeklemmt zwischen Schnellstraßen und Bahngleisen sitzt in einem schäbigen Anbau Stadtkämmerer Rainer Häusler: "Wir sind hier absolut monostrukturiert und massiv abhängig von Bayer. Wenn der Konzern hustet, bekommt die Stadt eine ausgewachsene Lungenentzündung."

Wie rasend schnell das Fieber dann steigt, belegt Häusler mit der weggebrochenen Gewerbesteuer. Hatte er etwa für 2001 mit Einnahmen in Höhe von 89,5 Millionen Euro kalkuliert, landeten schließlich nur 36,4 Millionen Euro in der Kasse. Er spricht von einer "nie da gewesenen Finanzkrise". Die Differenz über 50 Millionen Euro sollte komplett von Bayer kommen. Sollte. Weil aber an Steuern fast nichts aus den Fabriken herüber ins Rathaus floss, mussten Büchereien und Schwimmbäder geschlossen werden, und in der Stadtverwaltung wurde ordentlich Personal reduziert. Häusler fügt an: "Lipobay liegt mir wirklich schwer im Magen. Und das nicht, weil ich das Medikament selbst zeitweise genommen habe. Sondern weil ich nur hoffen kann, dass die das in den Griff kriegen und es nicht zu weiteren negativen Folgen für Leverkusen kommt." Wie in diesen Tagen, wenn Bayer das firmeneigene Duisberg-Schwimmbad, ein ganzjährig beheiztes Freibad, für immer zusperrt. Konzernchef Werner Wenning sind die Betriebskosten von jährlich knapp einer Million Euro zu hoch.

Längst schon hat sich auch das Betriebsklima verändert, beobachten Betriebsräte. Die Zeiten seien vorbei, in denen Mitarbeiter mit stolz geschwellter Brust erzählten, dass sie bei "Mutter Bayer" arbeiteten. Vor allem in Leverkusen bangen viele um ihre Jobs: Bundesweit will Bayer bis 2005 deutlich mehr als 5 000 Stellen streichen, die allermeisten davon am Stammsitz.

Heino Fritsch*, seit mehr als zwanzig Jahren Schlosser im Bayer-Werk Dormagen, sagt: "Mir ist es wurscht, wenn die ein Schwimmbad schließen oder die Zuschüsse für die Weihnachtsfeier kürzen." Aber, so fügt der zweifache Familienvater hinzu: "Was mir nicht egal ist, wenn ständig über Stellenabbau gesprochen wird und ganze Einheiten verkauft werden - das macht die Atmosphäre kaputt, ganz zu schweigen vom Gefühl, zur Bayer-Familie zu gehören."

Als er damals mit 17 seine Lehre bei Bayer begann, da klopften sie ihm daheim noch auf die Schulter, erinnert er sich. "Sehr gut, Junge, sagte mein Vater zu mir, jetzt kannst Du mit diesem sicheren Arbeitsplatz im Rücken auch schon mal dran denken, eine Familie zu gründen." Doch "inzwischen ist Bayer eine Firma wie jede andere, wo nur noch Leistung zählt und manchmal nicht mal mehr das", schimpft Fritsch und erzählt von einem Kollegen, "den sie jetzt rausgekickt haben, obwohl der gute Arbeit ablieferte".

Kein Einzelfall. Die Spannungen zwischen Chefetage und Angestellten scheinen in diesen Tagen stetig zuzunehmen. Beispiel Aufsichtsrat: Als etwa Konzernchef Wenning ankündigt, dass Bayer nicht mehr länger auf eine Mehrheitsposition beim geplanten Joint Venture im Pharmageschäft besteht, kracht es zwischen ihm und den Arbeitnehmervertretern. Sie lehnen ab, weil Bayer das traditionelle Geschäft damit praktisch aus der Hand geben würde. "Können Sie sich Bayer ohne Pharma vorstellen? Ich nicht", sagt Betriebsratschef Erhard Gipperich und drückt so aus, was viele Mitarbeiter denken.

Prompt gerät er in einen heftigen Streit mit Oberaufseher Manfred Schneider, der dazu auch noch öffentlich ausgetragen wird - so etwas war bei Bayer bis dahin undenkbar. Ein anderer Bayer-Kontrolleur beurteilt das befremdliche Schauspiel so: "Das ungetrübte Zusammenleben der Bayer-Familie gibt es eben nicht mehr."

*Name von der Redaktion geändert

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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